Aktualisiert 04.06.2020 03:29

«Ist körperlich behindert»

Kleinwüchsige Frau wird bei Jobsuche diskriminiert

Die 26-jährige Rosanna Dede wurde von einem Ostschweizer Spital diskriminiert. Sie erhielt durch eine Unachtsamkeit ein fragwürdiges E-Mail. Trotz Entschuldigung ist Dede verletzt.

von
Michel Eggimann
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Die 26-jährige Rosanna Dede wurde in einem E-Mail diskriminiert.

Die 26-jährige Rosanna Dede wurde in einem E-Mail diskriminiert.

privat
Sie erhielt auf eine Bewerbung eine Absage in der im Betreff unter anderem «ist körperlich behindert» stand.

Sie erhielt auf eine Bewerbung eine Absage in der im Betreff unter anderem «ist körperlich behindert» stand.

privat
Das Mail stammt von einem Spital in der Ostschweiz.

Das Mail stammt von einem Spital in der Ostschweiz.

Darum gehts

  • Die 26-jährige Rosanna Dede ist kleinwüchsig
  • Sie wurde kürzlich von einem Spital in der Ostschweiz diskriminiert
  • Die junge Frau erhielt fälschlicherweise ein E-Mail in dem im Betreff «ist körperlich behindert» stand
  • Das Spital spricht von einer Unachtsamkeit
  • Bei Inclusion Handicap sind solche Diskriminierungen bekannt

Seit fünf Jahren ist die kleinwüchsige Rosanna Dede aus St. Gallen auf Jobsuche. Sie hat seither hunderte Bewerbungen verschickt und bekam nur Absagen. An Jobs gelangte sie nur durch Bekannte. Sie sagt dazu: «Ich habe mich immer wieder beworben. Explizit hat bei den Absagen nie jemand meine Kleinwüchsigkeit als Grund angegeben, aber ich dachte teils schon, dass es damit zu tun hat.» Das hat sich kürzlich geändert.

In einer Antwort auf eine Bewerbung als medizinische Sekretärin bei einem Spital in der Ostschweiz stand im Betreff der Antwort per E-Mail unter anderem «Lebenslauf fehlt (schon mehrfach beworben - ist körperlich behindert)».

Im ersten Moment sei sie sprachlos gewesen, so die 26-Jährige. Am nächsten Tag habe sie dann ein E-Mail geschrieben. Darin zeigte sie sich erschüttert über die Wortwahl des Spitals. Das sei «nicht angebracht, respektlos und unprofessionell». Am nächsten Tag hat sich dann prompt jemand vom Spital gemeldet. Die Mitarbeiterin habe sich entschuldigt. Damit kann Dede aber nur wenig anfangen. Sie sagt: «Das nützt mir nichts. Die Bemerkung im E-Mail hat mich verletzt.»

Kleinwüchsige Personen

Als Kleinwüchsige bezeichnet man Personen, die eine Körpergrösse unter der altersentsprechenden Normgrenzen haben. Einfacher gesagt: Sind 97% der Gleichaltrigen grösser als man selbst, gilt man als kleinwüchsig. Kleinwüchsig sind alle Personen, die ausgewachsen kleiner als 1,50 m sind, inzwischen wird nicht mehr zwischen Männern und Frauen unterschieden. Ursachen für die Kleinwüchsigkeit sind meistens Symptome einer anderen Grunderkrankung. Somit gibt es auch ganz unterschiedliche Therapien. Kleinwüchsigkeit begleitet einem nicht unbedingt ein Leben lang. Einige holen den Rückstand im Leben auch wieder auf.

Spital zieht Lehren aus der Sache

Beim betroffenen Spital bedauert man die versendete E-Mail. Die verantwortliche Teamleiterin sagt: «Der zweite Teil des Betreffs war eine interne Notiz. Das hätte so definitiv nicht an die Bewerberin geschickt werden sollen.» Sie habe die E-Mail selbst versendet. Sie spricht von einer Unachtsamkeit. Es seien sehr viele Bewerbungen eingegangen und ihr persönlich sei es ein Anliegen, jeweils schnellstmöglich Rückmeldung zu geben und eine Absage zu erteilen, wenn beispielsweise die Unterlagen nicht komplett eingereicht wurden. Das sei bei Frau Dede der Fall gewesen.

Grundsätzlich ist die Haltung des Spitals, dass bei Bewerbungen vollständig eingereichte Unterlagen und die vorhandene Qualifikation für die Stelle zählen. Es gilt die Gleichbehandlung.

Die Teamleiterin versteht aber das Unverständnis der Bewerberin. «Als ich die Mitteilung von ihr bekam, war ich ohne Worte. Rückgängig machen, kann ich jetzt nichts mehr, das bin ich mir bewusst.» Sie versichert, dass sie und ihr Team die Lehren aus der Sache gezogen hätten. Es sei intern alles besprochen worden und die Abläufe wurden genau angeschaut. «Wir haben geschaut, wie wir in Zukunft so etwas verhindern können», so die Frau.

Kein Einzelfall

Bei Inclusion Handicap, dem Dachverband der Behindertenorganisationen Schweiz, sind solche Diskriminierungen aufgrund einer Beeinträchtigung bekannt. Marc Moser, der Kommunikationsverantwortliche, sagt: «Für Menschen mit Behinderung ist es auf dem Arbeitsmarkt schwierig. Es gibt für sie viele Hindernisse.» Das würden Untersuchungen zeigen.

Zudem kritisiert Moser, dass Menschen mit einer Behinderung rechtlich kaum geschützt sind. Sie hätten etwa keine Mittel, um bei Diskriminierungen im Bewerbungsprozess gegen private Arbeitgeber vorzugehen.

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