Aktualisiert 28.02.2012 00:09

Wirtschaftswünderli

Kleiner Nachbar ganz gross

Liechtenstein boomt. Die Wirtschaft des Fürstentums ist 2010 um fast 10 Prozent gewachsen – dreimal schneller als jene der Schweiz. Eine Spurensuche im Ländle.

von
Sandro Spaeth
Fürsten Hans-Adam II von und zu Lichtenstein: Sein Ländle unterliegt massiven Konjunkturschwankungen.

Fürsten Hans-Adam II von und zu Lichtenstein: Sein Ländle unterliegt massiven Konjunkturschwankungen.

Hoch über dem Hauptort Vaduz thront das Schloss des Fürsten Hans-Adam II. Der Blick über sein 160 Quadratkilometer grosses Reich dürfte das Staatsoberhaupt mit Stolz erfüllen. Die 36 000 Untertanen im Ländle haben 2010 wunderbar gearbeitet und den flächenmässig 250 Mal grösseren Nachbar überflügelt. Wie Liechtensteins Amt für Statistik diese Woche mitteilte, wuchs die Wirtschaft im Kleinstaat 2010 um 9,6 Prozent auf 5,4 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Das Schweizer Bruttoinlandprodukt nahm im selben Zeitraum nur um 2,7 Prozent zu – etwa dreimal weniger.

Was macht das Fürstentum besser? «Wir machen nichts besser, nur anders», sagt Christian Hausmann, Leiter des Amtes für Volkswirtschaft in Vaduz. Man habe sich ständig behaupten müssen gegenüber den Grossen. «Das fördert Ideenreichtum und eine gewisse Hartnäckigkeit», folgert Hausmann.

In Liechtenstein kommt auf zehn Einwohner eine tätige Firma – die hunderten von Briefkastenfirmen nicht eingeschlossen. Hierzulande kommt ein Unternehmen auf 23 Leute. Das Fürstentum, das mit der Schweiz eine Zoll- und Währungsunion bildet, ist seit Mitte der Neunzigerjahre Mitglied des EWR. «Das hat sich insgesamt positiv auf die Wirtschaftsentwicklung ausgewirkt», sagt Wilfried Oehry, Leiter des Amtes für Statistik in Vaduz. Die Schweiz hatte den Vertrag 1992 bachab geschickt.

Affäre Zumwinkel

Vor vier Jahren herrschte im Ländle Katzenjammer, der Fürst stand vor einem Scherbenhaufen. In den frühen Morgenstunden des 14. Februar 2008 kam es im deutschen Bonn zu einer Razzia. Verhaftet wurde der damalige deutsche Postchef Klaus Zumwinkel. Der Vorwurf: Der Manager soll über eine Liechtensteiner Stiftung Millionen vor dem Fiskus versteckt haben. Die 50 000 Stiftungen wurden zu Fluchtburgen für Steuerhinterzieher gestempelt, das Ländle zum steuerpolitischen Schurkenstaat.

Das schlechte Image wollte der Fürst nicht auf sich sitzen lassen: Schnurstracks einigte man sich mit den USA auf ein Abkommen über den Informationsaustausch bei Steuerdelikten, machte Konzessionen beim Bankgeheimnis und akzeptierte die Standards der OECD. Punkto Steuerzusammenarbeit hatte der Kleinstaat die Schweiz überholt. Das liechtensteinische Stiftungsrecht hat man aber nicht nennenswert verschärft. Familienstiftungen – die Spezialität im Ländle – geniessen noch immer Anonymität und dürfen sich selbst oder Angehörige begünstigen.

Es ist unklar, wie viele Milliarden Franken das Aufweichen des Bankgeheimnisses das Fürstentum gekostet hat. Die Statistik 2009 zeigt, dass die Kundenvermögen der 16 Banken um rund 3 Prozent abgenommen haben. Die Kooperationsbereitschaft in Steuerfragen führte demnach nicht zu einem Wachstum im Bankenbereich – aber auch nicht zum Untergang. 2010 folgte die Wende mit einem Neugeldzufluss von 0,5 Milliarden Franken. Betrachtet man nur Vermögensverwaltungsgesellschaften, haben die verwalteten Gelder sowohl 2009 als auch 2010 zugenommen. Gestiegen ist auch die Zahl der Beschäftigten im Bankensektor. Es gibt im Ländle derzeit 17 Banken, 392 Treuhandunternehmen und 27 Fondsgesellschaften, die total 600 Anlagefonds managen.

Vom Bauern- zum Agrarstaat

Dass insbesondere Liechtensteins Finanzplatz und seine Flucht nach vorne fürs herausragende Wirtschaftswachstum verantwortlich sind, will Hausmann nicht bestätigen. «Wir haben sicherlich einen starken und innovativen Finanzplatz, dessen Bedeutung wird aber vielfach überschätzt.» Dann folgt ein Loblied auf den Werkplatz: Liechtenstein sei hochindustrialisiert und habe viele Hightech-Unternehmen, darunter Hilti oder Hoval. Das Fürstentum hat sich in den letzten 60 Jahren von einem Bauern- und Agrarstaat zu einem modernen Industriestandort entwickelt, steht denn auch in der offiziellen Image-Broschüre.

Ein BIP-Wachstum von 9,6 Prozent dürfte die Staaten in ganz Europa vor Neid erblassen lassen. Doch man darf das Jahr 2010 nicht alleine betrachten: Im Jahr davor – mitten in der globalen Finanzkrise – war die Wirtschaftsleistung im Ländle nämlich um 10,9 Prozent eingebrochen, in der Schweiz nur um 1,5 Prozent. Die Exporte des Fürstentums gingen sogar um 27 Prozent zurück. «Der Werkplatz Liechtenstein ist faktisch zu 100 Prozent exportorientiert», erklärt Hausmann die starken Schwankungen. Den BIP-Rückgang infolge der globalen Wirtschaftskrise 2008/09 konnte das Ländle laut Statistiker Oehry noch nicht vollständig kompensieren. Die Schweizer Wirtschaft hat hingegen wieder das Niveau von vor der Krise erreicht.

Das Problem mit dem harten Franken

Was aktuell beide Staaten plagt, ist der starke Franken: «Insgesamt ist die liechtensteinische Wirtschaft über die Jahre mit einem schwächeren Schweizer Franken und tiefen Zinsen aber gut gefahren», sagt Josef Beck, Geschäftsführer der Liechtensteinischen Industrie- und Handelskammer. Die Unternehmen hofften auf eine Rückkehr der vorteilhaften Währungssituation.

Wie wird es weitergehen? Das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco rechnet in der Schweiz für 2012 mit einem Wachstum von 1,1 Prozent. Und was schätzen die Ökonomen im Ländle? Fürs Fürstentum gibt es keine offiziellen Prognosen. «Solange die gute Konjunkturlage in Deutschland anhält, bin ich für das Jahr 2012 zuversichtlich und gehe von einem BIP-Wachstum aus», sagt Hausmann. Weniger zuversichtlich sind die Firmen: 40 Prozent der Mitglieder der Industrie- und Handelskammer beurteilen die Aussichten für 2012 als «ungewiss».

So schnell ist das Wirtschaftswunder im Kleinstaat also wieder Geschichte. Und die Stirn des Fürsten wird sich beim Blick über sein Ländle wohl doch wieder in Falten legen.

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