Aktualisiert 31.10.2011 19:40

Kebab-Verkäufer«Kleine Verwahrung» gefordert

Laut Anklage soll ein psychisch angeschlagener Türke aus Winterthur mindestens mehrere Jahre lang in einer geschlossenen Klinik verbringen. Das sei unverhältnismässig, findet der Verteidiger, der eine Bewährungshilfe als ausreichend betrachtet.

von
Attila Szenogrady

Die nächsten Tage werden für den heute 31-jährigen Angeklagten aus Winterthur spannend werden. So wird das Obergericht über seine nahe Zukunft entscheiden. Folgt es dem Verteidiger Martin Jäggi, kommt der geständige Kebab-Verkäufer mit einer milden, bedingten Strafe sowie einer Anordnung für eine Bewährungshilfe davon. Entscheiden sich die Oberrichter für den Antrag des Staatsanwaltes Hans Maurer, droht dem psychisch angeschlagenen Mann die so genannte «kleine Verwahrung», die im schlimmsten Fall lebenslängliche Einschliessung heissen könnte. Maurer verlangte die Einweisung des Beschuldigten in eine stationäre Massnahme und berief sich dabei auf das aktuellste Gutachten eines Psychiaters, der von einer hohen Rückfallgefahr sprach.

Vom Schwer- zum Kleinkriminellen

Staatanwalt Maurer verwies zudem auf die eindrückliche Karriere des ehemals Schwerkriminellen, der erstaunlicherweise erst in der Handelsschule auf die schiefe Bahn geraten war. Doch dann richtig: So kassierte der junge Türke für Drogen- und Gewaltdelikte wiederholt mehrjährige Freiheitsstrafen. Auch im Kanton Aargau, wo er nach einem bewaffneten Überfall auf einen Spielsalon in Wohlen eine unbedingte Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren erhielt. Der Verteidiger konterte und stützte sich auf den Gutachter ab. Demnach habe das Gefährlichkeitspotential des Ex-Schülers in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Mit dem Ergebnis, dass Anwalt Jäggi das Bild eines harmlosen «Kleinkriminellen» zeichnete. Heute sei es noch besser. So wolle sein Klient in Österreich mit der Hilfe seines Onkels einen eigenen Kebab-Stand betreiben, sagte Jäggi.

Heute nur noch Bagatelldelikte

Die Staatsanwaltschaft listete in der jüngsten Anklage tatsächlich nur noch Bagatelldelikte auf. Einerseits hatte der Beschuldigte vor über fünf Jahren mit zwei gestohlenen Kreditkarten illegal Waren für rund 948 Franken bezogen. Andererseits war der Autofan wiederholt mit einem Personenwagen unterwegs. Obwohl er bereits den Lernfahrausweis abgegeben hatte. Der jüngste Anklagepunkt datierte vom 4. Februar 2008, als er mit einem Fahrzeug im Bezirk Pfäffikon mit 18 km/h zu schnell unterwegs gewesen war. Das Bezirksgericht Winterthur sprach dafür im September 2009 eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten aus und schob die Strafe zugunsten einer ambulanten Psychotherapie auf.

«Ich bin gesund»

Der Angeklagte selber war mit seinem Dackel am Obergericht erschienen und strapazierte die Nerven der Oberrichter. So wich er diversen Fragen aus oder entpuppte sich als Besserwisser, der Ärzte, Juristen und seine Ex-Psychiaterin in ein schlechtes Licht stellte. «Ich bin gesund», sagte er selbstsicher und warf seiner Therapeutin vor, dass sie ihn gar sexuell angemacht habe. Gegen ihn sprach die Tatsache, dass die ambulante Therapie schon längst gescheitert ist. Womit laut Staatsanwalt Maurer nur noch die Einweisung in eine geschlossene Anstalt Abhilfe schaffen könne. Nein befand Verteidiger Jäggi, der eine stationäre Massnahme als viel zu übertrieben einstufte. Ein guter Sozialarbeiter sei ausreichend, um seinen Mandanten endgültig auf den richtigen Weg zu bringen, plädierte er. Nun liegt der Ball beim Obergericht.

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