Aktualisiert 19.07.2011 13:32

SBB-Knatsch

Klassenkampf in vollen Zügen

Die SBB schützen die 1.-Klasse-Passagiere schon mal mit verriegelten Türen zur 2. Klasse. Unter den 20-Minuten-Online-Lesern tobt deswegen ein Kampf zwischen «Pöbel» und Premium-Kunden.

von
meg
Die Zweiklassen-Gesellschaft in den Zügen gibt keine Ruhe.

Die Zweiklassen-Gesellschaft in den Zügen gibt keine Ruhe.

Die SBB rollen ihren Premium-Kunden den roten Teppich aus. Dies nicht nur mit 1.-Klasse-Lounges und Ruheabteilen. Um ihre besser bezahlende Kundschaft vor zu viel Durchgangslärm zu schützen, schliessen Zugbegleiter mit dem Segen der SBB ausnahmsweise schon mal die Türen zur 2. Klasse ab. Der Bericht von 20 Minuten Online entzündete den Klassenkampf in den Kommentaren, die mittlerweile über 600 Einträge zählen.

Auffällig viele 1.-Klasse-Kunden klatschen dem Zugbegleiter begeistert Beifall. «Mein Respekt vor diesem Zugführer, der den Mut hatte, diesen Schritt zu wagen. Danke!», schreibt H. Hohl. «Leider wird das zu selten angewendet. Danke an diejenigen, die es trotzdem tun!», meint Daniel. Und Franco fordert: «Endlich! Hoffentlich nehmen sich andere Zugführer ein Beispiel.» Einhellig begründen die 1.-Klasse-Fahrer in der klassenkämpferischen Debatte ihre Haltung: «Jeder bekommt, was er bezahlt.»

Zugwanderer und Ruhestörer

Was im Billettpreis gefühlt enthalten ist, da herrschen im Detail aber auch bei der besser zahlenden Kundschaft Unterschiede. Wer mehr bezahle, der habe schlicht das Anrecht, vor dem Fussvolk geschützt zu werden. «Das stört ungemein, wenn ständig Leute durch die Wagen laufen. Dafür zahle ich nicht 60 Prozent mehr», findet Stephan aus Solothurn. Vor allem im Raum Zürich ist das Thema der «Zugwanderer und Ruhestörer» offenbar ein Dauerbrenner. Wer etwa vom Flughafen Richtung Hauptbahnhof reise, müsse damit rechnen, dass die Völkerwanderung «bereits in Oerlikon losgehe», schreibt Chris. «Lauter Reisende der 2. Klasse, die nachher die Abgänge im Doppelstöcker und die Türen verstopfen. Sollen die Leute da aussteigen, wo sie auch bezahlen.»

Gleich tönt es aus den 1.-Klasse-Wagen, die aus Bern oder Basel in den Kopfbahnhof Zürich einfahren. «Die Zugwanderer zwischen Altstetten und Zürich HB stören die Ruhe massiv.» Vor allem 2.-Klasse-Fahrer, die sich ab Altstetten durch den Zug kämpfen, um im Zürcher Hauptbahnhof ganz vorne im Zug und damit direkt in der Bahnhofshalle anzukommen, nerven Passagiere auf den teuren Plätzen.

Getrennte Welten

Doch auch in der 2. Klasse ist man ob dem Gelaufe nicht nur begeistert – und sympathisiert mit Gegenmassnahmen: «Wenn die 2. Klasse nicht mehr durch die 1. Klasse gehen darf, dann darf aber auch die 1. Klasse nicht mehr durch die 2. Klasse», findet Maya. Auf der Strecke Zürich – Luzern (beides Sackbahnhöfe) etwa sei die Situation umgekehrt: Weil die 1.-Klasse zuhinterst angekoppelt ist, begeben sich bereits Minuten vor Ankunft in Luzern die Premium-Fahrer auf den Weg Richtung Lokomotive.

Der Klassenkampf ist voll entbrannt, was vereinzelte Kommentatoren als «schockierend» empfinden. «Es ist nicht gerechtfertigt, die 2. Klasse als ‹Pöbel› oder Minderwertige darzustellen.» Jonathan Albrecht, der die Massnahmen der SBB durchaus nachvollziehen kann, findet: «Trotzdem ist Klassendenken veraltet und gehört in die Mülltonne.»

Was noch viel mehr stört

Versöhnliche Töne gibt es aber durchaus auch aus der 1.-Klasse-Abteilung. Die Völkerwanderung beschränke sich ja ausschliesslich auf die ersten und letzten paar Fahrminuten, finden einige. Und Armin Schaller, der sich zwar an den Zugwanderern stört, schreibt: «Was noch viel mehr stört, sind die minutenlangen Lautsprecher-Durchsagen in 17 Sprachen, bloss weil der Zug irgendwo in Hinterfurzigen anhält. Und die ständigen Werbedurchsagen für den Speisewagen könnt ihr (die SBB) euch auch sparen. Wir wissen mittlerweile, dass man sich in der Mitte des Zuges die Kante geben kann.»

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