Kinderporno-Affäre: Wer lügt?
Aktualisiert

Kinderporno-Affäre: Wer lügt?

Die Affäre um mutmasslich kinderpornographische Bilder beim Westschweizer Radio wirft weiter Wellen. Beigezogene «Experten» bestreiten, als solche geamtet zu haben. Der Programmdirektor bezichtigt sie der Lüge. Nun wird der Rücktritt des Chefs gefordert.

von
Maurice Thiriet

Die Verantwortlichen von Radio Suisse Romande (RSR), das zur SRG gehört, stecken in der Bredouille. Ein Mitglied des obersten Kaders hatte pornographische Bilder heruntergeladen, ein Informatiker entdeckte diese und meldete die Bilder der Direktion. Als zwei Jahre lang nichts geschieht, wendet er sich an die Öffentlichkeit und wird sofort entlassen. Der Porno-Konsument in der Teppichetage hingegen nicht, sein Direktor ebensowenig. Die verworrenen Geschehnisse um den Whistleblower-Informatiker, anonyme «Experten» in einer geheimen Untersuchung und einen pornokonsumierenden Sesselkleber soll nun eine unabhängige Persönlichkeit untersuchen, wie SRG-Generaldirektor und RTSR-Verwaltungsratspräsident Jean-François Roth gestern ankündigten.

«Das müsste für einen Rücktritt reichen

Ein Mitarbeiter des Senders, der sich bei 20minuten.ch gemeldet hat, befürchtet, dass auch diese neuerliche Untersuchung keine Köpfe fordern wird. Der Mann will aus Angst vor Repressalien anonym bleiben, wünscht sich aber den Rücktritt von Tschopp. «Allein die Tatsache, dass strafrechtlich relevante Vorkommnisse den Strafverfolgungsbehörden nicht gemeldet worden sind, müsste eigentlich für einen Rücktritt reichen», sagt der Mitarbeiter. Er sei nicht der einzige, der diese Sicht teile. Die Belegschaft des Radios leide unter dem Skandal wahrscheinlich mehr, als der betroffene Porno-Kader, der mittlerweile krankgeschrieben ist.

Was bisher geschah:

Bis 2005:

Ein Topkader von Radio Suisse Romande speichert im Computer an seinem Arbeitsplatz zwischen 250 und 300 pornographische Bilder.

Mai 2005:

Der RSR-Informatiker Jorge Resende stösst während Wartungsarbeiten auf die Bilder. Einen Teil davon schätzt er als kinderpornographisch und damit strafrechtlich relevant ein. Er meldet seinen Fund der Direktion der RSR.

RSR-Direktor Gérard Tschopp lässt drei «Experten» die Bilder untersuchen, diese stufen die Bilder laut seinen Angaben als «grenzwertig, aber nicht strafrechtlich relevant ein». Dem Porno-Kader wird eine Psychotherapie und eine Probezeit von dreieinhalb Jahren auferlegt.

Dezember 2007:

Der Porno-Kader ist immer noch im Amt. Whistleblower Resende droht laut Direktor Tschopp mit der Publikation seines Wissens. Das Verfahren zur ordentlichen Entlassung des Informatikers wird eingeleitet. Weil er wegen einer Depression krankgeschrieben ist, kann er aber nicht entlassen werden.

28. Februar 2008:

Nachdem Resende Kollegen über seine Unzufriedenheit mit der Bewältigung der Affäre orientiert hatte, verschickt die Direktion ein Mail an die Mitarbeiter, um die Situation zu beruhigen. Resende verschickt daraufhin selbst ein Rundmail, um seine Sicht der Dinge zu schildern. Laut Tschopp unterrichtete Resende wiederholt auch Personen ausserhalb des Hauses.

29. Februar 2008:

Resende wird fristlos entlassen. Derweil sitzt der Pornokader weiter im Amt, lässt sich jedoch im Zuge der Geschehnisse krankschreiben. «20 Minutes» berichtet erstmals über die Affäre.

3. März:

Tschopp erklärt auf seinem eigenen Sender, dass Resende wegen Missachtung von Vertraulichkeitsgrundsätzen entlassen worden sei. Die fraglichen Bilder habe man im Jahr 2005 einer Expertengruppe gezeigt, welche die Bilder als harmlos bezeichnet habe. Um welche Experten es sich gehandelt hat, wollte Tschopp geheim halten.

4. März:

Die Zeitung «Le Courier» berichtet über die Affäre. Derweil ermittelt Untersuchungsrichter Philippe Vautier in der Sache. Er bezeichnet 13 Bilder als strafrechtlich relevant.

20. März:

Tschopp hält eine Pressekonferenz ab und weist erneut auf die anonym verfasste Expertise und die daraufhin gezogenen Konsequenzen hin. Resende werde nicht mehr eingestellt. Der Porno-Kader sei nicht rückfällig geworden.

23. März:

In «Le Matin Dimanche» outet sich der Psychiater Gérard Salem als einer der «anonymen Experten». Er und seine Kollegen seien nicht als Experten befragt worden, sie hätten lediglich zwischen 15 und 25 der insgesamt 250 bis 300 Bilder gesehen. Diese seien strafrechtlich nicht relevant gewesen. Man habe dem RSR-Direktorium lediglich einen «freundschaftlichen Rat» erteilt und fühle sich instrumentalisiert und ausgenutzt.

23. März:

Gleichentags versuchen Gérard Tschopp und Blaise Rostan, Generalsekretär von RSR, den Schaden zu minimieren. Sie bezichtigen ihren «Experten» Salem der Lüge, man habe ihm und seinen Kollegen sehr wohl alle Bilder gezeigt, die Visionierung habe rund zwei Stunden gedauert. Die Experten hätten auch Ratschläge gegeben, welche man befolgt habe.

24. März:

Der Verwaltungsrat von Radio Télévision Suisse Romande (RTSR) kündigt an, eine unabhängige Person mit einer neuen Untersuchung der Vorkommnisse seit 2005 zu betrauen. RTSR-Verwaltungsratspräsident Jean-François Roth und SRG-Generaldirektor Armin Walpen werden jemanden mit der Untersuchung betrauen.

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