Verzweifelte Kinder – Kinder leiden unter Eltern im Verschwörungs-Sumpf
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Verzweifelte KinderKinder leiden unter Eltern im Verschwörungs-Sumpf

Immer öfter suchen junge Menschen Hilfe, weil ältere Familienmitglieder Verschwörungstheorien verfallen. Fachstellen befürchten, dass die Beziehungen langfristig Schaden nehmen.

von
Daniel Graf
Christina Pirskanen
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Verschwörungstheorien haben während der Corona-Krise Hochkonjunktur. 

Verschwörungstheorien haben während der Corona-Krise Hochkonjunktur.

Tamedia AG
Bei den Corona-Demos laufen die unterschiedlichsten Menschen mit – und sicher nicht nur Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker. 

Bei den Corona-Demos laufen die unterschiedlichsten Menschen mit – und sicher nicht nur Verschwörungstheoretikerinnen und Verschwörungstheoretiker.

Lucia Hunziker, Tamedia
Klar ist aber, dass ihre Anzahl in der Schweiz seit Corona stark zugenommen hat. 

Klar ist aber, dass ihre Anzahl in der Schweiz seit Corona stark zugenommen hat.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

Unzählige Verschwörungstheorien ranken sich um das Coronavirus. Das macht sich jetzt bei kantonalen Fachstellen bemerkbar: «Wir stellen einen Anstieg an Anfragen fest, bei denen wir um Hilfe ersucht werden, weil Angehörige Corona-Verschwörungstheorien verfallen sind», sagt Serena Gut, Leiterin der Fachstelle für Extremismus und Gewaltprävention Winterthur.

Sie schildert ein Beispiel: «Eine junge Frau meldete sich bei uns: Seit über einem Jahr informierten sich ihre Schwiegereltern ausschliesslich über ‘Alternative Medien’ und Youtube und teilten entsprechende Nachrichten in Chats.» Sie seien durch die Pandemie Verschwörungsmythen regelrecht verfallen. «Die Anruferin schilderte, dass sie und ihre Familie gewarnt würden vor Endzeitszenarien. Inzwischen sei auch der einjährige Enkel involviert und teils verängstigt.»

Gut erklärt: «Natürlich versteht ein einjähriges Kind nicht, was ein Verschwörungsmythos ist. Doch es wird regelmässig von den Schwiegereltern betreut und spürt, dass sie andere Ansichten haben als die Eltern und dass es immer wieder auch zu Spannungen kommt. Das wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden des Kleinkindes aus.»

«Bis sich Angehörige melden, braucht es sehr viel»

Laurent Luks leitet die Fachstelle Radikalisierung und Gewaltprävention der Stadt Bern. Er schildert gegenüber Radio SRF ähnliche Vorfälle. «Derzeit kommen viele Menschen zu uns, weil eine ihnen nahestehende Person in Corona-Verschwörungstheorien abgedriftet ist», sagt er. Ein junger Mann sei etwa wegen seiner Mutter zur Fachstelle gekommen und habe um Hilfe gebeten: «Er fürchtete, dass sie weiter abdriftet, wenn er den Kontakt abbricht. Gleichzeitig hatte er für sie keine Energie mehr.»

Neben den gemeldeten Fällen vermutet Luks eine grosse Dunkelziffer, wie er gegenüber 20 Minuten sagt. «Bis sich jemand an uns wendet, weil etwa die Mutter oder der Onkel in radikale Theorien abdriftet, braucht es viel. Dem geht ein langer und sehr belastender Prozess voraus.» Am Anfang steht laut Luks oft eine absolut legitime kritische Haltung den Corona-Massnahmen gegenüber. «In diesem Stadium sind Diskussionen auf sachlicher Ebene noch möglich.» Je stärker jemand radikalen Verschwörungstheorien anhänge, desto schwieriger werde das.

«Irgendwann sind Diskussionen nicht mehr möglich»

«Ab dem Zeitpunkt, wo auch faktisch belegbare Argumente abgetan werden mit Verschwörungen, wo das Gegenüber einem sagt, man gehöre eben auch zu den Schafen, den Unwissenden, ist eine Diskussion kaum mehr möglich», sagt Luks. Ist der Betroffene ein Freund oder eine Freundin, sei das zwar schwierig, aber in vielen Fällen lösbar. «Man kann sich dann etwa darauf einigen, nur noch eine bestimmte Zeit oder gar nicht mehr über das Thema zu sprechen, wenn man sich sieht. Klappt das auch nicht, ist ein weiterer Schritt eine Beziehungspause: Man versucht, im Guten auseinanderzugehen und sich dann wieder zu treffen, wenn das Thema in den Medien und den Köpfen nicht mehr so präsent ist.»

Schwieriger wird es gemäss Luks, wenn ein Familienmitglied betroffen ist, das womöglich sogar noch im selben Haushalt lebt. «Wenn die Mutter eines 16-Jährigen in Verschwörungstheorien abdriftet, bei der er lebt, ist es oft nicht möglich, das Thema zu meiden und schon gar nicht, den Kontakt abzubrechen.»

Luks befürchtet, dass die Wunden, die in den Beziehungen durch solch radikale Ansichten geschlagen werden, in vielen Fällen auch nach Corona nicht einfach verschwinden werden. «Auch nach Ende der Pandemie bleiben Narben zurück. Da wird es viel Beziehungsarbeit brauchen, um das gegenseitige Vertrauen und Verständnis wieder aufzubauen und die Beziehung wieder auf das Level vor der Pandemie zu bringen. Gerade in Familien kann dies ein schwieriger und schmerzhafter Prozess sein, der womöglich von einer Fachperson begleitet werden sollte.»

Das raten die Fachstellen

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