Zu träge: Klassische Reiseanbieter vor dem Aus
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Zu trägeKlassische Reiseanbieter vor dem Aus

Im Kampf um Kunden haben die grossen Reisekonzerne immer öfter das Nachsehen. Ihre völlig veralteten IT-Systeme könnten ihnen zum Verhängnis werden, warnt selbst Hotelplan-Chef Hans Lerch.

von
Elisabeth Rizzi
Hotelplan-Chef Hans Lerch warnt, die Reiseveranstalter einen müssten massiv mehr in neue Informatik-Technologien investieren.

Hotelplan-Chef Hans Lerch warnt, die Reiseveranstalter einen müssten massiv mehr in neue Informatik-Technologien investieren.

Klassische Reiseveranstalter wie Kuoni, Hotelplan oder Tui haben diesen Sommer in die Röhre geschaut: Wegen des fallenden Euros waren ihre Angebote plötzlich zu teuer. Die Ferienreisenden wichen auf deutsche Anbieter und das Internet aus. Die traditionellen Urlaubsanbieter waren schlicht zu langsam bei der Preisanpassung. Schuld daran sind aber nicht nur die taumelnden Finanzmärkte.

Hotelplan-Chef Hans Lerch nimmt kein Blatt vor den Mund: «Grosse Namen wie Tui, Thomas Cook, JTB, Kuoni und andere werden in fünf Jahren sehr anders daherkommen als heute – wenn sie dann noch existieren», warnt er in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «Travel Inside». Ein grosses Problem sei nämlich die hoffnungslos veraltete IT-Infrastruktur. So ist es den traditionellen Reisekonzernen im Gegensatz zu den jungen Internet-Anbietern nicht möglich, direkt bei der Buchung auf Preisschwankungen zu reagieren und online die aktuell günstigsten Hotels, Flüge etc. für ein Paket herauszupicken.

Millionen versenkt

Trotzdem buttern sie weiterhin dreistellige Millionenbeträge in ihre veralteten Systeme. So bemängelt Lerch: «Thomas Cook hat 160 Millionen US-Dollar versenkt, beim Versuch, ein modernes, konzernweites System aufzubauen.» Bei Kuoni seien ebenfalls 100 Millionen verlocht worden, ohne dass etwas Gescheites dabei herausgekommen sei.

Die unabhängigen Schweizer Reisebüros kündigen ihren Veranstaltern deshalb zunehmend die Liebe: «Sie würden ja gerne mit Schweizer Reiseveranstaltern zusammenarbeiten. Aber wegen dem Konkurrenzdruck der Kunden mussten sie gerade im letzten Sommer auf ausländische Partner ausweichen», sagt Walter Kunz, Geschäftsleiter des Reisebüroverbandes.

Den Facebook-Zug verpasst

Hinter der Trägheit der Reiseveranstalter verbirgt sich nach Ansicht von Experten ein eigentliches Kulturproblem. «Die Entwicklung des Internets erfordert eine innovative Unternehmenskultur mit kurzen Entscheidungswegen. Da sind Ebookers & Co. einfach im Vorteil gegenüber den grossen Reisekonzernen wie Kuoni oder Thomas Cook», sagt Andreas Liebrich vom Institut für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern.

Die Social Networks zeigen das unerbittlich: Kuoni, Hotelplan und auch Knecht Reisen als Nummer vier im Schweizer Markt haben im Verhältnis zur Zahl ihrer Kunden sehr wenige Fans auf Facebook.

Wollten die Grossen künftig konkurrenzfähig bleiben und nicht zu Dinosauriern absteigen, müssten sie millionenstarke Investitionen in eine umfassende Erneuerung ihrer IT-Systeme tätigen, glaubt Liebrich. Aber selbst dann sei ein Überleben nicht gesichert. «Denn hinter den betriebseigenen Informatikstrukturen stecken weltweite Datenbanken für Hotels und Flüge, die teils noch auf Technologien aus den Sechziger- und Siebzigerjahren gründen», warnt er.

Besser vernetzt

Die im Zug von Web 2.0 entstandenen Reiseveranstalter wie ebookers oder Unister mit «ab-in-den-urlaub.de» oder «Flüge.de» dagegen würden nicht nur die Datenbanken besser ausnutzen, sondern sich auch besser untereinander vernetzen.

Hotelplan schreibt derweil rote Zahlen. Und Thomas Cook, der nach Tui zweitgrösste Reiseveranstalter in Europa, kämpft gar ums Überleben. Der Kurs seiner Aktien ist dieses Jahr über 80 Prozent getaucht.

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