Hohe Strafen für Horror-Eltern gefordert: «Kinder waren einem Terror- und Folterregime ausgesetzt»
Aktualisiert

Hohe Strafen für Horror-Eltern gefordert«Kinder waren einem Terror- und Folterregime ausgesetzt»

Ein Zürcher Elternpaar ist angeklagt, ihre zwei Kinder über Jahre massiv misshandelt und gedemütigt zu haben. Die Staatsanwältin fordert Freiheitsstrafen von 13 bis 15 Jahren.

von
Stefan Hohler
1 / 3
Eine Mutter und ein Vater stehen ab Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich – unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

Eine Mutter und ein Vater stehen ab Mittwoch vor dem Bezirksgericht Zürich – unter anderem wegen schwerer Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

KEYSTONE
Sie sollen ihre beiden Kinder jahrelang schwer misshandelt haben. Die inzwischen erwachsenen Kinder leiden noch heute darunter.

Sie sollen ihre beiden Kinder jahrelang schwer misshandelt haben. Die inzwischen erwachsenen Kinder leiden noch heute darunter.

Keystone
Die Eltern sollen sie im Keller eingesperrt und geschlagen haben. Zudem waren die Kinder untergewichtig.

Die Eltern sollen sie im Keller eingesperrt und geschlagen haben. Zudem waren die Kinder untergewichtig.

Keystone

Darum gehts

  • Am Bezirksgericht Zürich findet ein Prozess wegen massiver Kindesmisshandlung statt. Angeklagt ist ein Elternpaar, das zwischen 2003 und 2010 eine Tochter und einen Sohn geschlagen, eingeschlossen und vernachlässigt haben soll.
  • Der Schweizer Ehemann mit kosovarischen Wurzeln sieht die Kinder als Opfer der Mutter. Er habe von den Misshandlungen nichts bemerkt.
  • Die von ihm geschiedene Schweizer Ehefrau schiebt die ganze Schuld dem Ex-Mann zu. Sie habe sich nicht wehren können, weil er sie bedroht habe.
  • Die Staatsanwältin fordert für beide Beschuldigten hohe Freiheitsstrafen.

Die inzwischen geschiedenen Eltern schoben sich am Prozess vom Mittwoch die Schuld gegenseitig zu. So bestritt der Vater die Vorwürfe: «Die Kinder sind Opfer der Mutter.» Er könne sich nie verzeihen, dass er nicht bemerkt habe, wie seine Ex-Frau die beiden Kinder jahrelang misshandelt habe. Er habe fast Tag und Nacht gearbeitet und von den Misshandlungen nichts mitbekommen.

Der Mann hat zusammen mit seiner mitbeschuldigten Ex-Frau sieben Kinder. Nach der Scheidung hat er wieder geheiratet und ist nochmals Vater eines Kindes geworden. Auf die Frage des Richters, warum er so viele Kinder habe, sagte der eingebürgerte Kosovare: «Kinder sind das Schönste, was es gibt.» Die Frau antwortete auf die gleiche Frage, dass sie immer wieder zum Sex gezwungen wurde und «es einfach so gekommen sei».

«Sie sind einfach etwas dünn gewesen»

Das Ehepaar soll die beiden Kinder – ein Knabe und ein Mädchen, beide inzwischen im Erwachsenenalter – zwischen 2006 und 2010 nachts im Kinderzimmer und im Keller ihres Hauses in Zürich eingeschlossen haben. «Davon habe ich nichts bemerkt», sagte der Vater. Er habe auch nicht mitbekommen, dass die Kinder untergewichtig waren: «Sie sind einfach etwas dünn gewesen.» Dass die Körperpflege vernachlässigt wurde und die Kinder gestunken haben, dafür sei die Ehefrau verantwortlich gewesen.

Es stimme auch nicht, dass er die beiden Kinder fast täglich geschlagen habe, wie in der Anklageschrift steht. Als der Richter ihn fragte, warum die Stieftochter und eine weitere Tochter ihn des sexuellen Missbrauchs beschuldigen würden, sagte er: «Sie wollten der Mutter einen Gefallen machen.» Er plädierte auf unschuldig.

«Ein Teufel von einem Mann»

Die mitbeschuldigte Ehefrau gibt dem Mann die volle Schuld. Er habe jeweils die Kinder nachts im Keller und im Kinderzimmer eingeschlossen. Auf die Frage des Richters, warum sie sich nicht dagegen gewehrt habe, sagte sie: «Ich hatte die Kraft nicht, ich war abhängig und wurde von ihm bedroht.» Erst als der Mann sie stark gewürgt habe, sei ihr klar geworden, dass sie sich von ihm scheiden lassen müsse: «Er war ein Teufel von einem Mann.»

Sie habe die Kinder nie geschlagen. Dass sie den Kindern befohlen habe, Kot und Erbrochenes zu essen, wie in der Anklageschrift steht, stimme nicht. Die Kinder hätten auch genügend Essen erhalten. Als der Richter die Mutter fragte, warum nur die Beiden der insgesamt sieben Kinder so massiv misshandelt wurden, sagte sie: «Sie haben nie gehorcht, und der Vater ist dann explodiert.» Auch sie plädierte wie der Ex-Mann auf unschuldig.

Mit «Pumpgun» gedroht

Für die Staatsanwältin waren die Kinder einem eigentlichen Terror- und Folterregime ausgesetzt. Sie seien grausam behandelt worden. Niemand in der Nachbarschaft habe erahnen können, was die beiden Kinder alles ertragen mussten. Die Anklage stützte sich dabei auf die Aussagen der beiden Opfer sowie auf die von Betreuern und aus dem schulischen Umfeld.

«Beide Beschuldigten sind für die Misshandlungen gleichermassen verantwortlich», so die Staatsanwältin. Die Eltern hätten sich jahrelang den Schulbehörden verweigert und die Mutter habe mit einer «Pumpgun» gedroht, als die Vormundschaftsbehörden einen Beistand stellen wollten. Die Kinder hätten kaum sprechen können, als sie in ein Kinderheim kamen.

Eltern seit rund zwei Jahren in Haft

Die Staatsanwältin hat den Mann und die Ehefrau der schweren Körperverletzung und Freiheitsberaubung angeklagt, der Mann zusätzlich wegen Sexualdelikten gegen zwei Töchter und der Würgeattacke gegen die Ehefrau. Die Eltern befinden sich seit rund zwei Jahren im Gefängnis. Die Staatsanwältin verlangt für den Ehemann eine Freiheitsstrafe von 15 Jahren, für die Mutter eine Freiheitsstrafe von 13 Jahren. «Die kriminelle Energie ist enorm, das Verschulden ist sehr schwer», begründete die Staatsanwältin das hohe geforderte Strafmass.

Der Opfervertreter des einen Mädchens, das vom Vater sexuell missbraucht worden sein soll, ging mit dem Beschuldigten hart ins Gericht: «Er hat alle Kinder der Familie zum Krüppel gemacht» Er forderte für seine Mandantin eine Genugtuung von 28’000 Franken. Die Tochter habe durch die egoistischen Handlungen des Vaters einen unbeschreiblichen Leidensweg durchgehen müssen.

Kritik an Vormundschaftsbehörde

Der Geschädigtenanwalt des Sohns will von den Eltern eine Genugtuung von insgesamt 90’000 Franken. Er kritisierte die damalige Vormundschaftsbehörde der Stadt Zürich, welche versagt habe. Schon früh habe es Hinweise gegeben, dass die Kinder immer zu wenig Essen erhielten, dass sie blaue Flecken hatten, fast nicht sprechen konnten und keinen Kontakt zu anderen Kindern hatten.

«Die Vormundschaftsbehörde hat trotz vielen Gefährdungsmeldungen von Lehrerschaft, Ärzten und Nachbarn über Jahre hinweg keine einzige Kindesschutzmassnahme eingeleitet oder eine Strafanzeige eingereicht.» Hinweise für Schläge und Hunger habe es schon lange gegeben, ohne dass etwas unternommen worden sei. Der Anwalt des Sohnes: «Die Vormundschaftsbehörde hat die beiden Kinder im Stich gelassen.»

Urteil folgt später

Der Anwalt der Tochter, die von den Eltern jahrelang misshandelt wurde, verlangte ein Schmerzensgeld von je 35’000 Franken von Vater und Mutter. Seine Mandantin habe seit ihrem fünften Lebensjahr körperliche und psychische Misshandlungen erdulden müssen.

Der Prozess geht am 2. September mit den Plädoyers der Verteidiger der Eltern weiter. Das Bezirksgericht wird das Urteil am 3. September fällen.

Deine Meinung