Ethische Frage: Kinderspital stoppt Beschneidungen
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Ethische FrageKinderspital stoppt Beschneidungen

Ein deutsches Urteil wirkt sich auf die Schweiz aus: In Deutschland gilt die Beschneidung von Jungen als Körperverletzung. Das Zürcher Kinderspital führt deshalb vorerst keine derartigen Operationen mehr durch.

Im Zürcher Kinderspital geht man auf Nummmer sicher: Vorerst werden keine religiösen Beschneidungen mehr durchgeführt.

Im Zürcher Kinderspital geht man auf Nummmer sicher: Vorerst werden keine religiösen Beschneidungen mehr durchgeführt.

Am Zürcher Kinderspital werden bis auf Weiteres keine religiös begründeten Beschneidungen mehr durchgeführt. Grund ist das umstrittene Urteil des Kölner Landgerichtes, das die Entfernung der Vorhaut als Körperverletzung einstufte.

Ein Arzt, der in Deutschland einen Jungen aus religiösen Gründen beschneidet, macht sich gemäss diesem Urteil strafbar. Der Gerichtsentscheid von Ende Juni sorgt auch am Zürcher Kinderspital für Diskussionen. Mit diesem Urteil sei eine neue, ethische Betrachtungsweise hinzugekommen, sagte der Medienverantwortliche Marco Stücheli auf Anfrage der SDA.

Beschneidung noch vertretbar?

Man habe sich deshalb entschieden, vorläufig keine Beschneidungen mehr vorzunehmen und das Thema intern zu überprüfen. Er bestätigte damit eine entsprechende Meldung im «Beobachter» vom Donnerstag. Man wolle sich Klarheit darüber verschaffen, ob solche Eingriffe - bei denen die Jungen zu klein sind, um ihr Einverständnis geben zu können - künftig weiterhin vertretbar seien oder nicht.

Vor juristischen Konsequenzen fürchte man sich aber nicht, betonte Stücheli. Nur schon deshalb, weil das Urteil des Kölner Landgerichtes keine Wirkung in der Schweiz habe. Auch andere ethische Fragen würden regelmässig intern diskutiert.

Eine bis zwei Beschneidungen pro Monat

Lange wollen die Spitalverantwortlichen nicht beraten. Man entscheide bald, ob man die Operationen wieder durchführe oder weiterhin darauf verzichte, sagte Stücheli weiter. Im Durchschnitt werden am «Kispi» eine bis zwei religiöse Beschneidungen pro Monat durchgeführt. Diese Zahl ist seit Jahren relativ konstant.

Weiterhin durchgeführt werden hingegen Beschneidungen, die aus medizinischen Gründen nötig sind, etwa bei Vorhautverengung und anderen urologischen Problemen. (sda)

Markus Malagoli*, aus welchen Gründen hat das Kinderspital ein zeitliches Operationsmoratorium angeordnet?

Das temporäre Moratorium wurde beschlossen, um zur Frage der nicht medizinisch ­notwendigen Beschneidung eine rechtliche und ethische Einschätzung einzuholen, und letztlich zum Schutz unserer Ärzte vor Klagen wegen Körperverletzung.

Stossen Sie mit dem Entscheid nicht die ­jüdische und muslimische Bevölkerung vor den Kopf?

Wir sehen das temporäre Operationsmoratorium keinesfalls unter dem Aspekt der Einschränkung der Religionsfreiheit. Es ist im ­Interesse aller, wenn die rechtliche Situation geklärt ist.

Verschieben sich Beschneidungen so nicht vom Spital auf dubiose Hinterhöfe?

Diese Befürchtung verstehe ich. Dies wäre dann der Fall, wenn es zu einem generellen Verbot käme. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass die rechtliche und ethische Beurteilung in der Schweiz anders ausfällt als die des Landgerichts Köln und dass das Operationsmoratorium wieder aufgehoben wird.

*Dr. Markus Malagoli ist ­Direktor des Kinderspitals ­Zürich.

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