Trotz Todesfall: Klapperschlangen-Tanz wird weitergehen
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Trotz TodesfallKlapperschlangen-Tanz wird weitergehen

In den Südstaaten der USA wird das Ritual des Schlangenaufhebens gepflegt. Erst kürzlich starb ein bekannter Schlangen-Pastor. Doch das bizarre Ritual geht weiter.

von
Bernard Darko
AP

Der Tanz mit der Klapperschlange ging für Jamie Coots viele Jahre gut – bis im Februar. Der Pastor wurde während des Gottesdienstes gebissen, doch er verweigerte jede medizinische Hilfe. Kurz darauf war es vorbei. Der Schlangenbeschwörer im Namen des Herrn starb in seinem Haus im Ort Middlesboro im US-Staat Kentucky.

Wer glaubt, dass die Gläubigen seiner Kirche nun die Finger von giftigen Schlangen lassen würden, irrt gewaltig. Kaum hatten einige der Trauergäste die Beerdigungsfeier für ihren Pastor verlassen, ging der Tanz mit der Klapperschlange schon weiter.

Sohn will den Tanz weiterführen

Mit seinen religiösen Schlangenritualen hatte es Coots zu Lebzeiten in die vom US-Sender National Geographic ausgestrahlte Show «Snake Salvation» gebracht. Seine Kirche Full Gospel Tabernacle hatte einst sein Grossvater gegründet. Jetzt, da Coots tot ist, will sein Sohn das seit drei Generationen bestehende Werk fortführen.

«Die Leute glauben, dass die Gläubigen mit dem Schlangenaufheben aufhören, weil jemand gebissen wurde, doch das Gegenteil ist der Fall», sagt Ralph Hood, Psychologieprofessor an der Universität von Tennessee. «Es bestätigt sie in ihrem Glauben.»

In den 40er und 50er-Jahren verboten

Erstmals wurde die Praxis des Schlangenaufhebens laut dem Experten Paul Williamson zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den Gebirgen im Osten von Tennessee dokumentiert. In den 1940er und 1950er-Jahren verboten viele Staaten das Ritual zwar, doch viele Kirchen scherten sich nicht darum. Und oft drückte die Polizei ein Auge zu.

Die Anhänger berufen sich auf eine Bibelstelle aus dem Buch Markus, in der es heisst, dass gläubige Christen als eines von fünf Zeichen Schlangen aufheben würden und es ihnen nicht schaden werde.

Zeichen des Herrn

Auftrieb bekam die Bewegung durch den Pfingstler George Hensley, der um 1900 von einer wundersamen Begebenheit berichtete: Auf einem Berg sei eine Schlange an ihm vorbeigeglitten, die er ohne Weiteres habe anfassen können. Als er vom Berg zurück war, erhob der Prediger die fünf Zeichen aus dem Buch Markus zum Postulat. Hensley starb später an den Folgen eines Schlangenbisses.

Die Gläubigen ficht es jedoch nicht an, wenn ein Schlangenritual wie damals bei Hensley und nun bei Coots tödlich endet. Letzterer wäre ohnehin am 15. Februar gestorben, glaubt Pastor Andrew Hamblin. Wenn es nicht ein Schlangenbiss gewesen wäre, dann eben ein Schlaganfall oder irgendein Unfall, fügt er hinzu. Hamblin trat auch in der Sendung «Snake Salvation» auf und war nach eigenen Angaben dabei, als Coots starb.

«Gefühl der Ekstase»

Psychologe Williams vergleicht die Erfahrung des Schlangenaufhebens mit einem Gefühl der Ekstase. «Es ist wie ein Hochgefühl, aber noch ein grösseres als irgendeine Droge oder Alkohol. Es ist ein Gefühl der Freude, des Friedens, des extremen Glücks.» So glaubten Teilnehmer, dass sie geschützt seien, wenn Gott sie berühre. Allerdings wüssten sie auch, dass sie gebissen werden könnten, wenn der Geist sie verlasse und sie die Schlangen nicht rechtzeitig wieder absetzen.

Die Gefahr ist nicht zu unterschätzen: Seit 1919 sind 91 Fälle von tödlich verlaufenen Schlangenritualen belegt, wie Williamson sagt. Jahr für Jahr kommen in den USA zwischen 350 und 400 Menschen durch Schlangenbisse ums Leben.

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