Windeln im Zug gewechselt: Kind von Wickel-Mami ist schwer krank
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Windeln im Zug gewechseltKind von Wickel-Mami ist schwer krank

Nach einem langen Tag im Spital wickelte Yvonne W. ihr zwei Monate altes Kind im Zugabteil. Die Aktion wurde tausendfach kommentiert. Einige Kommentare trafen die Mutter sehr.

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qll
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In einem Viererabteil des Intercity von Bern nach Zürich wickelte eine Frau am Montagabend ihr Baby.

In einem Viererabteil des Intercity von Bern nach Zürich wickelte eine Frau am Montagabend ihr Baby.

Leser-Reporter
Ein Leser sagt: «Ein unangenehmer Geruch breitete sich aus, viele Personen hielten sich die Nase zu oder gingen weiter und setzten sich woanders hin.» (Symbolbild)

Ein Leser sagt: «Ein unangenehmer Geruch breitete sich aus, viele Personen hielten sich die Nase zu oder gingen weiter und setzten sich woanders hin.» (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally
Grundsätzlich sei das Wickeln von Kindern auf Zugsitzen in Ordnung, solange es die anderen Fahrgäste nicht störe und es keine Spuren hinterlasse, sagt SBB-Sprecherin Rebecca Spring. (Symbolbild)

Grundsätzlich sei das Wickeln von Kindern auf Zugsitzen in Ordnung, solange es die anderen Fahrgäste nicht störe und es keine Spuren hinterlasse, sagt SBB-Sprecherin Rebecca Spring. (Symbolbild)

Keystone/Gaetan Bally

In einem Viererabteil des Intercity von Bern nach Zürich wickelte eine Frau letzte Woche ihr Baby. Andere Pendler hätten wegen des Gestanks das Weite gesucht, sagte ein Leser-Reporter. Auch in den Kommentaren auf 20 Minuten gab die Aktion zu reden.

Dass das Thema interessiert, zeigen auch die Reaktionen auf einen offenen Brief von Bloggerin Tanja Suppiger. Darin schrieb sie etwa, wie stolz sie auf die Entscheidung der Mutter sei. Der Brief wurde auf Facebook innerhalb von drei Tagen über 5400-mal gelikt und über 800-mal kommentiert.

Ganztägige Untersuchung im Kinderspital

Yvonne W.* aus dem Kanton Zürich ist die betroffene Mutter. Zu 20 Minuten sagt sie: «Ich hätte nie gedacht, dass die Aktion solche Wellen wirft.» Sie führt aus, wie es zu der Situation im Zug gekommen ist: «Mein zwei Monate altes Kind ist mit einer seltenen Krankheit geboren und wir hatten eine ganztägige Untersuchung im Kinderspital Bern. Nach diesem Tag waren wir einfach total erschöpft.»

Als sie dann die rund dreistündige Heimfahrt antreten konnte, habe sie zuerst im Gang stehen bleiben müssen, weil der Zug so voll gewesen sei. «Ich würde nie freiwillig mit einem Baby zu Stosszeiten den Zug nehmen. Aber an diesem Tag ging es nicht anders.»

Wickeln dauerte etwas länger

Eine Frau habe ihr dann den Sitzplatz angeboten: «Ich merkte ziemlich schnell, dass die Windel voll war. Trotzdem habe ich gewartet, bis der Zug in Zürich leerer wurde, damit ich die anderen Passagiere mit dem Wickeln nicht störe.» Bis dahin habe sie ihr Baby mit ihrer Jacke umwickelt, damit sich die anderen nicht am Geruch störten. «Weil aber die Babykleidung auch dreckig geworden ist, hat das Wickeln etwas länger als sonst gedauert.»

Sie habe nicht gewusst, dass sie fotografiert worden sei: «Um ehrlich zu sein: Ich bin froh, hat die Person mich fotografiert und nicht angesprochen. Es war ein wirklich nervenaufreibender Tag. Ich hätte keine Nerven dafür gehabt.» Aus dem Augenwinkel habe sie jedoch wahrgenommen, dass vorbeilaufende Passagiere sie beobachtet hätten.

«Ich habe mir lange überlegt, was ich machen soll»

Auch jetzt noch sei sie aber der Meinung, dass sie genug Rücksicht auf die anderen genommen habe. «Ich wusste, dass ich mein Kind dort wickeln darf, habe aber nicht gewusst, dass es im Zug Wickeltische gibt», sagt W. «Ausserdem hatte ich eine Unterlage und habe dann auch alles so entsorgt, dass es nicht stinkt.» Sie beteuert, niemandem den Platz weggenommen zu haben: «Es waren ja viele dabei, auszusteigen oder einzusteigen. Es musste wirklich niemand wegen uns stehen.»

Per Zufall hat sie durch eine Verwandte dann erfahren, dass ihre Aktion solche Wellen geschlagen hat: «Der Bericht hat mich nicht gestört. Einige Kommentare haben mich aber verletzt. So hiess es etwa, dass ich mich in aller Öffentlichkeit nun für meine Aktion entschuldigen solle, obwohl ich ja nichts falsch gemacht habe. Die Kommentare haben mich zum Grübeln gebracht und an mir selbst zweifeln lassen.»

Der Zuspruch von anderen Frauen, aber auch der offene Brief hätten ihre Stimmung jedoch wieder gehoben. «Ich fand es sehr schön, dass jemand meine Situation und Gefühle so in Worte gefasst hat. Denn ich habe mir im Zug wirklich lange überlegt, was ich machen soll.»

*Name der Redaktion bekannt

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