Frisierte Video-Aufrufe: Klick-Betrug auf YouTube
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Frisierte Video-AufrufeKlick-Betrug auf YouTube

Wird ein Werbe-Video auf YouTube nicht geschaut, helfen manche Firmen mit illegalen Methoden nach. Zehntausende Video-Aufrufe können in Pakistan für wenig Geld gekauft werden.

von
owi
Aufrufe, Bewertungen und Kommentare für YouTube-Videos können in Pakistan gegen Bares gekauft werden.

Aufrufe, Bewertungen und Kommentare für YouTube-Videos können in Pakistan gegen Bares gekauft werden.

Fotomontage

Das Werbe-Video ist längst gedreht, dümpelt aber auf YouTube weitgehend unbemerkt vor sich hin. 24 Stunden nach dem Upload haben sich erst zwei Nasen das Filmchen angeschaut. Häufen sich die Klicks nicht sehr rasch, droht der Firma der PR-GAU.

An diesem Punkt kommen die «Klick-Firmen» ins Spiel. Pakistanische Unternehmen wie Increasetubeviews – das inzwischen nicht mehr existiert - versprechen Zuschauer auf Bestellung für wenig Geld.

Dass Unternehmen Video-Aufrufe illegal mit Hilfe von Seeding-Agenturen frisieren können, ist längst bekannt. Darüber reden mag aber niemand gern. Die Probe aufs Exempel hat darum der freischaffende deutsche Journalist Markus Hündgen gemacht.

Klicks aus Pakistan

Der Plan: Mit einem minimalen Video maximale Abrufzahlen generieren. Das 24-sekündige Filmchen ist bewusst so «spannend» wie ein Bildschirmschoner gestaltet, so dass es unmöglich ohne Zutun Hündgens zum Selbstläufer geworden wäre. Stattdessen sind die Klickbringer in Pakistan bereits gebucht. Hündgen kaufte das Starter-Paket. Dies verspricht 30 000 Abrufe für weniger als 20 Franken. Bezahlt wird per Scheck, Kreditkarte oder Paypal.

Nach einer Woche verbucht das sterbenslangweilige Video bereits 5000 Abrufe, Tendenz stark steigend. Ein Problem bleibt. Ein YouTube-Video mit Tausenden Aufrufen ohne Bewertungen und Kommentare wirkt suspekt. Auch hier hilft die pakistanische Klick-Maschine weiter. Für zehn Dollar kann sich ein Unternehmen 40 Bewertungen durch «Daumen» symbolisiert dazu kaufen, schreibt Hündgen im Blog des ZDF. Und ist man schon am Betrügen, lohnt es sich vermutlich, gleich noch ein paar gefakte Kommentare zu bestellen. Beim «Angebot der Woche» gibts zehn Kommentare für läppische zehn Dollar.

«100 000 Klicks gegen Bares»

Journalist Hündgen bestellt zehn Kommentare und erhält folgende E-Mail aus Pakistan: «Please send me a list of ten comments in your favorable language, if you would like us to post on your favors.» Der Auftraggeber schreibt also die erwünschten Kommentare, schickt sie an die Feeding-Agentur und diese posted in den folgenden Tagen oder Wochen die selbstgeschriebenen Kommentare unter verschiedenen Namen.

Markus Hündgen, der sich selbst als Videopunk bezeichnet, ist ein Profi in Sachen Werbe-Videos im Netz. Es erstaunt daher nicht, dass er sich auch mit «heiklen» Anfragen konfrontiert sieht: «Ich suche noch eine Seeding-Agentur um 100 000 Views auf dem YouTube-Film in einer Woche zu erzeugen», schrieb ihm ein PR-Mensch. Es gehe um eine virale Kampagne eines börsenkotierten Konzerns aus Deutschland.

Diese Vorgabe zu erreichen, ist durchaus auch möglich. Der Konzern müsste, soll es legal geschehen, allerdings eine Menge Geld in die Hand nehmen. Mit viel Aufwand und sehr viel Knete versuchen Marketing-Experten das Video bei Meinungsmachern unterzubringen. Dabei wird beim sogennanten «Word of Mouth»-Marketing auf den Schneeball-Effekt gehofft.

Klickbetrug ist nicht ohne Risiko

Ist der Geldkoffer nicht so prall gefüllt, gibt es immer noch den illegalen Weg über die Seeding-Unternehmen, wie Hündgens Experiment eindrücklich demonstriert hat. Gänzlich ohne Risiko ist die Manipulation der Aufrufe für Unternehmen aber nicht. Das automatisierte Einkaufen von Video-Abrufen verstösst gegen die Nutzungsbedingungen YouTubes.

Lässt sich ein übereifriger Angestellter auf illegale Klick-Geschäfte ein, kann dies sein Unternehmen teuer zu stehen kommen. Laut Hündgen sind Unternehmen mit kommerziellen Video-Kanälen verpflichtet, ihr YouTube-Konto mit Google AdSense zu verknüpfen. Missbrauch bei YouTube hätte somit nicht nur die Schliessung des YouTube-Kontos zur Folge, die Firma würde auch aus dem Google-AdSense-Programm fliegen.

Bei YouTube schweigt man sich zum Thema Video-Aufrufe aus. «Einzelheiten möchten wir nicht nennen, um jeglichen Versuchen, die Anzahl von Aufrufen künstlich zu erhöhen, vorzubeugen», heisst es auf der Website.

Der deutsche Konkurrent Sevenload hingegen führt das Kaufen von Video-Abrufen ganz offiziell im Portfolio, schreibt Videopunk Hündgen weiter. Nach Aussen wird der Dienst als «Viral Video Seeding» angepriesen. «Unser erfahrenes Seeding-Team sorgt dafür, dass Ihre Videoinhalte sich wie ein Lauffeuer im Internet verbreiten», heisst es auf der Video-Plattform. Und weiter: «Wir streuen Ihre Video-Botschaft systematisch über die Sevenload-Plattform sowie in einer Vielzahl Social Networks, spezifische Foren, Blogs sowie Fun- und Freizeitportalen.» Das Unternehmen garantiert gar «eine vorher abgestimmte Zahl an Video Views im gewünschten Zeitraum.» Mechanische Methoden, die nur Views erzeugen, würden nicht eingesetzt, betonte Sevenload-CEO Andreas Heyden im ZDF-Blog.

Das Kaufen von Video-Aufrufen scheint System zu haben. Zu wichtig ist es für die Kunden, den geplanten Werbeerfolg zu erreichen. Ein Key-Account-Manager einer mittelständischen Düsseldorfer Agentur bringt es im ZDF-Blog auf den Punkt: «Der Kunde möchte oft nur Zahlen haben. Egal woher.» Natürlich könne er sich vorstellen, für eine Kampagne Video-Abrufe zu kaufen. «Die zu investierenden Geldbeträge sind doch lächerlich.»

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