Zu wenig Geld: Kinder zahlen für arbeitslose Eltern
Aktualisiert

Zu wenig GeldKinder zahlen für arbeitslose Eltern

Weil die Eltern den Job verloren haben, müssen junge Erwachsene ihnen teilweise unter die Arme greifen. Das hindert sie am Studieren oder Ausziehen.

von
B. Zanni

Auch eine Strassenumfrage zeigt, dass junge Menschen ohne zu zögern ihre Eltern in finanziellen Notlagen unterstützen würden. (Video: Tarek El Sayed)

In den Ausgang geht Tim* schon lange nicht mehr. Von Ferien und einer eigenen Wohnung kann der 27-Jährige nur träumen. Mit seinen Eltern wohnt er in einer 3,5-Zimmer-Wohnung. Jeden Monat gibt der Coiffeur einen grossen Teil seines Lohns zu Hause ab – damit die Eltern über die Runden kommen. Sein Vater, Zimmermann, verlor mit 56 Jahren wegen Umstrukturierungen den Job, seine Mutter, Verkäuferin, traf es mit 53.

Tim ist das jüngste Mitglied des nationalen Dachverbands Save 50 Plus Schweiz. Laut Präsident Daniel G. Neugart steht die Situation des jungen Mannes für ein Schicksal, das eine Reihe junger Menschen trifft. «Die steigende Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen erwischt die jungen Menschen auf dem linken Fuss», sagt Neugart. Schätzungen seines Verbands zufolge sind zurzeit über 5700 junge Erwachsene betroffen: «Sie müssen ihre Eltern finanziell unterstützen oder zumindest viel zurückstecken, weil ihre Eltern den Job verloren haben.»

Müssen Sie Ihre Eltern finanziell unterstützen, weil sie arbeitslos geworden sind? Oder leiden Sie unter finanziellen Einschränkungen durch den Jobverlust Ihrer Eltern? Ihre Anonymität ist vollumfänglich zugesichert. Melden Sie sich hier:

Praktikumslohn mit den Eltern teilen

Über 50'000 Menschen sind 2017 in der Alterskategorie 50 plus erwerbslos, wie Daten des Verbands Arbeitsintegration Schweiz und von Save 50 Plus zeigen. «Die Zahl der erwerbslosen Männer ist auf einem Höchststand», schreibt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds, in der Unia-Gewerkschaftszeitung «Work» vom Oktober 2017. Denn Firmen gingen mit älteren Arbeitnehmern immer härter um. Daniel G. Neugart warnt: «Werden ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt auch künftig einfach aussortiert, tragen bis ins Jahr 2020 rund 20'000 junge Menschen die finanziellen Folgen auf ihrem Buckel aus.»

Das fehlende Einkommen der Eltern zwingt einige junge Menschen dazu, ihren Lebensentwurf umzukrempeln. «Darunter sind Kinder, die das Studium abbrechen und arbeiten gehen müssen, weil ihre Eltern in finanziellen Nöten sind», so Neugart. Andere Söhne und Töchter teilten ihren tiefen Praktikumslohn mit den Eltern. «Jeden Monat ein paar hundert Franken abzugeben, ist für sie viel Geld, aber selbstverständlich.»

Um die eigenen Pläne doch noch verfolgen zu können, retten sich die jungen Erwachsenen oft mit Schnell-Jobs aus dem Dilemma. Viele weit über 20-jährige Kinder, die den arbeitslos gewordenen Eltern finanziell unter die Arme greifen, ziehen laut Neugart das Wohnen im Elternhaus vor. «So müssen sie neben den Abgaben für die Eltern nicht auch noch eine eigene Miete bezahlen.»

Kein Geld für Geschenke mehr

Aber auch Kinder, die kein Geld abgeben, müssen auf vieles verzichten. «Schon manche Mutter ist in unseren Beratungen in Tränen ausgebrochen», sagt Neugart. Es schmerze Eltern, wenn sie realisierten, dass Geschenke nicht mehr drin liegen. «So können sie die Leasing-Raten für das erste eigene Auto nicht mehr übernehmen, sich keinen Zustupf für die Ferien leisten oder sich auch nicht an den Einrichtungskosten für die eigene Wohnung des Kindes beteiligen.»

Laut Daniel G. Neugart versuchen ältere Arbeitslose dank der freiwilligen finanziellen Unterstützung der Kinder, den Gang zur Sozialhilfe zu vermeiden. «Denn die Sozialhilfe greift erst, wenn man unter der Brücke liegt.» In diesem Fall können die Kinder auch zu finanziellen Beiträgen verpflichtet werden. So klären die Sozialbehörden in der Regal ab, ob die Kinder eines Sozialbezügers wohlhabend sind.

Trifft dies zu, haben sie einen Unterhaltsbeitrag zu leisten. Laut Ingrid Hess, Sprecherin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, müsste eine alleinstehende Person dafür ein steuerbares Jahreseinkommen von mehr als 120'000 Franken aufweisen. Das Vermögen wird ab 250'000 Franken einberechnet.

Kündigungsverbot gefordert

Politiker sehen dringenden Handlungsbedarf. Würden über 50-Jährige aus dem Arbeitsmarkt geworfen, folge eine Kette von Problemen, sagt SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini. «Tragischerweise vergisst man, dass diese Menschen oft Kinder im Teenageralter zu Hause haben, die ihre Berufs- und Ausbildungswünsche zurückstecken müssen, weil der Vater das Einkommen plötzlich nicht mehr garantieren kann.»

Pardini insistiert auf seiner Motion, die ein Kündigungsverbot für Arbeitnehmer ab 55 Jahren fordert: Arbeitnehmern, die mindestens zehn Dienstjahre ausweisen, soll nicht gekündigt werden, sofern der Arbeitnehmer nicht glaubhaft begründen kann, dass er keinen kostengünstigeren Ersatz anstrebt.

«Billige Arbeitskräfte nehmen Schweizern Jobs weg»

Damit ältere Menschen nach einer Kündigung nicht durch die Laschen fallen, setzt sich Pardini für einen Massnahmenkatalog ein. Dazu zählt die Berufspasserelle 4.0, eine Ausbildung, die Betroffene für den modernen Arbeitsmarkt fit macht.

Für SVP-Nationalrat Thomas Matter liegt der Grund des Übels auf der Hand: «Die billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland nehmen Schweizern den Job weg.» Nur eine mittels Kontingenten beschränkte Zuwanderung könne dem Problem begegnen. Zudem würde er die Altersvorsorgebeiträge ab 50 auf tieferem Niveau als heute erhöhen. «Denn ab 50 Jahren steigen die Beiträge massiv, was viele Unternehmen motiviert, solche Mitarbeiter durch jüngere, billigere zu ersetzen.»

1 / 3
Daniel G. Neugart, Präsident Save 50 Plus Schweiz, warnt: «Werden ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt auch künftig einfach aussortiert, tragen bis ins Jahr 2020 rund 20 000 junge Menschen die finanziellen Folgen auf ihrem Buckel aus.»

Daniel G. Neugart, Präsident Save 50 Plus Schweiz, warnt: «Werden ältere Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt auch künftig einfach aussortiert, tragen bis ins Jahr 2020 rund 20 000 junge Menschen die finanziellen Folgen auf ihrem Buckel aus.»

Privat
SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini insistiert auf seine Motion, die ein Kündigungsverbot für Arbeitnehmer ab 55 Jahren fordert. «Tragischerweise vergisst man, dass diese Menschen oft Kinder im Teenageralter zuhause haben, die ihre Berufs- und Ausbildungswünsche zurückstecken müssen, weil der Vater das Einkommen plötzlich nicht mehr garantieren kann.»

SP-Nationalrat und Gewerkschafter Corrado Pardini insistiert auf seine Motion, die ein Kündigungsverbot für Arbeitnehmer ab 55 Jahren fordert. «Tragischerweise vergisst man, dass diese Menschen oft Kinder im Teenageralter zuhause haben, die ihre Berufs- und Ausbildungswünsche zurückstecken müssen, weil der Vater das Einkommen plötzlich nicht mehr garantieren kann.»

Keystone/Peter Schneider
«Die billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland nehmen Schweizern den Job weg», sagt SVP-Nationalrat Thomas Matter. Nur eine mittels Kontingente beschränkte Zuwanderung könne dem Problem begegnen.

«Die billigen Arbeitskräfte aus dem Ausland nehmen Schweizern den Job weg», sagt SVP-Nationalrat Thomas Matter. Nur eine mittels Kontingente beschränkte Zuwanderung könne dem Problem begegnen.

Keystone/Peter Klaunzer

*Name geändert.

Frühpensionierung entlastet Nachwuchs nicht

Auch den Arbeitnehmerdachverband Travail.Suisse beschäftigen die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit in der Alterskategorie Ü-50. Die späte Elternschaft habe zugenommen, sagt Matthias Kuert Killer, Leiter Sozialpolitik. «Deshalb kommt es zu mehr Fällen, in denen die Eltern als ältere Arbeitnehmende Gefahr laufen, aus dem Arbeitsmarkt zu fallen, während ihre Kinder jedoch noch mitten in der Ausbildungsphase sind und grossen finanziellen Unterstützungsbedarf haben.»

Selbst Frühpensionierungen entschärften die Situation nicht. «Da Frühpensionierungen nicht mehr so grosszügig ausgestaltet sind wie früher und allgemein Pensionskassenrenten eher sinken, kann dies für alle Beteiligten zu finanziellen Engpässen kommen.»

Deine Meinung