Aktualisiert 15.04.2016 14:18

SchuleKinder von Motz-Eltern kriegen bessere Noten

Eltern setzen Lehrer vermehrt unter Druck. Um sich keine Probleme aufzuhalsen, geben Lehrer mit höheren Noten oft klein bei.

von
B. Zanni
Schafft es der Schüler nicht, soll es der Lehrer richten: Insbesondere «Helikopter-Eltern» wollen, dass in den Zeugnissen ihrer Sprösslinge nur gute Noten stehen.

Schafft es der Schüler nicht, soll es der Lehrer richten: Insbesondere «Helikopter-Eltern» wollen, dass in den Zeugnissen ihrer Sprösslinge nur gute Noten stehen.

Keystone/Franco Greco

Schulleistungen zu benoten, ist für Schweizer Lehrer oft eine Zitterpartie. Eltern wollen bei Prüfungs- und Zeugnisnoten vermehrt das letzte Wort haben. Eine Primarlehrerin gesteht in der Zeitschrift «Bildung Schweiz»: «Manchmal benote ich das Kind weniger streng, einfach, um meine Ruhe zu haben.» In Ruhe gelassen werden will sie von einem Elternpaar, das ihr den Berufsalltag zur Hölle macht. «Sie schauen mir genau auf die Finger, überprüfen die Lernziele, fragen nach Belegen für dies und jenes.»

Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands, bestätigt: «Aus Angst vor einem grossen Elternknatsch machen Lehrer aus einer 4 eine 4,5 oder aus einer 4,5 eine 5.»Für die Lehrer sei es schwieriger geworden, Noten zu geben und Leistungen zu beurteilen.

«Vor allem bei den mündlichen Noten wird gefälscht»

Auch Beat Zemp, Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz, berichtet, dass Eltern vereinzelt versuchten, Lehrer bei der Notengebung unter Druck zu setzen. «Vor allem bei der Bewertung der mündlichen Leistungen wird gefälscht.» Weil sich die Noten für das Mitmachen im Unterricht weniger klar mit Fakten begründen liessen, würden einige Eltern die Notengebung hinterfragen. «Besonders Lehrer, die eine Stelle frisch angetreten hätten, gäben bei massivem Druck manchmal nach.» Andere wollten sich solche Probleme gar nicht aufhalsen und verzichteten deshalb ganz auf mündliche Noten.

Laut den Lehrervertretern mischen sich oft sogenannte «Helikopter-Eltern», also überbehütende Eltern, ein. «Sie rufen permanent an, schicken E-Mails und geben durch, welche Noten ihr Kind braucht», sagt Lilo Lätzsch. Wie die Verbände sagen, wollen solche Eltern ihren Sprösslingen damit den Übertritt ins Gymnasium erleichtern oder sie für die Lehrstellensuche mit Bestnoten ausrüsten.

Behörden helfen Eltern

Warum knicken Lehrer ein? Laut den Lehrervertretern drohen einige Eltern mit Anwälten oder Konsequenzen, falls die Lehrer die Noten nicht anpassen. Manche Eltern hetzen den Lehrern sogar direkt die Behörden auf den Hals.

«Die Schulbehörden ergreifen dann allenfalls gleich Massnahmen», sagt Kathrin Scholl, stellvertretende Geschäftsführerin des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands. Etwa müssten die Lehrer sämtliche Noten mit der Schulleitung absprechen. Da Schulpflegen gewählt werden müssten, seien sie weniger unabhängig, so Scholl. Laut Beat Zemp hat die mühsame Elternarbeit sogar auch schon zu Berufsausstiegen geführt.

«Das ist verfassungswidrig»

Für Schulrechtsexperte Peter Hofmann ist klar: «Nur weil Herr Müller oder Frau Meier Stunk machen, dürfen Lehrer dem Schüler noch lange keine Gefälligkeitsnoten verteilen.» Bewerteten Lehrer unter Druck anders, als es der tatsächlichen Leistung entspreche, würden sie die Bundesverfassung verletzen. Darin steht, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind.

Um das Problem zu bekämpfen, fordert Kathrin Scholl: «Die Schulleitungen und die Schulbehörden müssen die Lehrer in der Elternarbeit mehr unterstützen.» Laut Hofmann müssen die Schulen die Rollenklarheit zwischen Lehrern und Eltern wieder herstellen. «Für die Notengebung sind die Lehrpersonen allein verantwortlich, denn sie sind die Fachleute für das Lernen.»

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