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Sozialtherapeut vor GerichtKleine Verwahrung für Triebtäter gefordert

Seit Dienstag steht in Thun jener Sozialtherapeut vor Gericht, der 21 Buben missbraucht haben soll. Die Staatsanwältin und der Verteidiger fordern eine Therapie.

von
Nora Camenisch
Der 44-jährige, ehemalige Sozialtherapeut muss sich wegen Missbrauchs von 21 Buben vor dem Regionalgericht Thun verantworten.

Der 44-jährige, ehemalige Sozialtherapeut muss sich wegen Missbrauchs von 21 Buben vor dem Regionalgericht Thun verantworten.

Sexuelle Nötigung, Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern, Pornografie und Verabreichung von gesundheitsgefährdenden Stoffen an Kinder – so lautet die Anklage gegen einen ehemaligen Sozialtherapeuten. Seit Dienstag steht er nun in Thun vor Gericht. Der Mann soll sich zwischen 1998 und 2011 immer wieder an seinen Schützlingen vergangen haben. Insgesamt soll es sich um über 150 Übergriffe handeln. Ausserdem soll er die Opfer bei seinen Taten gefilmt sowie fotografiert haben.

Der 44-Jährige gab vor Gericht die meisten seiner Taten zu. Er bestreitet jedoch den Tatbestand der sexuellen Nötigung. «Ich habe nie Drohungen oder physische Gewalt angewendet.» Der ehemalige Sozialtherapeut gab sich reumütig: «Ich hatte die Jugendlichen sehr gern und merke erst jetzt, wie sehr sie mir vertraut haben und ich dies ausgenutzt habe.»

«Nur Perspektive mit Therapie»

Der Beschuldigte befindet sich seit Anfang Jahr im vorzeitigen Massnahmenvollzug, wo er wöchentlich zur Therapie geht. Diese will er weiterführen. «Ich will vollumfassend begreifen, was ich getan habe.» Zudem wolle er lernen, mit seiner pädosexuellen Neigung umzugehen, «damit so etwas nie wieder passiert». Mit der Therapie sei eine Perspektive möglich, ohne bekomme er seine Neigung nicht in den Griff. Der ehemalige Sozialtherapeut sagte auch, dass er bereit sei, eine chemische Kastration in Erwägung zu ziehen.

Die Staatsanwältin forderte in ihrem Plädoyer eine achtjährige Haftstrafe, die zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben werden soll. Diese dauert mindestens fünf Jahre und kann danach jeweils um weitere fünf Jahre verlängert werden, wenn weiterhin Rückfallgefahr besteht. Zudem verlangt die Staatsanwältin ein Berufsverbot von fünf Jahren, was der gesetzlichen Maximaldauer entspricht. «Die Taten wiegen schwer. Es handelt sich um eine grossen Anzahl von Fällen über eine lange Zeit», sagte sie. Erschwerend komme hinzu, dass die Opfer so jung waren. Gemäss Anklageschrift waren die Buben zum Tatzeitpunkt zwischen achteinhalb und 15 Jahre alt.

«Ich schäme mich»

Der Pflichtverteidiger des Angeklagten sprach sich ebenfalls für eine kleine Verwahrung aus – allerdings forderte er eine aufzuschiebende Haftstrafe von 6,5 statt acht Jahren. «Gegen das von der Staatsanwaltschaft geforderte Berufsverbot wehrt sich der Beschuldigte nicht, er hat dies gewünscht», sagte Anwalt Krishna Müller. Er wies allerdings erneut darauf hin, dass der Beschuldigte die sexuelle Nötigung bestreitet. Auch gab er einen Einblick in das Vorleben des ehemaligen Sozialtherapeuten. Dieser habe sich schon als Bub zu Jungs hingezogen gefühlt. Ausserdem sei er in seiner Kindheit selbst Opfer von sexuellen Übergriffen geworden. Der Beschuldigte hielt aber fest: «Ich will das nicht als Rechtfertigung nehmen. Ich weiss nicht, wie sich dies auf meine Neigung ausgewirkt hat. Ich kann nichts für die Neigung, aber für die Taten.» Er schäme sich dafür.

Störungsbild kann nicht geheilt werden

Ausgesagt hat am Dienstagmorgen vor dem Regionalgericht Oberland auch die behandelnde Oberärztin des ehemaligen Sozialtherapeuten. «Wir erleben ihn als motiviert und überlegt in Bezug auf die Behandlung.» Sie sei «verhalten optimistisch», dass die Therapie erfolgreich verlaufen werde. Die Oberärztin gab aber auch zu bedenken: «Es handelt sich um ein Störungsbild, das wir niemals heilen werden können. Er muss lernen, mit der Situation so umzugehen, dass er niemandem schadet.»

Das Urteil wird für Mittwoch erwartet.

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