Getty Images
14.10.2020 12:13

«Kinder dürfen nicht einfach so im Oldtimer mitfahren»

Florian besitzt einen Vierplätzer ohne Kopfstützen für die Kleinen auf der Rückbank. Diese nur gefährlich, sondern auch verboten, sagt der Experte.

von
Olivia Solari, AGVS
14.10.2020

Frage von Florian ans AGVS-Expertenteam:

Ich habe einen kleinen Oldtimer mit vier Plätzen. Für die hintere Sitzbank gibt es keine Kopfstützen, nur vorne. Wenn meine Kinder ohne Sitzerhöhung hinten Platz nehmen, ist die Rückenlehne so hoch, dass ihre Köpfe schön auf der Lehne sind. Wenn sie aber auf ihren Sitzerhöhungen sitzen, sind die Köpfe oberhalb der Sitzlehne, genau im Bereich der Kopfstütze, die es eben nicht gibt. Bei einem Auffahrunfall ist ein Schaden an der Halswirbelsäule bereits vorprogrammiert. Ist es erlaubt, die Kinder in einem solchen Fall ohne Erhöhungen mitzuführen?

Antwort

Lieber Florian

Eine Spritzfahrt an einem lauen Abend ist für viele das Highlight des Tages, da soll natürlich auch die Familie mit. Auch wenn die Kinder vermutlich freudig im Klassiker mitfahren möchten, ist dies nicht ungefährlich: Die meisten Oldtimer stammen aus Zeiten, in denen Gurte oder, wie bei deinem Auto, Kopfstützen noch nicht zur Pflichtausstattung gehörten.

Aufgrund der generell wohl eher vorsichtigen, defensiven Fahrweise ist das Risiko, in einem Oldtimer zu verunfallen, allenfalls etwas tiefer, jedoch ist das Verletzungsrisiko bei einem Unfall circa 30 Prozent höher als in moderneren Fahrzeugen. Dein Dilemma mit der Sitzerhöhung und die Sicherheitsbedenken, die sich daraus ergeben, sind daher sehr verständlich.

Gemäss Art. 3a Abs. 1 der Verkehrsregelnverordnung (VRV) muss der Fahrzeugführer sicherstellen, dass Kinder unter 12 Jahren ordnungsgemäss gesichert sind. Dies beinhaltet nach Absatz 4 insbesondere die «Kindersitzpflicht» für Kinder unter 12 Jahren und unter 150 cm Körpergrösse. Für Kinder ab 7 Jahren sind Sitzerhöhungen, wie du sie verwendest, zugelassen (sofern auf dem entsprechenden Platz zumindest ein Beckengurt existiert). Ein Kind unter 12 Jahren und unter 150 cm Körpergrösse ganz ohne Kindersitz oder Sitzerhöhung mitzuführen, wie du es vorhast, ist somit nicht erlaubt.

Für deinen Oldtimer gibt es sogar noch eine weitere Einschränkung: Durch das hohe Verletzungsrisiko bei einem Unfall (z.B. Schleudertrauma) dürfte aufgrund der fehlenden Kopfstützen eine einfache Sitzerhöhung allein nicht ausreichen, um gesetzeskonform unterwegs zu sein. Wir erinnern uns an Art. 3a Abs. 1 VRV, der eine ordnungsgemässe Sicherung des Kindes vorschreibt. Ohne Sitzerhöhung wären deine Kinder zwar besser vor einem Schleudertrauma geschützt, jedoch sind die Gurte in PKW für Erwachsene konzipiert. Bei Notbremsungen und Unfällen können Kinder Schnittverletzungen erleiden oder sogar unten aus dem Gurt herausrutschen. Damit die Gurte bei deinen Kindern optimal anliegen, ist daher eine erhöhte Sitzposition erforderlich. Die zwingend nötige Erhöhung der Sitzposition führt wiederum dazu, dass der Kopfbereich nicht ordnungsgemäss gesichert ist.

In der Schlussfolgerung sehen wir also: Eine einfache Sitzerhöhung ohne Kopfstütze ist in deinem Fall gleichermassen nicht erlaubt. Damit du legal unterwegs bist und auch sorgenfrei deine Ausfahrten mit den Kindern geniessen kannst, empfehle ich dir daher, einen richtigen Kindersitz anzuschaffen, also ein mit Sitzpolster, stabiler Rückenlehne, Seitenpolster und Kopfstütze ausgestattetes Produkt. Diese Art der Kinderrückhaltevorrichtung erhöht zugleich den Schutz bei einem seitlichen Aufprall und verbessert zudem den Sitzkomfort. Für die Sitzprobe beim Garagisten nimmst du am besten gleich die Kinder und das Fahrzeug mit.

Gute Fahrt!

Sende deine Frage(n) einfach per Mail an autoratgeber@20minuten.ch. Die interessantesten und aktuellsten Fragen und natürlich die Antworten publizieren wir jeden Mittwoch unter dem Vornamen des Fragenden hier im Lifestyle-Channel von 20 Minuten.

Der AGVS

Der AGVS ist der Verband der Schweizer Garagisten. 4000 Betriebe mit 39'000 Mitarbeitenden (darunter 9000 Nachwuchskräfte in Aus- und Weiterbildung) sorgen dafür, dass wir sicher, zuverlässig und energieeffizient unterwegs sind. Und dieses Expertenteam sorgt für Durchblick: Markus Aegerter (Handel und Dienstleistungen), Olivier Maeder (Bildung), Markus Peter (Technik und Umwelt) und AGVS-Juristin Olivia Solari (Recht).

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
19 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Oldtimer Fahrer

15.10.2020, 19:24

Wir leben schon in einem schizophrenen Staat: Will ich bei einem Oldtimer (Veteran) z.B. Trommelbremsen durch wesentlich bessere Scheibenbremsen ersetzen, verliere ich den Veteranen-Status und muss wieder 2-jährlich vorführen. Das selbe gilt, wenn man den Beckengurt durch 4-Punkt-Gurte ersetzen möchte. Ist zwar viel sicherer, aber man verliert den Veteranen-Status. Dafür muss man im Artikel erwähnten Fall sozusagen eine Kinder-Sicherheits-Zelle einbauen, damit mal ein Kind mitfahren darf. Wo ist da die Logik?

Oldiowner

15.10.2020, 13:34

In meinem Oldtimer mit Jahrgang 1970 habe ich Hosenträgergurten montiert. Diese sind nicht im öffentlichen Verkehr erlaubt, darum muss ich diese für die MFK alle 6 Jahre ausbauen und gehen ihn ohne Gurten prüfen, da dass Auto noch keine Gurtpflicht hat. Laut Gesetzgeber ist es sicherer ohne Gurten zu fahren als mit den Hosenträger gurten. Aber man muss dann Kindersitze montieren welche richtig befestig sind.... Und die Eltern dürfen oder bzw. müssen keine Gurten tragen?

Sunpower

15.10.2020, 11:05

Unabhängigkeit ✅ In nur einer Stunde liefert die Sonne ☀️ genug Energie, um die gesamte Weltbevölkerung 🌎 für ein Jahr mit Strom⚡️versorgen zu können. Dieses Potenzial müssen wir nutzen. Die Elektro­mobilität und Solar­technologie ☀️ebnen den Weg in eine klima­freundliche Mobilität. 👍🔝