Liverpool-Orakel: Klopp macht Mourinho zum Trainerhosen-Träger

Aktualisiert

Liverpool-OrakelKlopp macht Mourinho zum Trainerhosen-Träger

Der neue Liverpool-Manager könnte schon bald Jürgen Klopp heissen. Es wäre eine spektakuläre Kombination. Ein Versuch, in die Zukunft zu blicken.

von
Kai Müller

Es kann nur einen geben. Und weil die Engländer die Deutschen – gerade im Fussball, wie uns die Geschichte dieses Sports gelehrt hat – so sehr mögen, heisst der absolute Wunschkandidat des FC Liverpool Jürgen Klopp. Selbst die Fans sehnen sich nach dem Kult-Trainer, der dem tief gefallenen Schwergewicht die Leichtigkeit zurückbringen soll.

Bereits diese Woche könnte der 48-Jährige einen Dreijahresvertrag unterschreiben. Klopp und Liverpool – es wäre ein spannendes Experiment. Eines für die grosse Bühne. Schon allein deshalb, weil der Coach beste Unterhaltung garantiert. Und erst recht, da die Premier League als weltweit spektakulärste Liga gilt, Liverpool reich an Tradition, inzwischen aber arm an Erfolgen ist und die britischen Revolverblätter ihren Teil zum gelungenen Theater beitragen.

Ein Blick in die Glaskugel lohnt sich bei dieser Konstellation durchaus. Das Resultat könnte so aussehen. Vielleicht. Aber nur vielleicht.

Oktober

Die Länderspielpause dauert noch an, als die «Sun» in fetten Lettern auf ihrer Frontseite völlig überraschend verkündet: «Marcel Koller wird Liverpool-Trainer!» Die Empörung bei den Fans ist gross – auch in Österreich, schliesslich hat sie ihr Teamchef erstmals seit 1998 auf sportlichem Weg an eine Endrunde geführt. Tags darauf unterschreibt Jürgen Klopp bei Liverpool. Seine Verpflichtung euphorisiert die Anhänger der Reds, der rote Kapuzenpullover mit dem Aufdruck «The K(l)op(p)» wird im Nu zum Verkaufsschlager.

Das Debüt in London gegen Tottenham verläuft ganz nach Klopps Geschmack – 4:1 dank eines leidenschaftlichen Auftritts. Die Engländer sehen einen Deutschen, der viermal mit geballter Faust an der Seitenlinie herumfuchelt und seine Gefolgschaft anspringt. In Anlehnung an einen Landsmann, der bei Arsenal spielt, kursiert schnell der Spitzname «Crazy F***ing German».

November

Im ersten Spiel des neuen Monats gegen Stoke City erscheint Chelsea-Manager José Mourinho bemerkenswerterweise mit Trainerhose in der Coachingzone. Und sagt nach dem 2:0: «So ziehen sich Sieger an.» Der Portugiese scheint noch immer etwas verwirrt, nachdem in der Vorwoche ein blonder Mann mit Dreitagebart, Brille, Baseballmütze und Trainingsanzug an ihm vorbei auf den Platz gesprintet ist, um mit seinen Spielern den 2:1-Erfolg gegen sein Chelsea zu feiern.

In Mainz herrscht helle Aufregung: Liverpool soll 35 Millionen Euro für den Deutsch-Türken Yunus Malli bieten, der in den letzten drei Spielen neun Tore geschossen und Robert Lewandowski als besten Bundesliga-Torjäger abgelöst hat. Klopp zu den Gerüchten: «Unser Transferkomitee wollte gar 50 Millionen bieten, schliesslich hat der Junge eine erstaunliche Entwicklung hinter sich. Ich war hingegen für maximal 20 Millionen, also trafen wir uns bei 35.»

Dezember

Nach der ersten Niederlage im siebten Ligaspiel gegen Newcastle sieht ein Reporter des «Daily Star» die Gelegenheit, endlich kritische Fragen zu stellen. Ob der Klopp-Effekt bereits verpufft sei, will er wissen. Klopp antwortet: «Ich seh dich heute zum ersten Mal, und du kommst mir gleich so? Junge, bleib besser beim Pferdesport.»

Während der Altjahrswoche finden zwei Episoden von der Liverpooler Weihnachtsfeier den Weg an die Öffentlichkeit. Jürgen Klopp sei erwischt worden, als er heimlich auf der Toilette geraucht habe, meldet die «Sun». Andere Medien schreiben, dass Klopp, wohl unter Alkoholeinfluss, eine kleine, nicht unerhebliche Buchstaben-Verwechslung unterlief. Statt der Clubhymne YNWA (You'll Never Walk Alone) intonierte er auf der Bühne YMCA. Die Einzigen, die das lustig fanden, waren die Liverpool-Besitzer der Fenway Sports Group, schliesslich sind sie Amerikaner. Gleichentags tauchen Bilder auf, die José Mourinho auf einem privaten Weihnachtsfest zeigen: «The Special One» trägt Trainerhosen. Unter seiner Jacke schaut eine rote Kapuze hervor …

Januar

Inzwischen ist das Winter-Transferfenster offen, und Liverpool meldet, man habe sich aus dem Poker um Yunus Malli zurückgezogen. Der Mainz-Angreifer hat die Hinrunde mit sagenhaften 24 Toren beendet, was den Reds nicht in die Karten gespielt hat. «Die beiden Clubs aus Manchester sind offenbar bereit, über 70 Millionen Euro zu bezahlen. Ein solches Wettbieten entspricht nicht unserer Philosophie», heisst es auf der Vereinswebsite.

Eine Woche später kontaktiert Liverpool Borussia Dortmund wegen Marco Reus. Und bietet 70 Millionen Euro. Die wenigen Klopp-Gegner vermuten, dass der Deutsche seinem früheren Arbeitgeber mit dieser horrenden Summe einen Gefallen machen will. Klopp kontert: «Das ist völliger Quatsch. Marco sucht schlicht und einfach eine neue Herausforderung – Linksverkehr!»

In der Meisterschaft mischt Liverpool ganz vorne mit, übernimmt nach Siegen gegen Manchester United und Arsenal gar die Tabellenspitze. Ähnlich formstark: Chelsea. Nebengeräusche gibts es trotzdem: Paparazzi fotografieren Jürgen Klopp bei einem Treffen in einer Szene-Bar mit United-Stürmer Wayne Rooney.

Februar

Aus dem Transfer von Marco Reus ist nichts geworden, weil sich der BVB-Star im Training am linken Nasenflügel verletzt hat und mehrere Monate ausfällt. Stattdessen ist Reus' Teamkollege Shinji Kagawa gekommen. Klopp frohlockt: «Eine echte Verstärkung für uns.» CEO Ian Ayre frohlockt: «Shinjis Marktwert beläuft sich auf 10 Millionen Euro, wir hingegen haben nur 33 Millionen bezahlt. Ein echtes Schnäppchen.»

Inzwischen hat sich Klopp auch zum Treffen mit Rooney geäussert, um die Spekulationen endgültig zu beenden. Sie hätten sich lediglich über gemeinsame Interessen ausgetauscht. Dabei sei es in erster Linie um Haare, nicht um Fussball gegangen. «Zudem hat mich Wayne in die Geheimnisse der Poesie eingeweiht.»

In der Europa League hat Liverpool locker den Achtelfinal erreicht, und auch national läuft es weiterhin ausgezeichnet. Die Fans träumen bereits vom ersten Titel seit 1990 nach dem Derby-Sieg gegen Everton zum Monatsende. Als ernsthafter Verfolger bleibt nur noch Chelsea mit vier Punkten Rückstand.

März

In der Meisterschaft kommt es zum Gigantenduell mit Chelsea. Die Blues verhindern eine Vorentscheidung, sie gewinnen an der Anfield Road 1:0. Trotzdem kann sich Klopp ein Lächeln nicht verkneifen, als ein grauhaariger Mann mit Dreitagebart, Brille und Baseballmütze in Jubelpose und Trainerhose an ihm vorbeistürmt und die Chelsea-Spieler herzt.

Am gleichen Abend staunt Klopp nicht schlecht, als ihn eine Nachricht aus London erreicht: Chelsea entlässt Mourinho. Ein Insider zitiert im Fernsehen Besitzer Roman Abramowitsch mit den Worten: «Ich habe in der Herbstkrise nicht an ihm festgehalten, damit er nun in Trainerhosen den Hampelmann macht.» Als möglicher Nachfolger wird auch Marcel Koller gehandelt. Klopp kommentiert die Freistellung so: «Es macht eben nicht jeder eine gute Figur im Trainingsanzug.»

April

Mourinho hat sich der ungewöhnlichen Kluft inzwischen entledigt und trägt in der Öffentlichkeit wieder Anzug. Mit der äusserlichen Verwandlung scheint auch sein altes Ich zurückgekehrt zu sein. «Wer zum Geier ist Jürgen Klopp? Wenn er schon über die Figur reden will, sollte er sich zuerst einer Diät unterziehen», poltert der 52-Jährige.

Klopp beschäftigt sich derweil mit anderen Dingen. Zum Beispiel, wie er dem BVB im Europa-League-Viertelfinal beikommen kann. Dummerweise verliert er beim 1:1 im Hinspiel die Contenance und legt sich mit dem vierten Offiziellen an. Der sagt hinterher: «Ich hatte schon mit meinem Leben abgeschlossen, als er auf mich zukam. Als ich in seine Augen sah, war ich mir sicher, dass er mich gleich auffressen würde.» Der Zwischenfall zieht eine Sperre gegen Klopp nach sich.

Von der Tribüne aus muss er mitansehen, wie sein Liverpool das Rückspiel in Dortmund 1:2 verliert und ausscheidet. Während Reus gleich zweimal für die Deutschen trifft, zimmert Kagawa in der Nachspielzeit einen Penalty an die Latte. «Das ist eben der Unterschied zwischen einem Weltklasse-Spieler und einem 33-Millionen-Mann», sagt Klopp später.

Mai

Die Premier League geht in den Endspurt, zwei Runden bleiben noch. Klopp gibt sich souverän vor der entscheidenden Phase, sagt: «Ob ich Druck verspüre? Ach, hören Sie auf, ich war schliesslich schon Trainer in Mainz!» Im vorletzten Match gegen Sunderland stört ihn ein Zuschauer, der nahe der Liverpool-Bank Platz genommen hat. «Du bist ein Versager, ein Niemand», hallt es bereits in den ersten Minuten mehrmals zu Klopp hinüber. Als er sich umdreht, erblickt er einen ergrauten Mann im feinen Zwirn.

Am abschliessenden Spieltag kann Liverpool aus eigener Kraft Meister werden. Das Spiel gegen West Bromwich Albion verläuft harzig, nach 88 Minuten steht es 0:0. Klopp tigert an der Linie auf und ab, die Fans auf der legendären Tribüne «The Kop» sehen ihren Titeltraum schwinden – bis ein Mann mit asiatischem Einschlag seinen ganzen Mut zusammennimmt, aus 35 Metern abzieht und den Ball in den Winkel wuchtet. 1:0, Sieg, Meistertitel, die Dämme brechen. Der Held: Shinji Kagawa. Und natürlich Jürgen Klopp, der trocken sagt: «Von einem 33-Millionen-Transfer darf man erwarten, dass er ab und zu auch dorthin trifft, wo er hinzielt.»

Epilog

Es ist kurz vor Weihnachten, als es an José Mourinhos Tür klingelt. Der einstige Wundertrainer hofft auf eine frohe Botschaft, zum Beispiel ein Jobangebot in Brief-Form, ist er doch noch immer arbeitslos. Der Pöstler überbringt ihm stattdessen ein Paket. Der Portugiese öffnet es, greift mit der Hand hinein und zieht zwei abgewetzte Kleidungsstücke hervor: eine Trainerhose und einen roten Kapuzenpullover. Dazu einen Zettel, auf dem steht: «So ziehen sich Sieger an. JK.»

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