Aktualisiert 30.06.2020 07:38

Nach ausgearteter Meisterfeier

Klopp mit Liebeserklärung und Kritik an den eigenen Fans

Liverpools Trainer schreibt einen offenen Brief an die Anhänger: Er bedankt sich für die Unterstützung und spricht den Fans ins Gewissen, nicht in Massen zu feiern.

von
Vera Ambühl
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«Darüber kann ich nicht hinwegsehen»: Jürgen Klopp kritisiert die Fans für die Meisterfeier in Liverpool.

«Darüber kann ich nicht hinwegsehen»: Jürgen Klopp kritisiert die Fans für die Meisterfeier in Liverpool.

Foto: Peter Byrne/Getty Images
Menschen dicht aneinander gedrängt so weit das Auge reicht: Gedanken an die Verbreitung des Coronavirus waren bei der Meisterfeier weit weg.

Menschen dicht aneinander gedrängt so weit das Auge reicht: Gedanken an die Verbreitung des Coronavirus waren bei der Meisterfeier weit weg.

Foto: Peter Byrne/Getty Images
Spuren der Partynacht: Abfallberge am nächsten Morgen am Pier Head.

Spuren der Partynacht: Abfallberge am nächsten Morgen am Pier Head.

Foto: Peter Byrne/Getty Images

Auf einem Foto hält Jürgen Klopp die Meistertitel-Sonderausgabe der Lokalzeitung in der Hand und liest, im anderen hält er sie lachend in die Kamera. Was zuerst nach bester Werbung für den «Liverpool Echo» aussieht, hat einen ernsten Hintergrund. Vier Tage nach dem Gewinn der Meisterschaft schrieb Klopp einen offenen Brief an die Fans.

«Liebe Leser», beginnt er. «Ich halte viele Pressekonferenzen und werde überdurchschnittlich häufig in den Medien erwähnt, aber ich fühlte mich noch nie dazu gezwungen, einen Brief an eine Zeitung zu schreiben. Der Grund dafür ist, dass ich mich direkt an die Leute in Liverpool wenden möchte.»

Zuerst lobt er die Stadt und die Anhänger in den höchsten Tönen: «Wir haben die besten Fans, die ein Club sich wünschen kann. Sie inspirieren uns und sind so wichtig, dass ohne sie diese Erfolge niemals möglich gewesen wären.» Klopp schreibt weiter: «Ich liebe eure Leidenschaft, eure Lieder, dass ihr Niederlagen niemals akzeptiert, eure Hingabe, euer Spielverständnis und euer Glaube in das, was wir tun.»

Einsatz der Feuerwehr, Abfallberge und gesundheitliche Risiken

Nur eines stört Klopp. «Was ich nicht liebte – und ich kann nicht darüber hinwegsehen – waren die Feiern am Freitagabend.» Nachdem Liverpool am Donnerstagabend den Meistertitel gewann, herrschte im Stadtzentrum auch 24 Stunden später noch Ausnahmezustand. Die Leute feierten zahlreich und ohne Distanz.

Jegliche Aufforderungen des Clubs, der Polizei und von Lokalpolitikern, zu Hause zu bleiben, wurden ignoriert und Abstandsregeln nicht eingehalten – obwohl Liverpool und der Nordwesten Englands hart vom Coronavirus getroffen wurden. Die Feier führte zu einem Brand beim ikonischen Liver Building, Unmengen von Abfall und noch nicht absehbaren Folgen bezüglich der Anzahl Ansteckungen mit dem Coronavirus. In Merseyside sind bisher 1220 Menschen am Coronavirus gestorben.

Es sind starke Worte, die der Trainer an die Fans seines Vereins richtet. Klopp schreibt: «Eure Leidenschaft ist meine Leidenschaft, aber das Wichtigste im Moment ist, dass wir uns nicht in der Öffentlichkeit und nicht in grosser Zahl versammeln.»

Er appelliert an das Gewissen der Anhänger: «Wir sind es den Schwächsten in unserer Gesellschaft schuldig. Dem Gesundheitspersonal, das so viel gegeben hat und dem wir applaudiert haben, und der Polizei und den örtlichen Behörden, die uns als Verein helfen.» Die Fans sollen feiern – solange sie das zu Hause tun und es nicht riskieren, das «schreckliche Virus» weiterzuverbreiten.

Der Trainer beendet seinen Brief: «Wenn die richtige Zeit dazu gekommen ist, werden wir feiern. Liverpool wird rot gefärbt sein. Aber bleibt im Moment bitte zu Hause. Ihr habt uns zum Meister gemacht und dafür danke ich euch. Das ist unser Moment. Jeder von euch ist ein Champion auf seine eigene Weise und wir können es kaum erwarten, mit euch zu feiern was ihr erreicht habt. You’ll Never Walk Alone. Jürgen»

Nicht die erste Kritik von Klopp

Der Deutsche hat seine Beliebtheit und rhetorischen Fähigkeiten schon öfters genutzt, um die eigenen Fans herauszufordern. Manchmal wählt er seine Worte mit Vorsicht und übt indirekte Kritik, manchmal schaut er direkt in die Kamera, wenn er eine Botschaft an die Fans hat. Immer macht es den Eindruck, dass Klopps Worte aus dem Herzen kommen. In seinem ersten Interview mit dem TV-Sender des Clubs wurde der Deutsche gefragt, was seine Botschaft an die Fans sei. Seine Antwort lautete: «Wir müssen uns wandeln – von Zweiflern zu Glaubenden.» Der Satz definiert die Klopp-Ära, zigfach wurde er von den Medien und Fans auf dem Weg zum Champions-League- und Meistertitel wiederholt.

Einen Monat nach Klopps Stellenantritt verlor Liverpool zuhause gegen Crystal Palace 1:2. Viele Zuschauer machten sich noch vor dem Schlusspfiff auf dem Heimweg, was den Trainer störte. «Nach dem Gegentreffer nach 82 Minuten, wenn (inklusive Nachspielzeit) noch zwölf Minuten zu spielen sind, sah ich viele Leute das Stadion verlassen. Da habe ich mich ziemlich alleine gefühlt.» Von stärkerer Kritik sah er aber ab: «Es ist unsere Verantwortung als Mannschaft, dass niemand das Stadion vor dem Schlusspfiff verlassen will.»

Als die Fans regelmässig über die Stürmer Sadio Mané und Mo Salah sangen, erkundigte sich Klopp, ob es denn kein Lied für den Dritten im Bunde, Roberto «Bobby» Firmino, gäbe. Das blosse Skandieren von Firminos Namen war Klopp nicht genug. «Das zählt nicht als Lied. Hallo? Ich finde, er verdient wirklich einen Song. Ich gebe ein Lied für Bobby in Auftrag!» Also komponierte ein findiger Liverpool-Fan einen neuen Text zur Melodie eines argentinischen Lieds. Und siehe da – mittlerweile wird Firmino bei jedem Spiel besungen.

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