Aktualisiert 12.06.2017 08:10

Doktor-Spiele«Kinder untersuchen sich von Zunge bis Genitalien»

Sich gegenseitig die Geschlechtsteile zu untersuchen ist normal für kleine Kinder, sagt eine Sexualpädagogin. Wenn ein Kind nicht mitmachen will, soll man eingreifen.

von
ann
Dass kleine Kinder sich selbst und das Geschlecht von anderen erforschen ist normal. Erwachsene sollten nur eingreifen, wenn sich ein Kind unwohl fühlt oder zu etwas gezwungen wird.

Dass kleine Kinder sich selbst und das Geschlecht von anderen erforschen ist normal. Erwachsene sollten nur eingreifen, wenn sich ein Kind unwohl fühlt oder zu etwas gezwungen wird.

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Frau Bieri*, Ein fünfjähriger Bub soll versucht haben, einen anderen Buben zu penetrieren. Ist das normal?

Ob das Verhalten des Jungen normal ist, kann ich so nicht sagen, ich habe es nicht gesehen und die Schilderungen nicht gehört. Es ist aber typisch, dass Kinder im Alter von fünf Jahren Doktorspiele spielen. Sie sind wichtig für die sexuelle Entwicklung der Kinder und entstehen aus Neugier. Es sind meist die Eltern, die viel Angst haben bei diesem Thema.

Wie meinen Sie das?

Sie reagieren beschämt, wenn sie ins Kinderzimmer kommen und mehrere Kinder beim Dökterle entdecken. Kindliches Erkunden ist aber nicht mit der Erwachsenen-Sexualität zu vergleichen. Kinder erkunden unter Einbezug aller Sinne den Körper und die Geschlechtsteile und merken dabei was Bub und Mädchen ist. Dabei können auch zwei Buben einander untersuchen: Begonnen von der Untersuchung der Zunge bis zu den Genitalien. Das hat noch keine Bedeutung. Es ist genauso typisch, dass Buben einander untersuchen, wie dass Mädchen einander untersuchen oder ein Mädchen einen Buben oder umgekehrt. Manchmal imitieren Kinder auch Geschlechtsverkehr.

Und wenn ein Kind dem anderen etwas in den Anus oder die Vagina steckt?

Oft ist es ein Fiebermesser oder ein Tampon, der in den Füdlispalt gesteckt wird - manchmal auch ein Penis. Eine Penetration ist eher unwahrscheinlich. Wichtig ist, dass das Spiel einvernehmlich zwischen Kindern etwa gleichen Alters geschieht. Sinnvoller als Doktorspiele zu verbieten ist es, die Kinder zu einem sorgfältigen Umgang miteinander aufzufordern und Regeln zu setzen. Solange dies der Fall ist, sehe ich hier kein Problem.

Und wenn der Penis erigiert ist?

Schon Säuglinge und ganz kleinen Buben haben erigierte Penisse. Das ist normal. Kinder verschaffen sich auch Lustgefühle durch Selbststimulation. Ich erlebe oft, dass dies den Eltern sehr peinlich ist, weil sie das Gefühl haben, ihr Kind sei verdorben. Aber kindliche Sexualität ist nicht zu vergleichen mit der Erwachsenen- oder Paar-Sexualität. Bei den Kindern ist es mehr ein Sich-selbst-erforschen und es geniessen.

Was sollen Eltern machen, wenn sie ihre Kinder beim Dökterlen erwischen?

Ruhig bleiben und sich einen Überblick verschaffen. Sie sollen nicht mit einer unüberlegten Reaktion den Kindern zu verstehen geben, dass ihr Dökterle schlecht ist. Eingreifen muss man nur dann, wenn eines der Kinder zu etwas gezwungen wird oder wenn einem Kind weh gemacht wird. Wichtig ist auch, dass dies unter Gleichaltrigen passiert.

Kann so ein Verhalten auch abgeschaut sein - von einem Porno etwa?

Es ist so, dass kleine Kinder heute einen sehr leichten Zugang zu Sexfilmen und Pornos haben. Wenn die Seiten auf dem Tablet oder Smartphone nicht gesperrt sind, können Kinder per Zufall dort landen und werden unwillentlich mit sexualisierten Inhalten konfrontiert. Das ist Eltern leider zu wenig bewusst.

Was, wenn man sich Sorgen um das kindliche Doktorspiel macht?

Das konstruktive Gespräch mit den anderen Eltern suchen, finde ich wichtig. Davor scheuen sich die Eltern meist. Doch so ist es möglich, den kindlichen Entdeckungsformen Raum zu geben oder Grenzen zu setzen.

Wann sollten die Alarmglocken läuten?

Wenn ein Kind exzessiv immer wieder dieselben Doktorspiele verübt. Sexuelle Gewalt wird heute immer noch zu wenig zur Kenntnis genommen. Darum ist wichtig, dass genau hingeschaut wird. Besteht ein Verdacht auf sexuellen Missbrauch, sollte man sich Unterstützung holen und die Kesb einschalten.

Doktorspiele

Für die meisten Eltern wird es unangenehm, wenn Kinder im Kindergarten- oder Vorschulalter miteinander ihre kindliche Sexualität entdecken, und es zu den wohl bekannten «Doktorspielen» kommt. Diese Phase beginnt meist, wenn die Sprache erwacht und das Kind zu reflektieren beginnt. Die kindliche Sexualität bleibt dann nicht mehr nur im Verborgenen. Das Kleinkind tritt in Kontakt zu anderen, ohne Scham und Hintergedanken. Hier wird deutlich, dass die kindliche Sexualität mit der unseren sehr wenig gemeinsam hat. Zwar fassen sich Kinder an die Genitalien, doch erstens verfolgen sie damit keinen Zweck, sondern wollen nur die Neugierde stillen, und zweitens erleben sie Sinnlichkeit als vollständiges Erlebnis, nicht als hauptsächlich genital, wie es bei vielen Erwachsenen der Fall ist.

(Quelle: letsfamily.ch)

Marlies Bieri ist Erwachsenenbildnerin und Fachfrau für Prävention und Sexualpädagogik

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