Mexiko: Kinder aus jüdischer streng-orthodoxer Sekte befreit

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MexikoKinder aus jüdischer streng-orthodoxer Sekte befreit

Im mexikanischen Chiapas hat die Polizei bei einer Razzia im Gelände der jüdischen Sekte Lev Tahor Kinder und Jugendliche geholt. Den Behörden zufolge wurden die Minderjährigen von den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft misshandelt. 

von
Karin Leuthold
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Ende September 2022 wurden nördlich von Tapachula im Bundesstaat Chiapas mehrere Mitglieder der Sekte Lev Tahor festgenommen. Bei der Razzia wurden auch mehrere Kinder und Jugendliche befreit.

Ende September 2022 wurden nördlich von Tapachula im Bundesstaat Chiapas mehrere Mitglieder der Sekte Lev Tahor festgenommen. Bei der Razzia wurden auch mehrere Kinder und Jugendliche befreit.

Screenshot Youtube
Lev Tahor hat schätzungsweise um die 300 Mitglieder. Die Sekte vertritt eine extremistische antizionistische Ideologie.

Lev Tahor hat schätzungsweise um die 300 Mitglieder. Die Sekte vertritt eine extremistische antizionistische Ideologie.

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Zu ihren Praktiken gehört es, dass sich Frauen … 

Zu ihren Praktiken gehört es, dass sich Frauen … 

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Darum gehts

Die mexikanischen Behörden haben mehrere Mitglieder von 17 jüdischen Familien nördlich von Tapachula im Bundesstaat Chiapas festgenommen. Ihnen werden unter anderem Menschenhandel sowie schwere sexuelle Straftaten vorgeworfen. Mehrere Kinder und Jugendliche der streng-orthodoxen Sekte Lev Tahor wurden in einer Razzia am Freitag befreit, wie lokale Medien berichten. 

Die Sonderstaatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität hatte eine Untersuchung eingeleitet, nachdem der 22-jährige Yisrael Amir, ein ehemaliges Mitglied der Sekte, das vor etwa drei Jahren von Mexiko nach Guatemala geflohen war, Anzeige erstattet hatte. Amir versuchte, seinen zurückgelassenen Sohn und seine Frau zurückzubekommen. Der Mann brachte seine Familie am Montag zurück nach Israel.

Sekte wird oft «jüdische Taliban» genannt

Lev Tahor, was auf Hebräisch «reines Herz» bedeutet, wurde Ende der 1980er Jahren in Jerusalem von dem charismatischen Führer Rabbi Shlomo Hebrans gegründet. Nachdem die Gruppe zunächst in die USA reiste, wanderte sie nach Kanada aus, wo sie schon bald wegen angeblicher Kindesmisshandlungen unter Verdacht geriet. Sie wanderte im Jahr 2014 nach Guatemala aus und liess sich nach einiger Zeit schliesslich im Süden Mexikos nieder. Dort starb Hebrans 2017 unter mysteriösen Umständen.

Lev Tahor hat schätzungsweise um die 300 Mitglieder. Die Sekte vertritt eine extremistische antizionistische Ideologie. Zu ihren Praktiken gehört es, dass sich Frauen und Mädchen im Alter ab drei Jahren vollständig in schwarzen Gewändern verhüllen. Auch die Männer tragen Schwarz, bedecken ihre Köpfe mit Hüten und rasieren ihre Bärte nicht. Die Sektenmitglieder werden aus diesem Grund von der israelischen Boulevardpresse oft als «die jüdischen Taliban» bezeichnet. 

Doch selbst Sekten-Experten und -Expertinnen halten es für unverhältnismässig, Lev Tahor so zu nennen. «Sie sind zwar eine übermässig fromme Gruppe von Juden, die Taliban aber werden mit dem Einsatz von extremer Gewalt und Zerstörung in Verbindung gebracht», kommentierte die israelische Tageszeitung «Haaretz» im Jahr 2014. 

«Ich konnte meinen Sohn nicht einem Leben mit Hunger und Elend überlassen»

Dennoch sind Kinderehen und Züchtigung eine gängige Praxis unter den Mitgliedern, wie BBC berichtet. Im April 2017 stufte Israel die Gruppe als gewalttätige Sekte ein, nachdem Beweise für schwere seelische und körperliche Misshandlungen von Mitgliedern aufgetaucht waren. Die Familien leben laut den Berichten von der Aussenwelt isoliert, Eltern innerhalb der Sekte sollen zudem ihre Kinder daran hindern, zur Schule zu gehen.

Die Sektenmitglieder ernähren sich nach einer sehr strengen Diät: Ihre Gerichte müssen nicht nur koscher sein, sondern auch aus natürlichen und unverarbeiteten Zutaten bestehen. Sie konsumieren etwa keine Hühner oder Hühnereier, da sie diese für gentechnisch verändert halten. Reis und grüne Zwiebeln sowie Blattgemüse gehören ebenfalls nicht zur Diät, weil sie Angst vor Insekten haben. 

Wie die «Jerusalem Post» am Dienstag berichtet, wolle nun Yisrael Amir sich «ein neues Leben als junger Vater» in Israel aufbauen. «Von dem Moment an, als ich geflohen bin, hatte ich nur ein Ziel: Meinen Sohn vor dem Albtraum zu retten, in einer Sekte zu leben», sagte er. «Ich konnte ihn nicht einem Leben mit brutal strengen Regeln, Gehirnwäsche, Hunger und Elend überlassen», so der 22-Jährige. 

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, von einer Glaubensgemeinschaft unter Druck gesetzt?

Hier findest du Hilfe:

Infosekta, Fachstelle für Sektenfragen, Tel. 044 454 80 80

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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