«Time-out»: Klotens Masterplan, der gar keiner ist

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«Time-out»Klotens Masterplan, der gar keiner ist

So gute Chancen auf den Titel hatte Felix Hollenstein als Coach vielleicht noch nie. Aber die Rückkehr zu den Kloten Flyers kann auch der Anfang vom Ende sein.

von
Klaus Zaugg

Als Felix Hollenstein am Dienstag sein Haus verliess, um im Zürcher Hallenstadion dem Derby beizuwohnen, war er arbeitslos. Als er heimkehrte, hatte er wieder einen Job. Gegen 23.00 Uhr kam das Telefon von Sportchef André Rötheli, kurz nach 01.30 Uhr sagte Hollenstein zu.

Die charismatischste Persönlichkeit der Klotener Hockeygeschichte ist an den Schluefweg zurückgekehrt. Hier steht er und kann nicht anders. Felix Hollenstein war Leitwolf der vier Meisterteams von 1993, 1994, 1995 und 1996. Nach seinem Rücktritt arbeitete er sieben Jahre lang als Trainer-Assistent der Flyers. Nun ist er erstmals Cheftrainer. Ausgestattet mit einem Zweijahresvertrag im Wert von fast einer Million Franken brutto. Mehr noch: Er ist jetzt der mächtigste Mann des Unternehmens.

Neun Monate nach seiner Entlassung ist er zurückgeholt worden. Eine stärkere Position ist gar nicht mehr möglich. Es spielt für ihn keine Rolle, wer unter ihm Manager oder Sportchef ist. Nach Monaten der Irrungen und Wirrungen kehrt nun Ordnung ein. Sie ist einfach, klar und wahr: Ab jetzt zählen nur noch zwei Dinge: Das Geld von Präsident Philippe Gaydoul und das Wort von Felix Hollenstein. Geld und Geist im Land von Gottfried Keller.

Kloten wie das Grande Lugano?

Schon einmal hat ein reicher Unternehmer einem charismatischen Trainer alle Wünsche erfüllt, um endlich Ordnung zu schaffen. Daraus entstand eine der ganz grossen Hockey-Dynastien: Grande Lugano. Meister 1986, 1987, 1988 und 1990. Erschaffen mit dem Charisma von Trainer John Slettvoll und dem Geld von Geo Mantegazza. Gewiss: Es war eine andere Zeit, es waren andere Umstände. Und doch verbindet das Grande Lugano von damals und das Kloten von heute etwas – die Einsicht eines wohlhabenden Präsidenten, dass ein Sportunternehmen einen charismatischen Bandengeneral braucht.

Wer neu ins Sportbusiness einsteigt, macht Fehler. In keinem anderen Geschäft muss ein so hohes Lehrgeld entrichtet werden wie im Mannschaftssport. Die NZZ schätzt, dass Gaydoul im ersten Jahr in Kloten rund vier Millionen verlieren wird. Doch das spielt keine Rolle. Alles was zählt, ist die Fähigkeit, aus den Fehlern zu lernen und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

War es richtig, Felix Hollenstein im Sommer zu feuern, einen Sparkurs mit nur zwei Ausländern zu verkünden, im Laufe der Saison doch nachzurüsten und dann im Februar die geschasste Kultfigur zurückzuholen? Diese Frage können wir noch nicht beantworten. Wenn die Flyers mit Hollenstein die Playoffs schaffen und dort gar bis ins Finale vorstossen sollten – dann werden wir alle bewundernd von einem grossen, meisterlichen Plan, von einer Strategie reden.

Klotens Masterplan

Dieser Masterplan sieht so aus: Der charismatische Leitwolf Hollenstein wird vor der Saison gefeuert und durch den fachlich kompetenten Hockey-Technokraten Tomas Tamfal ersetzt. Die Spieler mögen Tamfal nicht. Sportchef Rötheli macht bei seinem Amtsantritt klar, dass es mit diesem Trainer keine Zukunft gibt und nimmt die Verhandlungen mit Hollenstein auf.

Aber es gelingt Tamfal, diesem stillen, verkannten Helden der Saison 2012/13, Kloten in den Playoff-Rängen zu halten. Inzwischen hat Rötheli nachgerüstet und alle Ausländerpositionen besetzt. Die Mannschaft, die mit zwei Ausländern die Saison stieg, hat am Ende der Qualifikation zwei überzählige Gastarbeiter auf der Tribüne. Die Kloten Flyers sind drei Runden vor Schluss der Qualifikation eines der bestbesetzten Teams der Liga. Und nun muss Tamfal gehen und der Messias des Klotener Hockeys kehrt zurück.

Die Spieler haben den Trainer wieder, den sie immer wollten. Zu dem sie im Lauf der Saison eine Delegation entsandt hatten, um ihn zu einer Rückkehr zu bewegen. Nach allem, was wir über Psychologie wissen, muss jetzt ein Ruck durch die Mannschaft gehen, müssen die Spieler aufblühen, über sich hinauswachsen und für den neuen Chef bis ans Ende der Welt gehen. Gäbe es in Kloten keine Banden ums Eisfeld, dann würden die Spieler in ihrer Begeisterung erst unten im Freibad zum Stillstand kommen. Genau zum richtigen Zeitpunkt ist der psychologische Nachbrenner gezündet worden. Wahrlich ein Masterplan, wie er noch nie erdacht worden ist.

Der erste Schuss sagt noch nichts

Nein, es ist kein Masterplan. Aber wenn es so kommen sollte, werden wir die Klotener Wirren in einen Masterplan umdeuten. Der Sport ist so unberechenbar (und deshalb so faszinierend), dass Masterpläne nur dann erkennbar werden, wenn vom Ende her ein Erfolg betrachtet wird. Carl von Clausewitz, der grosse Militärtheoretiker, hat einmal gesagt, nach dem ersten Schuss sei jeder noch so gute Kriegsplan Makulatur. Das gilt auch für den Sport: Nach dem ersten Spiel ist eine noch so gute Saisonplanung meist Makulatur. Wie diese Saison bei den Kloten Flyers. Deshalb kommen im Sport die Glücksrichter, Gaukler und Schnorrer manchmal weiter als die Ehrlichen, Fleissigen und Bescheidenen.

Letztlich ist die Rückkehr von Felix Hollenstein logisch. In Zeiten Not und Unsicherheit kehren die grossen charismatischen Persönlichkeiten zurück. Das lehrt uns die Geschichte seit mehr als 1000 Jahren. Die Berner holten Adrian Bubenberg zurück, die Franzosen Philippe Pétain, die Engländer Winston Churchill, die Finnen Gustav Mannerheim und die Italiener wollen Silvio Berlusconi wieder. Das Sportbusiness funktioniert nicht anders als das richtige Leben. Sean Simpson kehrte nach Zug zurück, John Slettvoll mehrmals nach Lugano, Kent Ruhnke nach Zürich, Serge Pelletier nach Ambri und Larry Huras gar nach Zürich, Ambri und Lugano.

Weil bei den Kloten Flyers fast nichts so gekommen ist, wie es geplant war, und nun gar noch ein triumphales Saisonende mit dem ungeliebten Trainer Tomas Tamfal drohte, hat Sportchef André Rötheli die Nerven verloren und Felix Hollenstein zurückgeholt. Die Angst vor Siegen unter Tamfal war noch grösser als die Angst vor Niederlagen. André Rötheli hat bloss ein wenig zu lange gewartet. Hätte er den Trainer vor dem Spiel gegen die Lakers gewechselt, dann wäre Felix Hollenstein mit einem 12:0 gestartet.

Hollenstein kann zum mächtigsten Trainer werden

Die Chancen auf den Titel waren für Felix Hollenstein als Coach noch nie so gut. Wenn er die Playoffs schafft, steigt er als nominell bester Aussenseiter aller Zeiten ins Titelrennen. Ohne Erfolgsdruck. Er hat dann nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Er kann seine Position als Cheftrainer und seine Macht in den nächsten Wochen zementieren und mit Arno Del Curto der mächtigste Trainer im Lande werden. Ein «Hockeygott».

Aber Felix Hollenstein darf die Playoffs nicht verpassen. Wenn er in den drei verbleibenden Partien unter den Strich rutscht, dann wird er zum grössten Trainer-Clown. Es wäre der Anfang vom Ende seiner Trainerkarriere.

Sportchef Rötheli setzt alles auf die Karte Hollenstein. Weil er gar keine anderen Karten hat. Und wenn es nicht funktioniert, dann hat er keinen Plan B. Das ist nicht so schlimm. Denn die Kloten Flyers haben jetzt einen Präsidenten, der die Rechnungen bezahlen und den nächsten Neuanfang finanzieren kann. Die Kloten Flyers würden dann halt vorübergehend Geld verschlingen wie Lugano und Resultate produzieren wie die Lakers.

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