Reduktive Evolution: Kiwis erblinden – weil sie sich weiterentwickeln?
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Reduktive EvolutionKiwis erblinden – weil sie sich weiterentwickeln?

Neuseelands Nationalvogel ist nachtaktiv und hat einen so exzellenten Tast-, Hör- und Geruchssinn, dass er sich nun seiner Sehfähigkeit zu entledigen scheint.

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Es gibt eine ganze Reihe von Tieren, die ohne Augenlicht leben. Vögel gehörten bislang nicht dazu. Doch nun berichten Ornithologen von Kiwis, die offenbar ihren Sehsinn zurückbilden.

Es gibt eine ganze Reihe von Tieren, die ohne Augenlicht leben. Vögel gehörten bislang nicht dazu. Doch nun berichten Ornithologen von Kiwis, die offenbar ihren Sehsinn zurückbilden.

/Myloupe
Von rund 160 Exemplaren des Okarito-Streifenkiwis wies ein Drittel Augenschäden auf. Drei Tiere waren sogar völlig erblindet, obwohl sie ansonsten kerngesund waren. Die genauen Hintergründe sind noch unklar.

Von rund 160 Exemplaren des Okarito-Streifenkiwis wies ein Drittel Augenschäden auf. Drei Tiere waren sogar völlig erblindet, obwohl sie ansonsten kerngesund waren. Die genauen Hintergründe sind noch unklar.

BMC Biology/Alan Tennyson et al.
Fest steht dagegen, dass Kiwis zu den Laufvögeln zählen und mit ihren 25 bis 45 Zentimetern Grösse die mit Abstand kleinsten Vertreter ihrer Art darstellen.

Fest steht dagegen, dass Kiwis zu den Laufvögeln zählen und mit ihren 25 bis 45 Zentimetern Grösse die mit Abstand kleinsten Vertreter ihrer Art darstellen.

/Ullstein Bild

Mit diesem Fund haben die Forscher um Alan Tennyson vom neuseeländischen Nationalmuseum Te Papa Tongarewa nicht gerechnet: Ihr Nationalvogel hat Probleme mit den Augen.

Von 160 untersuchten Kiwi-Vögeln (siehe Box) wies ein Drittel Augenschäden auf. Drei Tiere waren sogar völlig erblindet, obwohl sie ansonsten kerngesund waren.

Vor Probleme stellte der Sehverlust die Exemplare nicht: Wie an ihnen angebrachte Sender zeigten, lebten die Vögel weiter wie zuvor. Einer der Kiwis hat sich sogar gepaart.

Vögel bilden Augenlicht aktiv zurück

Eine mögliche Erklärung dafür liefern die Ornithologen im Fachjournal «BMC Biology»: Weil die Kiwis ausschliesslich nachts aktiv sind und zudem über einen exzellenten Tast-, Hör- und Geruchssinn verfügen, könnte es sein, dass sie ihr Sehvermögen einfach nicht brauchen.

Weiter spreche dafür, dass sie in ihrem Lebensraum ausreichend Futter finden und – ausser den eingeschleppten Ratten, Opossums und Hermelinen – keine Fressfeinde haben.

Den Sehsinn zu erhalten, könnte für sie aus evolutionsbiologischer Sicht daher Energie-Verschwendung sein, wie Tennyson dem «New Scientist» sagte. Der Fachausdruck laute Reduktive Evolution, da sich ein körperliches Merkmal zurückbildet.

Andere Forscher, andere Ideen

Doch das ist nicht die einzig denkbare Erklärung für den Verlust des Augenlichts bei den Kiwis. Laut Stanley Sessions vom Hartwick College im US-Bundesstaat New York könnte auch ein Gen namens Sonic Hedgehog dafür verantwortlich sein.

Dieses wirke bei vielen Wirbeltieren als Signalmolekül in verschiedenen Entwicklungsstadien und soll unter anderem beim blinden Mexikanischen Höhlensalmler mitverantwortlich dafür sein, dass sich keine Augen entwickeln.

Aber auch Erbgutschäden durch den eingeschränkten Genpool der Art können nicht ausgeschlossen werden.

Weitere Fakten zu Neuseelands Nationalvogel finden Sie in der obigen Bildstrecke. Unter anderem auch die Antwort darauf, was zuerst da war: die Frucht oder der Vogel.

Es geht um die Seltensten der Seltenen

Es geht um die Seltensten der Seltenen

Alan Tennyson und seine Kollegen hatten für ihre Studie rund 160 Exemplare des Okarito-Streifenkiwis (Apteryx rowii) untersucht. Die Art gilt als vom Aussterben bedroht und ist heute nur noch in einem kleinen Gebiet, dem Okarito-Wald an der Westküste der neuseeländischen Südinsel, vorhanden. Die Forscher gehen von maximal 400 Exemplaren aus. (Bild: Alan Tennyson)

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