Mütter in Chefetagen: Kinder sind kein Karriere-Killer mehr
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Mütter in ChefetagenKinder sind kein Karriere-Killer mehr

Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin wird zum zweiten Mal Mutter. Für Headhunter ist klar: Immer mehr junge Frauen schaffen es in Toppositionen – trotz eigenem Nachwuchs.

von
Sabina Sturzenegger

Jasmin Staiblin ist wieder schwanger. Die 42-jährige Chefin des Energiekonzerns Alpiq erwartet ihr zweites Kind. Staiblin ist seit Anfang Jahr an der Spitze von Alpiq und will nach der Babypause das Unternehmen weiterführen. Dies liess die Pressestelle verlauten.

Mit ihrer Schwangerschaft erregt Staiblin bereits zum zweiten Mal Aufsehen. Als sie 2009, damals noch als Chefin von ABB Schweiz, Mutter wurde und eine viermonatige Babypause einlegte, fragte die «Weltwoche»: «Darf eine Chefin während einer grossen Wirtschaftskrise schwanger werden?»

Keine Seltenheit

Inzwischen sind Frauen mit Kindern in Spitzenpositionen keine Seltenheit mehr – auch in der Schweiz nicht. «Blick»-Interimschefin Andrea Bleicher, BKW-Chefin Suzanne Thoma und SBB-Personenverkehrs-Chefin Jeannine Pilloud haben alle zwei Kinder – und sind trotzdem die Karriereleiter hochgeklettert.

Auch international machen Mütter grosse Karrieren: So wurde die US-Amerikanerin Marissa Mayer am 16. Juli 2012 Yahoo-Chefin – und gab gleichentags bekannt, dass sie schwanger ist. Sheryl Sandberg, ihr Pendant bei Facebook, laut «Forbes» eine der 100 mächtigsten Frauen der Welt, hat ebenfalls zwei Kinder.

Staiblin wichtige Mutmacherin

Für Headhunter Guido Schilling ist klar, dass Jasmin Staiblin ein wichtiges Vorbild für viele Frauen ist. «Es ist sicher nicht einfach für Frau Staiblin, dass ihre Schwangerschaft wieder zum Thema wird», sagt Schilling. Doch sie sei ein Mutmacher für viele Frauen und Mütter, die Karriere machen wollten.

Gleichzeitig sieht Schilling eine Trendwende: «In der Schweiz sehen wir mehr als nur einen Silberstreifen am Horizont, was die weibliche Vertretung in Toppositionen angeht.» Damit verrät Schilling erste Resultate aus dem «schillingreport», in welchem jedes Jahr Daten zur Zusammensetzung der Verwaltungsräte und Geschäftsleitungen der 100 grössten Unternehmen in der Schweiz publiziert werden.

In Verwaltungsräten und Geschäftsleitungen sitzen immer mehr Frauen mit Familien, ist Schilling überzeugt. Den Grund dafür sieht er im starken Engagement auf allen Ebenen: «Die Politik, die Firmen, aber auch die Frauen selber haben in der Schweiz viel unternommen, damit Mütter Karriere machen können», konstatiert Schilling.

Schwangerschaft kein Tabu mehr

Headhunterin Irmtraud Lang sieht in Frauen wie Jasmin Staiblin und Marissa Meyer auch in anderer Hinsicht gute Vorbilder: «Die Themen Schwangerschaft und Familienplanung sind immer weniger tabu für Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen.» Während früher die Frage «Wollen Sie Kinder?» fast zum Standard im Bewerbungsgespräch mit jungen Frauen gehörte, werden diese heute schon kurz vor oder nach der Geburt ihrer Kinder für Toppositionen angeworben. «Wenn der Tatendrang, die berufliche Erfahrung und die privaten Strukturen da sind, steht einem nächsten Karriereschritt auch direkt nach einer Geburt nichts im Wege», sagt Lang.

Frauen in Spitzenpositionen würden immer seltener nach klassischen Rollen beurteilt. «Wenn eine Frau, die auch noch Mutter ist, eine Führungsrolle in einem Unternehmen anstrebt, geht der Arbeitgeber davon aus, dass sie entsprechend organisiert ist», sagt die auf Pharma, Biotech, Medizintechnik und Chemie spezialisierte Vermittlerin. Die Konsequenz sei allerdings, dass Frauen vermehrt vom Teilzeit-Arbeitsmodell Abschied nehmen müssten.

Immer mehr junge, weibliche GL-Mitglieder

«Der Karrierekiller Kind ist auf dem Rückzug», glaubt auch Clivia Koch, Präsidentin der Wirtschaftsfrauen Schweiz. Das sehe man auch daran, dass das Durchschnittsalter der weiblichen Geschäftsleitungsmitglieder sinke: «Jüngere Frauen nehmen in Geschäftsleitungen vermehrt Einsitz, obwohl sie betreuungspflichtige Kinder haben.»

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