Aktualisiert 22.04.2014 13:29

Marodes MilitärKinder verkaufen Kuchen, um für Armee zu spenden

Dem ukrainischen Militär fehlt es an allen Ecken und Enden. Dies, weil seit Jahren Armeegelder in die Taschen von korrupten Offizieren fliessen. Nun sollen die Bewohner Geld spenden.

von
dia

Die Schiesserei in Slawjansk in der Nacht auf Sonntag könnte der Tropfen sein, der in der Ukraine das Fass zum Überlaufen bringt. Prorussische Aktivisten beschuldigten den rechtsextremen Prawy Sektor, fünf Menschen getötet zu haben und forderten vom Kreml militärische Unterstützung an. Kiew selber spricht von drei Toten, bestreitet die Involvierung des Prawy Sektors und wird nicht müde, die russische Propaganda zu betonen.

Doch sollte es tatsächlich zu einem Bürgerkrieg kommen, hat die Ukraine schlechte Karten. Die einst mächtige Streitmacht ist heute nicht mehr in der Lage, seine Grenzen und Bürger zu schützen. Ihre verrosteten Waffen stammen noch aus Sowjetzeiten. Der Zustand der Armee ist derart desolat, dass der ukrainische Verteidigungsminister Michail Kowal die Bevölkerung um Spenden bat, schreibt die «Washington Post».

Viele Spenden – kleiner Nutzen

So verkauften Kinder Backwaren, Bürger brachten Essen und Getränke in die Feldlager und Handybenutzer machten insgesamt zwei Millionen Dollar locker, indem sie eine Spendenhotline anriefen. Insgesamt kamen laut dem Verteidigungsministerium 9 Millionen Dollar zusammen. Ein Tropfen auf den heissen Stein.

2013 gab die Ukraine laut dem Friedensforschungsinstitut Sipri 5,3 Milliarden Dollar für ihr Militär aus. Dies reichte bei weitem nicht. Zum Vergleich: Die Schweiz verfügte im vergangenen Jahr über ein Armeebudget von 5,05 Milliarden Dollar – jedoch bei einer fünfmal tieferen Einwohnerzahl.

Selbstbedienungsladen Armee

Doch noch verheerender als das tiefe Budget ist die herrschende Korruption im Land. Laut dem Korruptionsindex befindet sich die Ukraine auf Rang 33 und damit vor Indien oder Mali. So würden 81 von 100 Dollar des Armeegeldes abgezweigt, sagt Vizeregerierungschef Witalij Jarema gegenüber der «Washington Post». «Wenn das gestohlene Geld für die Modernisierung der Armee genutzt worden wäre, hätten wir jetzt kein Problem», so Jarema.

«Die Armee hat sich von innen geschwächt. Es wurde laufend Geld und Material gestohlen», sagt Pavlo Podobied von der Hilfsorganisation Heroika der «Washington Post». «Die Armee hat praktisch keine Ausrüstungen und ihr Essen besteht aus günstigen Makkaroni oder zähem Fleisch.» Die Hilfe komme einzig aus der Bevölkerung. «Die Bewohner begannen Essen, Wasser oder SIM-Karten in die Lager zu bringen», erklärt Podobied.

Panzer ohne Treibstoff

Die Vernachlässigung der Armee wird der Ukraine im aktuellen Konflikt mit Russland vor Augen geführt. Zu Beginn der Krim-Krise standen rund 1000 Panzer still – ihnen fehlte der Treibstoff. Es brauchte die Spende eines Oligarchen, um die Kampfpanzer mit Diesel zu füllen. Solche Anekdoten schüren die Verunsicherung in der Bevölkerung. «Die Armee ist schwach und kann uns nicht beschützen», ist sich Podobied sicher.

Das ukrainische Verteidigungsministerium hofft nun auf Hilfe aus dem Ausland. Frankreich versprach bereits Rüstungsmaterialien, die USA Helme, Schlafmatten und Nahrungsmittel zu schicken. Utensilien, die die ukrainische Armee dringend benötigt, denn «wir haben derzeit nur 30 oder 40 Prozent der Ausrüstungen, die wir benötigen», sagt Vizeregerierungschef Jarema.

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