Vernachlässigung: Kinder leiden unter dem iPhone-Boom
Aktualisiert

VernachlässigungKinder leiden unter dem iPhone-Boom

Rabeneltern wegen Smartphones: Immer mehr Mamis und Papis vernachlässigen ihre Kinder, weil sie dauernd an ihrem Gadget kleben.

von
Antonio Fumagalli
Diese Mutter ist physisch zwar da, aber psychisch abwesend. (Bild: colourbox.com)

Diese Mutter ist physisch zwar da, aber psychisch abwesend. (Bild: colourbox.com)

Brav sitzt der Familienvater neben seinen beiden Kindern im Badezimmer. Die Kinder planschen in der Wanne, das Wasser schwappt über den Rand – nur der Vater merkt nichts davon. Grund: Er ist so auf sein iPhone fixiert, dass er seine Umgebung nicht mehr wahrnimmt.

Was sich wie ein Einzelfall anhört, ist in Tat und Wahrheit ein Phänomen, das Fachleute in der Schweiz – notabene dem Land mit der weltweit höchsten Pro-Kopf-Verbreitung von Smartphones – beunruhigt: «Die technischen Gadgets sind eine neue Dimension. Wenn man als Eltern die dauernde Ablenkung nicht im Griff hat, wirkt sich dies negativ auf die Erziehung der Kinder aus», sagt Medienpädagoge Thomas Merz. Für Kinderarzt und Fachbuchautor Remo Largo hat diese Entwicklung zur Folge, dass Eltern immer weniger «quality time», also wertvoll genutzte Zeit, mit den Kindern verbringen: «Sie sind zwar physisch da, aber psychisch abwesend.»

Die mangelnde Aufmerksamkeit der Eltern können Kinder laut Kinderpsychologin Annette Cina mit übertriebener Anhänglichkeit oder Aggression quittieren. Auch eine Untersuchung von Sherry Turkle, Professorin am renommierten Massachusetts Institute of Technology, zeigt: Gefühle von Kränkung und Eifersucht sind bei denjenigen Kindern besonders verbreitet, deren Eltern einem unverhältnismässigen Gebrauch von neuen Technologien frönen. Kinderarzt Largo fordert deshalb eine Wertediskussion: «Wir müssen uns fragen, ob die Familie oder materielle Werte wichtiger sind.» Eltern müssten klare Prioritäten setzen – sonst sähen sie ihren Nachwuchs bald nur noch im iPhone-Fotoalbum heranwachsen.

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