Rene «Level» Martinez: Kimbos missratene Gangster-Kopie
Aktualisiert

Rene «Level» MartinezKimbos missratene Gangster-Kopie

Wie einst Kimbo Slice prügelte sich Rene Martinez zum YouTube-Star. Doch während sein Vorbild noch immer im Rampenlicht steht, stolpert der ehemalige Gang-Boss über sich selbst.

von
P. Toggweiler

Er war der König der Strassenprügler: Kimbo Slice. Der charismatische Bär mit dem Rauschebart erkämpfte sich dank YouTube MMA-Profiduelle mit Gagen von bis zu einer halben Million Dollar. Schnell zeichnete sich ab, dass er gegen professionelle Kämpfer an seine Grenzen kommt. Der geschickte Selbstvermarkter wusste sich aber im Gespräch zu halten - und spielt heute in grossen Hollywoodproduktionen mit.

Davon träumt auch Rene Martinez. Er steht noch am Anfang seiner Profi-Karriere – vielleicht aber auch schon am Ende. Wie Kimbo verprügelte der ehemalige Gang-Leader in Hinterhöfen reihenweise Gegner. Wie Kimbo wechselte er ins Lager der Profis. Den wichtigsten Schritt allerdings liess er aus: Er kam nie richtig von der Strasse weg.

Stereotype Biographie

Früh lernte der Kuba-Amerikaner aus zerrütteten Familienverhältnissen die negativen Seiten des Lebens kennen: Von Seinem Vater gab es mehr Schläge als Liebe und so flüchtete er wie so viele seiner Generation und einer ähnlichen Leidensgeschichte mit zwölf Jahren in die offenen Armen einer Strassengang. Zwei Jahre später flog Martinez bei einem schweren Autounfall durch die Windschutzscheibe. Er und seine drei Kollegen hatten den Wagen kurz zuvor gestohlen. Wie die Miami New Times berichtet, sollen seine Überlebenschancen fünf Prozent betragen haben. Doch wie heisst es auf der Strasse? Was dich nicht umbringt, macht dich stärker.

Mit sechzehn gründete Martinez seine eigene Gang «Latin Syndicate», die er zehn Jahre lang als Leader anführte. Während dieser Zeit wurde er 21-mal verhaftet und sass verschiedene Strafen ab. Wegen Schlägereien, häuslicher Gewalt, Autodiebstahl – aber auch wegen einer Schiesserei. «Original Gangsta» hat er sich auf seine linke Schulter tätowiert. Er hätte es nicht treffender sagen können.

Er machte sie alle platt

Aus dieser Zeit stammt auch Martinez' Spitzname «Level». «Wenn Du mich falsch angeschaut oder einfach nur Augenkontakt hergestellt hast, habe ich dich ausgeknockt», sagte er in einem Interview gegenüber der Produktionsfirma «Sobe Entertainment».

Martinez' Ruf als brutaler K.o.-Schläger war bis zu Kimbo Slice vorgedrungen. Während dieser bereits seinen ersten MMA-Kampf vor sich hatte, organisierte er für Martinez seinen ersten YouTube-Fight. Martinez trat gegen einen Karate-Instruktor an und machte seinem Übernamen «Level» («To level out» bedeutet so viel wie «plattmachen») alle Ehre: Nach nur einem Schlag lag der Gegner am Boden.

Auch seine nächsten acht Hinterhof-Gegner hatten gegen den brachialen, präzisen und schnellen Gangboss wenig zu bestellen. Mittlerweile schauten nicht nur Miamis Untergrund-Schläger, sondern auch hunderttausende YouTube-User zu, wie «Level» seine Gegner ausknockte. Ein kleiner MMA-Verband hatte Blut geleckt. Der Vertrag für den ersten Profi-Kampf war schnell unterschrieben.

Er levelt nicht mehr

Seither hat Martinez vier Profikämpfe bestritten: drei davon siegreich, einer endete unentschieden. Zweimal musste Level dabei gegen schwache Gegner über die volle Distanz gehen (gemeinsame Kampfbilanz der beiden: ein Sieg, 14 Niederlagen). Gegen einen blutigen Anfänger schaffte Martinez einen K.o.-Sieg in der ersten Runde. Hansel Calderon, ein Gegner mit etwas mehr Profil, rang Martinez letzten September ein Unentschieden ab.

Seither ist Levels Karriere ins Stocken geraten. Experten zweifeln am Talent im Ring – er ist nicht schlecht. Aber ein ganz Grosser wird er nicht. Bei den Profis ist er einer von vielen. Seit fast einem Jahr hat Martinez deshalb nicht mehr gekämpft. Und mit 37 Jahren ist er nicht mehr der Jüngste. Der Gangboss hat ausgelevelt.

Im Internet geht man schnell vergessen

Was tun, wenn die Karriere ins Stocken gerät? Kimbo hat es vorgemacht – man wechselt ins Showbusiness. Ein Doku-Film über Martinez' Leben hätte ursprünglich im letzten Sommer auf den Markt kommen sollen. Zu mehr als einer Releaseparty und einem billigen Trailer hat es bisher aber nicht gereicht.

Als «Original Gangsta» gehört es zum guten Ton, stets verschiedene Standbeine zu haben. Also tingelt Level wieder mit seinen Gang-Freunden herum und versucht sich in der Musik. So gefährlich Level im Ring wirkt, so hilflos benimmt er sich hinter dem Mikrophon. Kampfsport und Rap ging bisher noch nie auf: Nicht bei Roy Jones Junior, nicht bei Floyd Mayweather – und auch nicht bei Rene Martinez. «Gut, er macht nun Musik – ich will aber sehen, wie ‹Level› ein paar Köpfe in einem Hinterhof einschlägt», schreibt ein enttäuschter YouTube-User zu einem Level-Musikvideo. Martinez ist nicht der Erste, der eine mittelmässige, dafür sichere Karriere für einen Traum aufgibt, der ausser Reichweite liegt. Levels jüngster Song heisst übrigens «Survival».

Level und seine Gang

(Video: YouTube)

«Levels» neuster Song «Survival»

(Video: YouTube)

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