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Mainzer Missbrauchsfall«Kinder kopieren, was sie in Pornos gesehen haben»

In einer Kita in Mainz sollen Kleinkinder wochenlang Gleichaltrige gequält haben. Kinderpsychiater Michael Winterhoff überrascht das nicht.

von
Christa Roth
In der katholischen Kindertagesstätte «Maria Königin» in Mainz-Weisenau soll es zu den sexuellen Übergriffen unter Kindern gekommen sein.

In der katholischen Kindertagesstätte «Maria Königin» in Mainz-Weisenau soll es zu den sexuellen Übergriffen unter Kindern gekommen sein.

Kinder mussten sich vor anderen Kindern entblößen, ihnen ihre Geschlechtsteile zeigen. Sie wurden geschlagen und erpresst. So erzählen es Eltern von Betroffenen. Wochenlang sollen die Misshandlungen in der Mainzer Kindertagesstätte Maria Königin geschehen sein.

Wie kommen so kleine Kinder auf die Idee, Altersgenossen sexuell zu erniedrigen? Und wie kann so etwas so lange unbemerkt bleiben? Kinderpsychiater Michael Winterhoff nimmt Stellung.

Herr Winterhoff, viele reagieren sprachlos angesichts der schrecklichen Vorfälle in der Mainzer Kindertagesstätte. Wie bewerten Sie den öffentlich gewordenen Missbrauch?

Ich bin seit 30 Jahren in diesem Beruf tätig und beobachte schon seit längerem, dass Kinder immer häufiger andere Kinder unter Druck setzen. Mich erschüttert aber nicht, das etwas stattgefunden hat, sondern in welchem Ausmaß und wie lange.

Wie kann es sein, dass Kleinkinder sexuell übergriffig werden?

Im Grunde handelt es sich bei solchen Missbrauchsfällen um Machtausübung. Wenn sexuelle Komponenten, wie etwa sich Dinge in den Po zu stecken, dazukommen, kann man davon ausgehen, dass das aktive Kind selbst in sexuelle Handlungen involviert ist. Entweder in der Familie oder durch den Zugang zu pornographischen Materialien.

Welche Rolle spielen die Eltern dabei?

In den meisten fällen bekommen Kinder von der Eltern immer seltener Grenzen aufgezeigt. Sie sind früh mit dem Handy unterwegs, dürfen im Internet surfen, ohne dass die Eltern wissen, was ihre Kinder machen. Dass kleine Kinder dann im Kontakt mit älteren Kindern – etwa durch elf- und zwölfjährige, aber auch bereits durch Grundschüler – an Pornografie herangeführt werden, ist eigentlich nicht mehr ungewöhnlich. Im Kindergarten wird dann das Gesehene kopiert.

Wie kommt es dazu, dass diese Kinder solche Handlungen in öffentlichen Einrichtungen etablieren?

Offene Konzepte für Betreuungseinrichtungen sehen so aus, dass sich Kinder einloggen, ob sie im Turbo- oder im Bastelraum oder im Café sind. Die Erzieher wissen also gar nicht mehr, was wo passiert. Man arbeitet nicht mehr über Bindung und Beziehung. Die Kinder sind völlig frei, zu machen, was sie wollen. Dass es dann beim Toilettengang zu übergriffigen Handlungen kommt, kann eigentlich kaum noch verwundern. Denn je mehr man Kinder auf sich gestellt lässt, desto mehr Macht üben sie aus.

Aber sollen Kinder sich denn nicht in Freiheit entwickeln?

Kleine Kinder sind mit dieser Freiheit überfordert. Auch die Täter. Sie müssen erst lernen, was richtig und was falsch ist, sonst sind sie aufgeschmissen. Darum müssen Kinder angeleitet und begleitet werden. Für mich sogar auch beim Toilettengang – zumindest, wenn mehrere Kinder gemeinsam aufs Klo gehen. Die Gefahr, dass sonst Blödsinn gemacht wird, ist recht hoch. Und sei es nur, dass sie das Bad unter Wasser setzen.

Dass Kinder auch in Bezug auf Körper neugierig sind, ist aber nichts Ungewöhnliches.

Bei harmlosen Doktorspielen geht es darum, etwas zu sehen oder zu erfahren. Kinder würden nicht von sich aus, sexuelle Handlungen vornehmen, wenn sie nicht schon in diese eingeweiht worden wären.

Die Rolle der Erzieherinnen ist noch nicht richtig aufgearbeitet. Wenn es sich um Erzieher handeln würde, wäre der Aufschrei wahrscheinlich noch viel größer, oder?

Die Gesellschaft sieht nicht, dass Missbrauch durch Frauen stattfindet, aber nicht so häufig wie durch Männer. Ich würde den Erzieherinnen also nichts unterstellen. Ich gehe eher davon aus, dass sie es nicht bekommen haben, weil es an Struktur gefehlt hat. Wenn einer in die Ecke pinkelt, müsste man es spätestens am nächsten Tag riechen. Und wenn man das schon nicht registriert, was wird dann überhaupt registriert? Wenn das ganze dagegen weggewischt wurde, hat man sich nicht um das eigentliche Problem gekümmert.

Also ist zuviel Freiheit das größte Problem?

Ja. Denn Kinder bleiben auf einer Kleinkindstufe stehen. Sie entwickeln sich nicht weiter, weil sie von ihren Eltern kaum noch Grenzen aufgezeigt bekommen. Im Kindergarten und in der Schule erleben wir ähnliche Situationen. Das kreiert ein Vakuum, das die Kinder mit Macht zu füllen wissen. Und wenn sie älter werden, werden im schlimmsten Fall tyrannische Heranwachsende aus ihnen, die keine Strukturen anerkennen, keinen Sinn für Pünktlichkeit haben und keine Arbeitshaltung. So kommen wir in eine Schieflage.

Was kann man tun, um derartige Fälle künftig zu vermeiden?

Kinder müssen eine feste Bezugsperson haben und Erzieher die Möglichkeit, nahe bei den Kindern zu sein, um sie kennenzulernen. In einem Kindergarten, wo mehr geführt wird, würden Missbrauchsfälle schneller auffallen.

Michael Winterhoff ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und betreibt eine Praxis in Bonn. Winterhoff gilt als Fachexperten, wenn es um psychische Entwicklungsstörungen im Kindes- und Jugendalter geht.

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