Golf von Mexiko: Kleine Helfer gegen die grosse Plage
Aktualisiert

Golf von MexikoKleine Helfer gegen die grosse Plage

BP und Umweltexperten scheinen bei der Ölpest mit ihrem Latein am Ende. Möglicherweise kommt nun Hilfe von ganz unerwarteter Seite: aus dem Meer selbst.

von
Olaf Kunz
Dieses Meeresbakterium der Art Alcanivorax borkumensis besitzt erdölabbauende Fähigkeiten. (Bild: Helmholtzzentrum für Infektionsforschung)

Dieses Meeresbakterium der Art Alcanivorax borkumensis besitzt erdölabbauende Fähigkeiten. (Bild: Helmholtzzentrum für Infektionsforschung)

Laut jüngsten Schätzungen strömen aktuell rund 8200 Tonnen Öl in den Golf von Mexiko – Tag für Tag. Schon jetzt kommt für viele Lebewesen im Meer und an der Küste im Einzugsgebiet der Unglücksstelle jede Hilfe zu spät. Das Ökosystem ist massiv gestört. Dennoch gibt es eine winzige Hoffnung, dass die Ölpest auf absehbare Zeit gemildert und das Meer wieder komplett gesäubert sein könnte. Ausgerechnet aus dem Meer selbst könnte die wertvollste Hilfe bei der grössten Ölkatastrophe der Geschichte kommen. Und zwar in Form eines winzigen Bakteriums. Es heisst Alcanivorax borkumensis und besitzt die fast wundersame Eigenschaft, Erdöl samt aller toxischen Bestandteile komplett verwerten zu können.

Öl für den Motor der Mikrobe

Entdeckt wurde der Mikroorganismus im Jahre 1998 von Wissenschaftlern des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung und der Technischen Universität Braunschweig auf der Insel Borkum – daher der Namenszusatz borkumensis. Bereits früher war den Wissenschaftlern eine Reihe von Öl abbauenden Meeresbakterien bekannt. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zu diesen: «Das Alcanivorax borkumensis produziert ein ganzes Arsenal von sehr wirkungsvollen Öl oxidierenden Enzymen», erklärt Dr. Peter Golyshin von der Bangor University nach der Entschlüsselung des Ölfresser-Erbguts.

Tropfen für Tropfen löst sich der Teppich auf

So funktioniert der raffinierte Mechanismus: Wenn die Bakterien im Meer per Zufall auf Öl stossen, produzieren sie einen Waschmitteln ähnlichen Stoff. Mit diesem spalten sie den geschlossenen Ölteppich in Abermillionen winziger Öltropfen auf. Damit die Tropfen nicht erneut zusammenkleben, legen die Bakterien mit Hilfe eigens hergestellter Moleküle eine hauchdünne Folie um die einzelnen Öltropfen. Als nächstes produzieren die Einzeller einen stärkeähnlichen Klebestoff. Diesen benötigen sie, um sich damit an dem Tropfen festzuhalten.

Jeder Tropfen wird dann von Millionen Bakterien besiedelt. Gemeinsam ziehen sie aus dem Tropfen die Ölbestandteile heraus, die sie mit ihren Enzymen zerlegen können. So gewinnen die Bakterien Energie und verbrennen gleichzeitig das Öl. Nach acht bis zehn Wochen ist der einzelne Tropfen verschwunden.

Klumpen bleiben am Meeresboden und an den Küsten

Auch vor gigantischen Ölteppichen wie jenen im Golf von Mexiko kapituliert das Alcanivorax nicht. Der Clou: Je mehr Öl vorhanden ist, desto schneller vermehren sich die Einzeller. Und die Temperaturen in diesen Breitengraden kommen den Bakterien entgegen. «Sie benötigen im Labor etwa zwei bis drei Stunden, um sich zu verdoppeln. Um eine wirkungsvolle Grössenordnung von einer Million Bakterien pro Milliliter zu erreichen, dauert es schätzungsweise eine Woche», erläutert Professor Ken Timmis, Leiter der Forschungsgruppe Umweltmikrobiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig gegenüber 20 Minuten Online.

Der Wissenschaftler ist überzeugt davon, dass Alcanivorax auch mit einem Grossteil der gigantischen Ölmenge im Golf von Mexiko fertig wird: «Bis in ein oder zwei Jahren könnte das Öl in der Wassersäule des Meeres aufgefressen sein, sofern genügend Sauerstoff und Mineralien im Wasser vorhanden sind. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass das Bohrloch abgedichtet werden kann.»

Trotz des Hoffnungsschimmers spricht auch er von einer «enormen ökologischen Katastrophe». Denn das grösste Problem sind die Auswirkungen des Öls für Meeres- und Küstentiere sowie die Tatsache, dass über Meerestiere toxische Bestandteile des Öls in den Nahrungskreislauf gelangen. Und: «Ölklumpen an der Küste und jenes Öl, dass auf den Meeresboden absinkt, sind tickende Zeitbomben. Sie können schwer von den Bakterien gefressen werden, weil das Öl mit Sediment gemischt wird und der Sauerstoffgehalt zu gering ist», dämpft Timmis den Optimismus.

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