Aktualisiert 19.12.2006 19:13

King Roger: Athlet von einem anderen Stern

Das Masters hat mit dem Sieg von Roger Federer den erwarteten Ausgang genommen. Der Weltranglistenerste schlug fünf Top-8-Spieler in Serie und gewann das Masters nach 2003 und 2004 zum dritten Mal. Eine Frage bleibt: Ist Roger Federer der grösste Sportler aller Zeiten? Entscheiden Sie!

Der Verlauf des Saisonfinales war noch einmal ein Abbild der aktuellen Konstellation an der Spitze des Männer-Tennis. Federer zieht vorne einsam seine Kreise, dahinter folgt die Konkurrenz mit klarem Abstand. So war es auch in Schanghai; mit Ausnahme des fünfmal siegreichen Baselbieters mussten alle Spieler mindestens zweimal als Verlierer vom Platz. Der Primus blieb auch im Zirkel der besten acht unangetastet.

Federer-Siege sind in der Öffentlichkeit längst zum Normalgut geworden. Für den Basler selber sind sie indessen alles andere als Selbstverständlichkeit; allein mit Talent wären all die Meriten nicht zu erreichen. Sie liegen zu einem grossen Teil in Federers Bereitschaft begründet, sich uneingeschränkt auf seine Aufgabe zu fokussieren und dem Erfolg alles unterzuordnen. Dazu gesellt sich die akribische Saisonplanung, die mitunter auch Entscheide «contre coeur» (Absage Davis Cup) mit sich bringt.

Die Summe dieser Erfolgskomponenten brachte Federer den entscheidenden Vorteil gegenüber der Konkurrenz: die Konstanz. Viele spielen während einer Woche oder während mehrerer Monate gut, Federer tut dies seit drei Jahren. In dieser Zeitspanne hat er von 49 Turnieren 34 gewonnen und steht mit einer Matchbilanz von 247:15 Siegen zu Buch. Gleichwohl ist der Erfolgshunger von Federer, dessen Karriereplanung bis 2012 mit den Olympischen Spielen in London ausgerichtet ist, noch lange nicht gestillt.

In Federers Prioritätenliste steht die erfolgreiche Verteidigung der Spitzenposition im Ranking nach wie vor ganz oben, gefolgt von den Grand-Slam-Turnieren im Allgemeinen und Wimbledon und dem French Open im Speziellen. In Bezug auf die Major-Events behält er mit Sicherheit auch den von Pete Sampras gehaltenen Titel-Rekord (14) im Auge. Im Weiteren definierte er den Olympiasieg und, falls er ihn fest in sein Jahresprogramm aufnehmen wird, den Gewinn des Davis Cups als erstrebenswerte Ziele. Sie alle umzusetzen, müsste im Grunde genommen als Ding der Unmöglichkeit taxiert werden. Doch einem Federer scheinen keine Grenzen gesetzt - vorausgesetzt, er vermag seinen hohen Level weiterhin über einen längeren Zeitraum zu konservieren.

David Bernold, Schanghai (si)

«Vielleicht der beste Match meiner Karriere»

Roger Federer geriet über seine Vorstellung im Final des Masters in Schanghai selber ins Schwärmen. Im Interview sprach er unter anderem auch über die Bedeutung des Titels und seine Dominanz und richtete seinen Blick auf die kommenden Wochen.

Roger Federer, was bedeutet Ihnen dieser neuerliche Masters-Sieg?

«Es ist einfach unglaublich. Das Masters, mit anderen Worten die Weltmeisterschaft gewonnen zu haben, bedeutet für mich das perfekte Ende einer unglaublichen Saison.»

Wie stufen Sie Ihre heutige Leistung ein?

«Das war eines der besten Spiele meiner Karriere. Vielleicht das beste überhaupt.»

James Blake sagte zuvor, dass er Mühe habe, die richtigen Worte zu finden, um zu beschreiben, wie brillant Sie gespielt haben.

«Auch mir fehlen eigentlich die Worte. Einmal musste ich sogar auf dem Platz darüber lachen, wie gut ich spiele. Ich habe stets die richtige Antwort bereit gehabt. Was immer ich versucht habe, es hat geklappt. An dem Punkt angelangt zu sein, in dem ich mit meinem Spiel zufrieden bin, hat viel Zeit gebraucht. Auch deshalb ist es schwierig, meine Leistung zu beschreiben.»

Wie wichtig ist dieser Titel im Vergleich zu einem Grand-Slam-Sieg?

«Ein Teil dieser Elite-Gruppe am Masters zu sein ist eines der Ziele, die du dir zu Beginn der Saison steckst. Nur die besten acht sind dabei. Das gibt dir die Möglichkeit, gegen die Besten zu spielen. Das Masters bietet aber auch die Gelegenheit, eine gute Saison zu beenden. 2003, als ich erstmals das Masters gewonnen habe, war eines der Turniere, in denen mir der Durchbruch gelungen ist. Das erste Turnier in Schanghai 2002 fand in einer ganz speziellen Atmosphäre statt. Deshalb ist das Masters für mich eine der grössten Veranstaltungen überhaupt.»

Sie sind in der Form Ihres Lebens. Eigentlich schade, dass die Saison jetzt zu Ende ist.

«Irgendwie ist es schade, ja. Anderseits bin ich auch froh, dass ich jetzt etwas Pause habe und nicht mehr dem Druck ausgesetzt bin. Es ist schön, nach einem solchen Titelgewinn zu überwintern.»

Im Final heute gegen Blake wirkten Sie ruhiger als am Tag zuvor gegen Nadal.

«Die beiden Spiele kann man nicht miteinander vergleichen. Gegen Nadal hatte ich umstrittenere Ballwechsel. Ich wusste, dass ich mir weniger Fehler als gegen einen anderen erlauben durfte. Nach dem sehr guten Start gegen Blake fühlte ich mich noch wohler auf dem Platz.»

Wie sehen Sie Ihre Dominanz? Wie lange wird sie Ihrer Meinung nach anhalten?

«Ich weiss es nicht. Ich hoffe, dass das noch eine Weile so bleibt. Es ist schwierig, sie aufrechtzuerhalten. Ich habe in diesem Jahr dafür über neunzig Spiele gewinnen müssen. Es verlangt einem auch ausserhalb des Platzes einiges ab, unter anderem die langen Reisen. Wenn ich gesund bleibe, gebe ich mir eine gute Chance, auch im nächsten Jahr gut zu spielen.»

Heute haben Sie 6:0, 6:3, 6:4 gewonnen, beim ersten Titel 2003 gegen Agassi 6:3, 6:0, 6:4, ein Jahr später gegen Hewitt 6:3, 6:2. Im Durchschnitt haben Sie also nur zwei, drei Games abgegeben. Heisst das, dass der Unterschied zwischen Ihnen und den anderen fast unrealistisch gross geworden ist?

«Nein, nein, auf keinen Fall. Es überrascht auch mich, dass ich auf den Platz kommen kann und einen Top-Fünf- oder Top-Ten-Spieler so klar zu schlagen vermag. Ich erinnere mich, dass ich gegen Agassi unglaublich gut gespielt habe. Das war bis zu jener Zeit einer meiner besten Matches. Gegen Hewitt war es wegen des Regens ein schwieriges, ganz anderes Spiel. Trotzdem hatte ich alles unter Kontrolle. Ich habe aber auch keine Erklärung dafür, weshalb ich in solchen Momenten so gut spiele.»

Sie blicken auf Ihre bislang erfolgreichste Saison zurück. Was waren für Sie die schönsten, emotionalsten Momente und die grössten Enttäuschungen?

«Ich hatte viele Hochs und nicht allzu viele Tiefs. Der emotionalste Moment war vielleicht der Sieg im Australian Open. Wimbledon war sicher am Speziellsten. Und hier in Schanghai zu gewinnen ist auch eine ganz grosse Geschichte. Enttäuschungen? Vielleicht die Niederlage im French-Open-Final. Da hätte ich mir gewünscht, besser zu spielen.»

Es scheint, dass es für die anderen mit Ausnahme von Nadal vielleicht fast unmöglich ist, Sie zu schlagen - vorausgesetzt, Sie sind hundertprozentig fit. Sehen Sie für die nächste Saison weitere, junge Spieler, die Sie in Bedrängnis bringen könnten?

«Da gibts schon einige. Murray, Gasquet. Oder Berdych und Djokovic. Monfils spielte zu Beginn des Jahres sehr gut. Es ist aber auch möglich, dass sie noch das eine oder andere Jahr brauchen, um den Durchbruch zu schaffen. Der stärkste Gegner ist für mich nach wie vor Nadal.»

Wie sehen Ihre nächsten Wochen aus?

«Am Dienstag spiele ich mit Nadal die Exhibition in Seoul. Danach habe ich zwei Wochen Ferien und beginne anschliessend in Dubai mit den Vorbereitungen für die nächste Saison. Kurz vor Weihnachten werde ich für die Unicef (Federer ist Botschafter der Organisation, Red.) nach Indien reisen. Ob ich zu Beginn des Jahres in Doha antreten werde, weiss ich noch nicht. Wenn nicht, werde ich umso früher nach Melbourne reisen.»

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