Ukraine-Krieg – Kinder von Leihmüttern – «Unser Baby ist im Bunker in Kiew und wir können nicht zu ihm»

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Ukraine-KriegKinder von Leihmüttern – «Unser Baby ist im Bunker in Kiew und wir können nicht zu ihm»

Aus ganz Europa, aber auch aus den USA, Indien oder China kommen Paare in die Ukraine, um sich mithilfe einer Leihmutter ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Ein Paar aus Ostwestfalen konnte sich mit seiner wenige Wochen alten Tochter aus dem umkämpften Kiew retten.

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Babys, die derzeit von Leihmüttern in der Ukraine für ausländische Paare auf die Welt gebracht wurden, können nicht abgeholt werden.

Babys, die derzeit von Leihmüttern in der Ukraine für ausländische Paare auf die Welt gebracht wurden, können nicht abgeholt werden.

Reuters
Sie warten in einem Keller der Reproduktionsklinik. 

Sie warten in einem Keller der Reproduktionsklinik. 

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Die Ukraine ist beliebt bei Paaren, die keine Kinder bekommen können und durch Leihmütter Eltern werden wollen.

Die Ukraine ist beliebt bei Paaren, die keine Kinder bekommen können und durch Leihmütter Eltern werden wollen.

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Darum gehts

  • Babys, die derzeit von Leihmüttern in der Ukraine für ausländische Paare auf die Welt gebracht wurden, können nicht abgeholt werden.

  • Die Ukraine ist beliebt bei Paaren, die keine Kinder bekommen können und durch Leihmütter Eltern werden wollen.

Um ihre Kinder bangen nach Kriegsausbruch nicht nur Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer, sondern auch Hunderte sogenannter Wunsch-Eltern weltweit, denn die Ukraine gilt als ein Zentrum der kommerziellen Leihmutterschaft.

«Unser Baby ist in einem Bunker in Kiew und wir haben keine Möglichkeit, zu ihm zu gelangen», sagt ein Vater zum Portal Euronews. Sein Baby Ali kam durch eine Leihmutter zur Welt. «Wie soll ich dorthin kommen? Ich spreche kein Ukrainisch, ich kenne das Land nicht.» 

Mit Ali warten derzeit etwa 30 Babys in einer Klinik von der Reproduktionsklinik BioTexCom momentan auf die Abholung. Darunter sind drei Neugeborene, die ihre Eltern aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz noch nie getroffen haben. Zehn Paare konnten ihre Kinder aber auch abholen, manche wohnen in Wohnungen von BioTexCom. Gemeinsam mit ihren Babys bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu warten. Sowohl die Neugeborenen als auch ihre Eltern befinden sich in Luftschutzkellern. «Jeden Tag kommen ein, zwei oder drei neue Babys dazu», so Denis Herman, Rechtsberater bei BioTexCom, gegenüber Euronews.

Die Reproduktionsklinik konnte Ali nicht nach Lwiw bringen, darum hatten die Eltern gebeten. Die Sicherheitslage ist zu gefährlich. «Wir haben keine Ahnung, was wir als Nächstes tun sollen», sagt der Vater. BioTexCom empfiehlt den Eltern abzuwarten, bis die Lage sich verbessert, um ihre Babys abzuholen. 

Paar konnte mit Kind flüchten

Gero und Oksana Berndt aus dem Ostwestfälischen Porta Westfalica sind im Januar mithilfe einer Leihmutter Eltern geworden. Als in der Ukraine die Ausreise-Aufforderung für alle Deutschen kam, wollten sie nicht ohne ihr Baby Amy das Land verlassen. Zwei Tage vor Kriegsbeginn waren dann endlich alle Papiere für die kleine Tochter zusammen, der Rückflug von Kiew nach Hamburg gebucht. Doch dann erfuhr das Paar am frühen Donnerstagmorgen vom Angriff der Russen.

Aus ihrem Appartement im siebten Stock mussten sie mit anderen Bewohnern des Wohnblocks nachts in den Keller, hörten Bombeneinschläge. Wegen der Ausgangssperre gab es zunächst kein Entkommen. Schliesslich ergatterten sie ein Zugticket und übernachteten im Bahnhof, um am 1. März den Zug nach Lwiw zu erwischen. Freunde holten sie von der polnischen Grenze ab.

Paar versuchte jahrelang Kind zu bekommen

«Ich weiss jetzt, was es heisst, um sein Leben zu rennen», sagt der 50-jährige Gero Berndt. «Ich bin sehr froh, dass unsere Tochter jetzt in Sicherheit ist», sagt die 40-jährige Oksana Berndt.

Das Paar hatte jahrelang mit Kinderwunschbehandlungen in Deutschland vergeblich versucht, ein Baby zu bekommen. Durch eine Leihmutter, die ihr Kind austrägt, konnten sie ihren Kinderwunsch erfüllen. Leihmutterschaft ist in Deutschland, wie in vielen anderen Staaten, verboten. Deshalb weichen Paare auf das osteuropäische Land aus, wenn zum Beispiel eine Krankheit oder Operation eine Schwangerschaft unmöglich macht.

Wie viele Babys von Leihmüttern derzeit in der Ukraine zur Welt kommen und nicht abgeholt werden können, ist nicht bekannt. Wie die Leihmütter-Agentur Vittoria Vita am 3. März mitteilte, befinden sich die meisten ihrer Leihmütter «in sicheren Regionen des Landes» und werden medizinisch und psychologisch betreut.

Nothilfe für Menschen in der Ukraine

Leihmütter ins Ausland zu holen – nicht legal

Bereits am 28. Februar warnte die Reproduktionsklinik BioTexCom Wunsch-Eltern davor, Leihmütter wegen des Krieges für die Geburt ins Ausland zu holen. Dies sei nicht legal. 

Die Gesetzgebung ist von Land zu Land  unterschiedlich. Wenn die Leihmutter beispielsweise in Deutschland das Kind bekomme, sei sie erst einmal rechtlich die Mutter des Kindes, der Prozess über die Adoption wird dann schwerer.

«Noch nie so etwas Schlimmes gesehen»

«Wir haben noch nie etwas Schlimmeres gesehen. Dies ist eine absolute Krise», sagte Sam Everingham von der  gemeinnützigen Organisation Growing Families gegenüber Euronews. Die Organisation hilft Eltern, die sich für eine Leihmutterschaft entschieden haben und nun versuchen, ihre Babys und Embryonen in Sicherheit zu bringen. 

«Jeder dieser Fälle ist schlimm», so Everingham. «Wissen Sie, Familien in ein Kriegsgebiet zu schicken, um sie mit ihren Kindern zu vereinen, ist wirklich schwierig.»

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Anmeldung und Infos für Gastfamilien:

(lea/dpa)

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