Dreckiges Geschäft: Kinderprostitution wird während der WM boomen
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Dreckiges GeschäftKinderprostitution wird während der WM boomen

Brasiliens Vorbereitungen für die Fussball-WM laufen auf Hochtouren. Nur eines hat das Land versäumt: eine Kampagne gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern.

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Kurz vor WM-Beginn ist die Kinderprostitution in Brasilien sprunghaft angestiegen.

Kurz vor WM-Beginn ist die Kinderprostitution in Brasilien sprunghaft angestiegen.

Wenn die Dächer der WM-Stadien in der Nacht leuchten, geben sie aus der Distanz ein wunderschönes Bild her. Doch der Schein trügt: Rund um die Bauten blüht seit Monaten das Sexgeschäft mit Minderjährigen. Jetzt, knapp zwei Wochen vor Beginn des sportlichen Grossereignisses, ist die Kinderprostitution nochmals rasant angestiegen.

Gegenüber «Die Welt» machen diverse Kinderschutzorganisationen schwere Vorwürfe gegen die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff und dem Weltfussballverband Fifa. So gibt Ana Isabel Cabral Lima de Souza vom Hilfsprojekt «Vira Vida» an, dass die Fälle von Kinderprostitution in der WM-Stadt Fortaleza um hundert Prozent gestiegen seien. «Und die Weltmeisterschaft hat noch nicht mal begonnen», betont sie.

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Zuerst Bauarbeiter, dann Fussballfans

Fortaleza ist nur einer der vielen Hotspots in Brasilien für Kinder-Sex. Vor dem monumentalen Stadion Arena Corinthians in São Paulo gehen Mädchen – in einigen Fällen bis zu elf Jahre jung – seit 18 Monaten auf den Strich. Schon während der Bauarbeiten kamen Arbeiter aus allen Teilen des Landes und wollten sich abends vergnügen, meldet das Portal «Agencia de Noticias».

Nun treten an die Stelle der Bauarbeiter Fussballtouristen aus aller Welt. Und auch viele dieser Männer wollen sich für ein paar Reais im Hintersitz eines Taxis mit einer Minderjährigen vergnügen.

Woher kommen die Mädchen?

Die Mädchen stammen aus ärmsten Verhältnissen und gehen – selbstvertändlich – nicht freiwillig auf Freiersuche. Sie werden oft von den Familien selbst unter Druck gesetzt. Was eine junge Prostituierte in den nächsten vier Wochen verdienen wird, ernährt eine vierköpfige Familie ein ganzes Jahr lang.

In anderen Fällen sind es kriminelle Organisationen, die die Mädchen aus abgelegenen Orten holen. Sie betäuben und entführen sie oder kaufen sie den Eltern ab. In einem Bericht der «Sunday Times» vom vergangenen Dezember hiess es, dass internationale Mafiabanden planten, die zwölf Austragungsorte rechtzeitig mit jungen Mädchen zu versorgen.

Was macht die Fifa dagegen?

Die Vorwürfe der Kinderorganisation «Vira Vida» will sich die Fifa nicht gefallen lassen. Sie tue sehr wohl etwas gegen die sexuelle Ausbeutung von Kindern, betont ein Sprecher in der «Welt». Der Sportverband habe «unsere Sorgen und Erwartungen an die verantwortlichen staatlichen Stellen» herangetragen. Konkrete Projekte nannte die Pressestelle nicht. Auch nicht, wie viel Geld sie dafür ausgegeben hat.

Die britische Sportsoziologin Celia Brackenridge bestätigt gegenüber der «Huffington Post», dass die Fifa «bisher nur wenig Interesse an dem Thema gezeigt» habe – obwohl sexuelle Ausbeutung im Rahmen sportlicher Grossereignisse als Thema immer drängender wird.

Regierung will etwas unternehmen – ohne Geld auszugeben

In die Kritik gerät auch die Regierung. Vergangene Woche hat das brasilianische Abgeordnetenhaus den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen als «Crime Hediondo» («Abscheuliche Tat») deklariert. Präsidentin Rousseff gab dabei an, Kinderprostitution während der WM besonders bekämpfen zu wollen.

Nur: Mittel stelle die Regierung nicht zur Verfügung, erklärt Waldemar Oliveira, Anwalt beim «Zentrum für die Verteidigung von Kindern und Jugendlichen». Für den Kampf gegen Kinderprostitution brauche es spezialisierte Ermittler, «aber die Regierung sagt, dass sie dafür kein Geld hat». Zudem fehlten Arbeitskräfte, Computer und Autos, um das Problem wenigstens einigermassen in den Griff zu bekommen.

Konkrete Massnahmen in Fortaleza

Eine brasilianische Kinderschutz-Organisation geht jedoch mit gutem Beispiel voran und hat vor Monaten in Fortaleza konkrete Massnahmen getroffen. In vielen Hotels hängen Schilder, auf denen darauf hingewiesen wird, dass Sex mit Minderjährigen verboten ist, schreibt «Die Welt».

Noch besser macht es das Hotel Mercure im Osten der Stadt: Nicht eingecheckte Gäste müssen ihren Pass vorzeigen, bevor sie als Begleitung auf ein Zimmer dürfen. In der Lobby wurden ausserdem die Sessel und Sofas so umgestellt, dass jeder Gast auf dem Weg zum Lift an der Rezeption vorbeigehen muss.

Mittlerweile verteilt ein Anwaltsverein am Flughafen fleissig Flyer an Touristen, um auf das Thema Kinderprostitution aufmerksam zu machen. Wer etwas Verdächtiges beobachte, solle die Nummer 100 wählen, heisst es darin. Ans Telefon geht jedoch meistens niemand.

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