Stromverbrauch: Klimaanlagen bringen ÖV-Betreiber an die Grenze
Aktualisiert

StromverbrauchKlimaanlagen bringen ÖV-Betreiber an die Grenze

Die SBB kühlt bis zu sieben Grad, die VBZ bis zu 5 Grad. Das braucht Strom – und überlastet einige Busse.

von
P. Michel
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Bei den ÖV-Anbietern sorgt die Hitze für Turbulenzen. Um Überlastung vorzubeugen, regeln die Volvo-Hybrid-Gelenkbusse der Verkehrsbetriebe Zürich teils die Klimaanlage herunter.

Bei den ÖV-Anbietern sorgt die Hitze für Turbulenzen. Um Überlastung vorzubeugen, regeln die Volvo-Hybrid-Gelenkbusse der Verkehrsbetriebe Zürich teils die Klimaanlage herunter.

ETH Zürich
Am Mittwoch fiel auf der Strecke Bern–Basel gar in einem Zug die Klimaanlage in der 1. Klasse aus. «Es war teils 40 Grad warm, das kenne ich nur aus Reisen in Indien», berichtet ein Leser.

Am Mittwoch fiel auf der Strecke Bern–Basel gar in einem Zug die Klimaanlage in der 1. Klasse aus. «Es war teils 40 Grad warm, das kenne ich nur aus Reisen in Indien», berichtet ein Leser.

Leser-Reporter/zvg
Wie viel Energie ist eigentlich für die Kühlung während der Hitzetage nötig? Konkrete Zahlen liefert Bernmobil: Tram und Trolleybusse brauchen circa 25 Prozent mehr Strom, Busse mit Verbrennungsmotor 10 Prozent mehr Treibstoff.

Wie viel Energie ist eigentlich für die Kühlung während der Hitzetage nötig? Konkrete Zahlen liefert Bernmobil: Tram und Trolleybusse brauchen circa 25 Prozent mehr Strom, Busse mit Verbrennungsmotor 10 Prozent mehr Treibstoff.

Keystone/Alessandro Della Valle

Die Temperaturen erhitzen nicht nur die Gemüter der Pendler, die sich eine möglichst kühle Reise erhoffen, sondern bringen auch den öffentlichen Verkehr an den Anschlag. Die Klimaanlagen kämen an die Leistungsgrenzen, erklärte jüngst die SBB, die die Züge maximal 5 bis 7 Grad zur Aussentemperatur kühlen kann. Auf der Strecke Bern–Basel streikte am Mittwoch die Klimaanlage in einem Zug, berichtet ein Leser-Reporter: «Es war teils 40 Grad warm, das kenne ich nur aus Reisen in Indien.» (siehe Box)

Auch bei anderen ÖV-Anbietern sorgt die Hitze für Turbulenzen. Um Überlastung vorzubeugen, regeln die Volvo-Hybrid-Gelenkbusse der Verkehrsbetriebe Zürich teils die Klimaanlage herunter. «Auf der Linie 80 Richtung ETH Hönggerberg wird die Kühlung auf der Europabrücke ausgeschaltet, sonst kommt der Bus nicht den Hönggerberg hinauf», sagt ein VBZ-Mitarbeiter zu 20 Minuten.

Mehrverbrauch von 20 Litern auf Hundert Kilometer

Denn für die zusätzliche Klimatisierung an heissen Tagen werde Leistung in Form von 50 PS nötig. Das schlägt auch auf den Treibstoffverbrauch der regulären Busse: Die Dieselfahrzeuge bräuchten geschätzt 20 Liter pro Hundert Kilometer mehr als ohne Klimatisierung. Normalerweise verbrauchen Diesel-Gelenkbusse 50 bis 60 Liter.

Die VBZ erklärt auf Anfrage, bei extremen Steigungen reduziere die Lüftung die Leistung, damit mehr Energie für die Fahrt zur Verfügung stehe. «Die Lüftung läuft dabei weiter, aber die Kühlleistung ist reduziert», sagt Sprecher Tobias Wälti. Die Software regle dies bei den Bussen der neuen Generation automatisch, es gelte der Grundsatz «Fahren vor Kühlen». Davon könnten weitere Strecken mit starken Steigungen betroffen sein, beispielsweise die Linien 46 Richtung Höngg oder die Linie 67 Richtung Albisrieden.

VBZ kühlt bis zu fünf Grad herunter

Wie hoch der zusätzliche Benzin- und Stromverbrauch durch die Klimatisierung ist und wie viel das kostet, könne nicht ausgewiesen werden, sagt Wälti. Die VBZ strebt eine Kühlung um 3 bis 5 Grad zur Aussentemperatur an. Ein Ausbau sei nicht geplant, sagt Wälti: «Mit den eingesetzten Klimaaggregaten ist es möglich, die angestrebte Fahrzeuginnentemperatur zu erreichen.»

SBB macht sich auf Hitzewelle gefasst

Diese Woche steht erneut eine Hitzewelle bevor. Auch der SBB macht die Hitze zu schaffen. In den Zügen ist es teilweise bis zu 30 Grad warm und es kommt vermehrt zu Störungen.
(Video: SDA)

Konkrete Zahlen zu den Auswirkungen des Klima-Anlagen-Einsatzes liefert Bernmobil: Tram und Trolleybusse brauchen circa 25 Prozent mehr Strom, Busse mit Verbrennungsmotor 10 Prozent mehr Treibstoff. Die 21 älteren von den 57 Trams sind indes nur in der Führerkabine klimatisiert. Bernmobil-Sprecherin Tanja Flühmann verspricht Abhilfe: «Neue Fahrzeuge werden nur noch mit Klimaanlage beschafft.»

Die SBB erklärt, den Mehrbedarf an Strom an einzelnen Hitzetagen könne man nicht beziffern. «Der stetige Ausbau des Bahnangebots braucht aber ungleich viel mehr Energie als die stärkere Kühlung der Züge während Hitzewellen», sagt Sprecher Reto Schärli. Um den Bedarf zu decken, setze die SBB einerseits auf energieeffiziente Züge, andererseits auf Sparmassnahmen. Ein Beispiel ist die «grüne Welle»: Lokführer fahren so, damit sie möglichst wenig bremsen müssen.

Im Winter wird weniger geheizt

Heute stammt 90 Prozent des SBB-Stroms aus Wasserkraft, 10 Prozent aus AKWs. Bis im Jahr 2025 will die Bahn nur noch mit erneuerbaren Energien fahren. Trotz des Kundenbedürfnisses nach mehr Kühlung sei die Stromversorgung auch mit den erneuerbaren Energien sichergestellt, sagt Schärli. Betrachte man den Verbrauch über das ganze Jahr hinweg, brauche es womöglich nicht mehr Strom: «Wenn die Winter wärmer werden, müssen wir weniger heizen.» Die Heizung frisst 10 Prozent der Energie eines Zuges, drei Viertel werden für den Betrieb verwendet, vier Prozent für Kühlung und Lüftung.

Hitze im Zug

«Der Schweiss tropfte an mir runter», sagt der Leserreporter, der gestern von Bern nach Basel unterwegs war. In einigen Wagen der 1. Klasse war die Klimaanlage ausgefallen. «Es war bis zu 40 Grad warm, viele Leute haben sich beschwert.» Er habe dann den Wagen gewechselt. Dies dürfe während der Stosszeiten einfach nicht passieren findet er. «Zumindest eine Information und ein Gutschein wäre angemessen gewesen», findet er – denn: «Nach einer Beschwerde am Infoschalter händigte man mir nur eine Telefonnummer aus, wo ich mich melden könne.» SBB-Sprecher Reto Schärli erklärt, das Zugpersonal informiere jeweils möglichst rasch, der genaue Grund für den Ausfall einer Klimaanlage sei aber zum Zeitpunkt des Defekts oft noch nicht klar. «Das Zugpersonal verteilt Gutscheine bei Verspätungen über 60 Minuten, es liegt in deren Ermessen, auch in anderen Fällen Gutscheine zu verteilen.» Man bitte die betroffenen Reisenden um Entschuldigung.

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