«Time-Out»: Klotens Bruch mit der alten Kultur

Aktualisiert

«Time-Out»Klotens Bruch mit der alten Kultur

«Fige» verkörpert die Klotener Hockeykultur wie keine andere Persönlichkeit. Und genau deshalb ist Felix Hollenstein von den neuen Besitzern gefeuert worden.

von
Klaus Zaugg

Sie konnten der Versuchung nicht wiederstehen. Die neuen Kloten-Besitzer Philippe Gaydoul und Thomas Matter haben den extremsten Bruch mit der Vergangenheit gesucht, der möglich war: Sie haben Kultfigur Felix Hollenstein (47) nicht zum Trainer gemacht. Mit der Entlassung Hollensteins haben sie sich demonstrativ von der alten, familiären Kultur der Kloten Flyers verabschiedet.

Aber es ist genau diese «Seldwyla-Kultur», die dieses Unternehmen bisher länger als jeden anderen Klub in der NLA gehalten hat (seit 1961). Diese Mischung aus familiärem Rückhalt und dynamischer sportlicher Entwicklung machte bisher den Erfolg aus. Im wirtschaftlichen Bereich haben sich die Klotener mit einer Mischung aus dörflichem Krämertum und kapitalistischer Freibeuterei auch den Wechsel vom beschaulichen Amateurhockey zum Sportbusiness in den 1990er Jahren behauptet. Sie sind letztlich nicht an ihrem Konzept, an ihrer Philosophie, an ihrer sportlichen Ausrichtung und an den Firmenstrukturen gescheitert. Sondern bloss, weil sie zu lange einem jetzt nicht mehr so charismatischen kapitalistischen Zauberlehrling vertraut haben. Der gescheiterte Unternehmer Jürg Bircher war Klotens Problem. Nicht die Firmen-Philosophie oder –Struktur.

Die grosse Macht der Geschichte

Ein Sportunternehmen kann sich nie von seiner Vergangenheit lösen. Man kann Kaufhausketten und Kleidermarken kaufen und verkaufen und mit einem neuen Image erneut auf den Markt werfen. Im Sport funktioniert das nicht. Die Macht der Geschichte ist viel zu gross. Deshalb halten gerade die nordamerikanischen Sportunternehmen, die dem härtesten Markt ausgesetzt sind, ihre alten Helden in höchsten Ehren. Auch SCB-General Marc Lüthi, der erfolgreichste Hockey-Manager im Land, pflegt und respektiert die Geschichte.

Philippe Gaydoul, Thomas Matter und ihr Statthalter Wolfgang Schickli foutieren sich um diese ungeschriebenen Gesetze des Sportes. Sie brechen radikal mit der Vergangenheit.

Hollenstein als perfektes «Opfer»

Felix Hollenstein hat sich geradezu als «Opfer» angeboten. Er hat nie für ein anderes NLA-Team als Kloten gespielt. Er war in mehr als 600 Spielen Vorkämpfer und Kultfigur in vier Meisterteams (1993, 94, 95 und 96) und ab 2005 war er als Assistent von Trainer Anders Eldebrink einer der Architekten eines Teams, das zweimal das Finale erreicht hat.

Er wäre der logische Nachfolger des aus Kostengründen gefeuerten Anders Eldebrink gewesen. Doch nun übernimmt Tomas Tomfal (46) den Trainerjob. Er hat bisher die Elite-Junioren der Kloten Flyers trainiert. Er wird den neuen Herren willig dienen und eine eigene Meinung nicht so dezidiert vertreten wie Felix Hollenstein.

Ein echter Kulturschock

Die Entlassung von Felix Hollenstein ist der denkbar grösste Kulturschock. Ein kurzer Schock, dem eine lange Reue folgt? Ob aus den Kloten Flyers tatsächlich ein erfolgreiches, knallhart nach kapitalistischen Grundsätzen durchgestyltes Hockeyunternehmen wird, muss sich noch weisen. Es könnte auch so herauskommen wie in Deutschland: Dort schien nach der Wiedervereinigung alles zu laufen wie in der ehemaligen BRD. Doch heute haben die DDR-Eliten (mit Frau Angela Merkel) mehr Macht denn je.

Ein warnendes Beispiel, was passieren kann, wenn die Vergangenheit im Hockey-Business nicht respektiert wird, haben die Lakers geliefert. Dort hat das grosse Geld durch das renovierte Stadion zu Arroganz und Geringschätzung der eigenen Kultur geführt. Gegen den Willen der eigenen Fans wurde sogar die Dressfarbe geändert. Die Lakers sind kurz vor dem sportlichen und wirtschaftlichen Ruin durch die neuen Besitzer um den Milliardär Hans-Ueli Rihs gerettet worden. Sie haben die grösste Kultfigur der Lakers zum Trainer gemacht: Harry Rogenmoser, die Antwort der Lakers auf Felix Hollenstein.

Comeback durchaus möglich

Niemand sollte in Kloten gegen ein triumphales Comeback von Felix Hollenstein wetten. Gegen eine lange Amtszeit des neuen Trainers Tomas Tamfal hingegen schon. Auch seine Beförderung vom Juniorentrainer zum Headcoach der Kloten Flyers zeigt die mangelnde Sensibilität fürs Hockey-Business: Fachliche Kompetenz alleine genügt nicht, um erfolgreich zu sein. Nur eine charismatische, starke Persönlichkeit kann im Eishockey erfolgreich eine Mannschaft führen.

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