Kirchgemeinde Tobel TG – Kirchgänger wählen Pfarrer ab – dieser weigert sich, abzutreten

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Kirchgemeinde Tobel TGKirchgänger wählen Pfarrer ab – dieser weigert sich, abzutreten

Kuriose Szenen im Kanton Thurgau: Spannungen zwischen Pfarrer Leo Schenker und Kirchgängern sorgten dafür, dass der Seelsorger in einer offiziellen Wahl abgewählt wurde. Dieser denkt jedoch nicht ans Abtreten und bezieht sich auf das Kirchenrecht. 

von
Vincent Vogler
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Kirchgänger der Katholischen Kirchgemeinde Tobel TG haben am Sonntag den lokalen Pfarrer abgewählt.

Kirchgänger der Katholischen Kirchgemeinde Tobel TG haben am Sonntag den lokalen Pfarrer abgewählt.

20Min/Marion Alder
Es habe Spannungen wegen seiner Persönlichkeit gegeben, sagt Manuel Bilgeri, Leiter der Fachstelle Kommunikation der Katholischen Landeskirche Thurgau.

Es habe Spannungen wegen seiner Persönlichkeit gegeben, sagt Manuel Bilgeri, Leiter der Fachstelle Kommunikation der Katholischen Landeskirche Thurgau.

20Min/Marion Alder
Manche seien schon wegen ihm aus der Kirche ausgetreten.

Manche seien schon wegen ihm aus der Kirche ausgetreten.

20Min/Marion Alder

Darum gehts

  • Leo Schenker, Pfarrer der Kirchgemeinde Tobel, wurde bei der ersten Wahlgelegenheit von den Kirchgängern abgewählt.

  • Es habe schon öfter Spannungen wegen seiner Persönlichkeit gegeben.

  • Der 58-Jährige akzeptiert das Ergebnis nicht und legt dementsprechend sein Amt nicht nieder.

  • Er bezieht sich dabei auf das kanonische Recht.

  • Anders sieht das die Katholische Landeskirche Thurgau. 

Seit dem ersten Januar gilt in diversen Thurgauer Kirchgemeinden eine neue Verordnung: Leitende Personen der Katholischen Kirche müssen sich alle vier Jahre zur Wiederwahl aufstellen. Dazu gehört auch der Pfarrer. Am vergangenen Sonntag war dies im Kanton Thurgau zum ersten Mal der Fall. Und es kam direkt zum Knall: Die Katholische Kirchgemeinde Tobel TG will ihren Pfarrer nicht mehr. Wie die «Thurgauer Zeitung» (Bezahlartikel) schreibt, gehören unter anderem Affeltrangen, Märwil, Zezikon, Braunau, Kaltbrunnen und Tägerschen zur Kirchgemeinde Tobel. 

Leo Schenker heisst der abgewählte Pfarrer. Am vergangenen Sonntag stimmten 76 Kirchbürgerinnen und Kirchbürger für den 58-Jährigen. 108 Personen liessen ihren Stimmzettel leer. Damit erreicht der Pfarrer das absolute Mehr nicht und verpasst die Wiederwahl somit schon bei der allerersten Wahl überhaupt. Der 58-Jährige war seit 1999 im Amt. 

Pfarrer denkt nicht ans Abtreten 

Für Schenker ist der Entscheid differenziert tragbar: «Ich akzeptiere das Wahlresultat: formal, aber nicht inhaltlich, im Sinne einer Abwahl.» Er bezieht sich auf das kanonische Weltkirchenrecht CIC. «Das CIC gilt inhaltlich, das kantonale Recht als äusserer Rahmen. Ein kanonisch installierter Pfarrer ist wie ein staatlicher Beamter: fest gewählt. Formal aber soll das Resultat im Sinne der Stimmbürger Folgen haben, zum Beispiel im Lohnbereich», sagt der 58-Jährige. 

Er wäre bereit finanzielle Abstriche zu machen. Den Vorwurf einiger Kirchbürger, er beherrsche den zwischenmenschlichen Umgang nicht gut, kann Schenker nicht verstehen: «Ich weiss nicht, wie jemand zu solchen Schlüssen kommt. Wer das Gespräch sucht, findet bei mir immer offene Türen. Wer nicht will, den kann ich nicht zwingen.»

«Wegen ihm sind schon Menschen aus der Kirche ausgetreten»

«Die Situation ist wirklich speziell – kurz nach der Einführung des neuen Kirchengesetzes folgt bereits eine Abwahl», sagt Manuel Bilgeri, Leiter der Fachstelle Kommunikation der Katholischen Landeskirche Thurgau. Für ihn ist der Fall aber klar: «Das Wahlergebnis bedeutet, dass Schenker sein Amt bis Ende Juli niederlegen wird.» Bilgeri bedauert das Wahlergebnis für Schenker als Mensch. Man müsse aber auch beachten, dass es schon länger Spannungen aufgrund von seiner Persönlichkeit gab. «Die Spannungen zeigten sich im Kirchengemeinderat und bei den Kirchbürgern», so Bilgeri. Es habe schon Menschen gegeben, die wegen dem Pfarrer aus der Kirche ausgetreten seien. «Er hat schon seine Anhänger, aber viele möchten ihn nicht mehr als Pfarrer.»

Doch was, wenn Schenker hartnäckig auf seiner Position ausharrt? «Es ist durchaus kompliziert», meint Bilgeri. In der katholischen Kirche gebe es ein duales System: zum einen die pastorale Seite des Bistums und zum anderen die staatskirchenrechtliche Seite der Kirchengemeinde. (siehe Box) «Wir werden nun Gespräche suchen und hoffen, dass eine Lösung gefunden werden kann, ohne, dass es Streitigkeiten gibt», sagt Bilgeri.

Norbert Weber, Präsident der Katholischen Kirche Tobel, wollte sich gegenüber 20 Minuten nicht äussern. 

Spezielle Anstellungsverhältnisse bei Pfarrern

Beim Bistum Basel, zu dem die Kirchgemeinde Tobel gehört, hat man das Wahlergebnis zur Kenntnis genommen. Der Pfarrer hat zwei vorgesetzte Stellen, erklärt Hansruedi Huber, Sprecher des Bistums Basel. «Zum einen ist die Kirchgemeinde die Anstellungsbehörde, die auch den Lohn an den Pfarrer ausbezahlt», sagt Huber. «Zum anderen wird ein Pfarrer vor seiner Anstellung vom Bistum bezüglich seiner geistlichen Qualitäten im Hinblick auf eine Stelle überprüft», so Huber. Wenn er diese erfüllt, erhält er die sogenannte Missio, die Beauftragung vom Bischof, dass der Pfarrer den Glauben im Namen der Kirche verkünden darf. Zur Situation in Tobel TG sagt Huber: «Wir werden das Gespräch mit dem Pfarrer suchen, mit dem Ziel, eine einvernehmliche Lösung zu finden.»

Kirchenrechtlich kann ein Bistum die Beauftragung eines Pfarrers entziehen, wenn entsprechende Ereignisse eingetreten sind, heisst es aus Fachkreisen. Dagegen kann sich ein Priester in Rom beschweren, wenn er der Meinung ist, dass der Entzug seiner Beauftragung rechtswidrig erfolgt sei. (jeb)

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