Kindle-Abgang: Wollte er zu wenig schnell wachsen?
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Kindle-Abgang: Wollte er zu wenig schnell wachsen?

Nach dem überraschenden Abgang des ABB-Konzernchefs Fred Kindle ranken sich Spekulationen um die Gründe. ABB spricht von «unüberbrückbaren Differenzen». Analysten sehen ein Zerwürfnis mit dem Verwaltungsrat über die Wachstumsstrategie des Konzerns.

Der Abgang sei überraschend, heisst es in Analystenkreisen. Da sich der Verwaltungsrat vollumfänglich hinter die eingeschlagene Strategie stelle, könnten die Differenzen bei der Wachstumsstrategie liegen, heisst es.

Es stelle sich die Frage, ob der Bruch mit dem Verwaltungsrat aufgrund unterschiedlicher Haltungen gegenüber allfälligen, seit langem geplanten Übernahmen entstanden seien und ob nun eine eher vorsichtiger oder offensiver behaftete Marschrichtung eingeschlagen werde.

Namentlich wird als Gegenspieler Verwaltungsratspräsident Hubertus Von Gründberg genannt. Er wurde erst seit Mai 2007 als Nachfolger von ABB-Sanierer Jürgen Dormann zum Verwaltungsratspräsidenten gewählt.

Was tun mit dem vielen Geld?

Seit langem besteht die Diskussion über die Verwendung der prall gefüllten Kassen bei ABB. Kindle zeigte sich bislang zurückhaltend, was Akquisitionen, vor allem grössere, anbelangt.

Erste Priorität hätten für ihn Investitionen in interne Verbesserungen. Firmenübernahmen kämen in zweiter Priorität, sagte er Ende November. Grundsätzlich seien kleinere Zukäufe eleganter, weil das Risiko leichter zu verdauen sei.

Eine Rückzahlung an die Aktionäre sah der scheidende ABB-Chef erst in dritter Priorität. ABB dürfte rund 4 Mrd. Franken flüssige Mittel in der Tasche haben.

Ehrgeiziger Fünfjahresplan

Im September hielt ABB die strategischen und finanziellen Ziele für den Konzern fest. Strategisch will der Konzern das Hauptaugenmerk auf Strom und Automation legen.

Weil bereits 2007 die finanziellen Ziele von 2009 erreicht sind, gab sich der Konzern einen ehrgeizigen Fünfjahresplan 2007-2011. Neu sollte der Umsatz durchschnittlich zwischen 8 und 11 Prozent jährlich wachsen. Bislang hatte der Konzern ein Umsatzwachstum von über 5 Prozent angepeilt.

Das Wachstumsziel für die Betriebsgewinnmarge (EBIT) wurde von über 10 Prozent auf einen Korridor von 11 bis 16 Prozent nach oben geschraubt. Der Reingewinn pro Aktie soll jährlich um 15 bis 20 Prozent zulegen.

Die untere Bandbreite des neuen Zielkorridors solle auch dann erreicht werden, wenn die Märkte in schlechter Verfassung seien «und wir mit allerlei Garstigkeiten zu kämpfen haben», sagte Kindle. Die obere Bandbreite gelte bei guter Wirtschaftslage.

Von Grünberg: Es geht weiter wie bisher

Der überraschende Abgang von Fred Kindle hat nach Aussagen von Verwaltungsratspräsident Hubertus Von Grünberg keinen Einfluss auf den Kurs des Konzerns. Zu den Gründen für den abrupten Abgang schweigt er sich allerdings aus.

Es gehe unter der interimistischen Leitung von Financhef Michel Demaré weiter wie bis anhin, sagte Von Grünberg am Mittwoch in einer Telefonkonferenz. ABB begründete den Wechsel an der Spitze des Energie- und Automationstechnikkonzerns mit «unüberbrückbaren Differenzen».

Der Abgang Kindles stehe nicht im Zusammenhang mit der Performance des Konzerns, sagte Von Grünberg weiter. ABB habe 2007 ein exzellentes Resultat erwirtschaftet. Zudem stehe der Verwaltungsrat vollumfänglich hinter den strategischen Zielen, die im vergangenen Herbst unter Kindle formuliert worden waren.

Der Austritt Kindles habe nichts mit der Akquisitionspolitik des Konzerns zu tun, sagte Von Grünberg. Darin seien sich der Verwaltungsrat und der scheidende Konzernchef immer einig gewesen. ABB werde mit Akquisitionen weiterhin diszipliniert bleiben, halte aber die Augen offen.

Analysten spekulierten, dass sich der Verwaltungsrat und Kindle wegen seit längerem zu erwartenden Zukäufen in die Haare geraten sein könnten. Solche Projekte würden laufend diskutiert, sagte Von Grünberg.

Die Verwendung der gefüllten Kassen des Konzerns ist seit längerem ein Thema. Finanzchef Demaré bezifferte den Bestand an flüssigen Mitteln am Mittwoch auf 8 Mrd. Dollar. Bislang wurde angenommen, dass ABB rund 4 Mrd. Dollar in der Kasse hat.

(sda)

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