Mehr Bezüger: Kleine Städte ächzen unter Sozial-Kosten
Aktualisiert

Mehr BezügerKleine Städte ächzen unter Sozial-Kosten

In den grössten Städten gehen die Sozialhilfequoten zurück – Luxuswohnungen sei Dank. Dafür haben Kleinere zunehmend zu kämpfen.

von
J. Büchi
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In Winterthur ist die Sozialhilfequote in den letzten fünf Jahren von 4,6 auf 5,3 gestiegen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Mieten erschwinglicher sind als im grösseren Zürich.

In Winterthur ist die Sozialhilfequote in den letzten fünf Jahren von 4,6 auf 5,3 gestiegen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Mieten erschwinglicher sind als im grösseren Zürich.

Keystone/Gaetan Bally
Auch Luzern, Schaffhausen und Chur haben im gleichen Zeitraum eine deutliche Zunahme verzeichnet.

Auch Luzern, Schaffhausen und Chur haben im gleichen Zeitraum eine deutliche Zunahme verzeichnet.

Alexandra wey
Anders in Zürich: Dort ging die Sozialhilfequote von 4,9 auf 4,5 zurück. Ein Grund dafür könnten die teuren neuen Wohnungen sein, die vor allem Gutverdienende anziehen.

Anders in Zürich: Dort ging die Sozialhilfequote von 4,9 auf 4,5 zurück. Ein Grund dafür könnten die teuren neuen Wohnungen sein, die vor allem Gutverdienende anziehen.

Keystone/Ennio Leanza

Grossstädte haben traditionell hohe Soziahilfequoten: Wo das Wohnungsangebot gross ist und Anonymität herrscht, beziehen Menschen öfter Hilfe vom Staat als in Dörfern, wo jeder jeden kennt und Jobs Mangelware sind. Doch nun zeichnet sich eine Verschiebung ab: Laut dem neuen Städtebericht zur Sozialhilfe stagnieren die Fälle in Zürich, Basel, Lausanne und Bern – oder sind sogar rückläufig.

Zugenommen hat die Zahl der Bezüger dafür in den mittelgrossen Städten: So verzeichnete Winterthur vergangenes Jahr 3467 Sozialfälle – ein Viertel mehr als noch vor fünf Jahren. Die ehemalige Arbeiterstadt hat die grosse Schwester Zürich inzwischen bei der Sozialhilfequote überholt. Auch in Chur, Luzern und Schaffhausen ist die Zahl der Fälle deutlich gestiegen. Eine Erklärung der Studienautoren: Da die grossen Städte kaum mehr zusätzlichen günstigen Wohnraum schaffen könnten, sei es für Sozialhilfebezüger schwierig, dort eine Wohnung zu finden. «Neue Wohnungen entstehen in Zürich oder Basel vor allem im Luxussegment», führt Renate Salzgeber von der Berner Fachhochschule aus. Deshalb liessen sie sich Armutsbetroffene vermehrt in der Agglo oder in mittelgrossen Städten nieder.

Der Sparhammer droht

Hier also die A-Schweiz mit den glitzernden Hochhäusern – da die B-Städte, die den Anschluss verlieren? Salzgeber hält fest, die mittelgrossen Städte drohten in einen Teufelskreis zu geraten, der ihre wirtschaftliche Entwicklung stark beeinträchtigen könne. «Steigen die Sozialausgaben, aber die Steuereinnahmen nicht, werden Sparpakete geschnürt.» Dadurch sei weniger Geld für die Betreuung von Sozialhilfebezügern vorhanden – die Chance, dass sie wieder einen Job finden, sinkt. Um der Entwicklung Einhalt zu gebieten, schlägt sie einen besseren Lastenausgleich vor: «Die Sozialkosten müssen zwischen den Kantonen, aber vor allen innerhalb der Kantone besser verteilt werden.»

Der Winterthurer Sozialvorsteher Nicolas Galladé bestätigt, die steigenden Kosten belasteten die Stadt stark. Inzwischen würde mehr als ein Drittel der Steuereinnahmen für Sozialleistungen ausgegeben. Vom Label «B-Schweiz», mit dem Winterthur nicht zum ersten Mal konfrontiert ist, will er allerdings nichts wissen: «Das ‹Bilanz›-Städteranking zeigt: Winterthur hat in Sachen Lebensqualität den Sprung auf den dritten Platz geschafft.» Auch Galladé sieht die Lösung in einer «faireren Kostenverteilung». Im Kanton Zürich müssten die Städte zu viele Lasten selber tragen: «In der Waadt hingegen übernimmt der Kanton die Hälfte der Sozialkosten und die Gemeinden teilen die andere Hälfte fair nach Bevölkerungszahl auf.»

Biel will im Asylbereich ansetzen

Einen solchen Mechanismus kennt auch der Kanton Bern, der mit Biel die Stadt mit der höchsten Sozialhilfequote (11,6%) stellt. Thomas Michel, Leiter Abteilung Soziales in Biel, sagt: «Ohne Lastenausgleich hätten viele Berner Gemeinden grösste Finanznöte.» Eine Reorganisation des Sozialsystems soll nun dabei helfen, die Sozialhilfequote in Biel zu senken. Da immer mehr Sozialhilfebezüger aus dem Asylbereich stammten, gelte es aber, auch dort anzusetzen: «Wenn wir nicht in die Ausbildung der ankommenden Menschen investieren, sind wir bald mit einer verlorenen Generation konfrontiert.» Auch wenn in Biel die Arbeitslosigkeit hoch und das durchschnittliche Bildungsniveau relativ tief ist, hat Michel aber keine Angst, den Anschluss zu verlieren: «Als ehemaliger Industriestandort gilt es, sich neu zu erfinden. Mit Innovationen können wir es schaffen, dass das Kapital wieder zu uns findet.»

Über den neuen Brennpunkt zeigt sich auch die Konferenz der kantonalen Sozialhilfedirektoren besorgt. Präsident Peter Gomm lobt, die grossen Städte unternähmen seit Jahren grosse Anstrengungen, um Sozialhilfeempfänger wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren. Nun müssten auch die mittelgrossen ihre Bemühungen verstärken. Er räumt jedoch ein: «Dies ist teils schwierig, weil der lokale Arbeitsmarkt weniger gross ist.» Zur Forderung nach einer solidarischeren Finanzierung sagt er, der Finanzausgleich zwischen den Kantonen werde regelmässig auf seine Wirksamkeit überprüft. Die politische Debatte über den innerkantonalen Ausgleich müsse in jedem Kanton separat geführt werden.

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