Knallharte Anleitung zum «Schwein-Sein»
Aktualisiert

Knallharte Anleitung zum «Schwein-Sein»

Wer lieb, nett und hilfsbereit ist, bringt es nicht weit im Berufsleben. Dieser Meinung ist zumindest der US-Autor Marty Kihn: Er wagte die Metamorphose zum A****loch - im Selbsttest.

von
Runa Reinecke

Es gibt Arbeitskollegen, die für einfache Assistenz-Jobs eingestellt werden und nach kürzester Zeit im Kaderolymp das Zepter schwingen. Da fragt sich so manch einer: «Was hat er, was ich nicht hab?»

Auf diese Frage glaubt der amerikanische Autor Marty Kihns eine plausible Antwort gefunden zu haben. In seinem Buch «A$$hole: How I Got Rich and Happy by Not Giving a Shit About You» (zu deutsch: «Arschloch: Wie ich reich und glücklich wurde, in dem ich mich einen feuchten Dreck um dich schere») erklärt er, wie man sich vom gutmütigen aber unglücklichen «Everybody's Darling» zum miesen Charakterschwein entwickelt, und zwar zu einem erfolgreichen.

Nur die Harten kommen in den Karriere-Garten

Wer in Kihns Anleitung zur «Arschloch-Werdung» Wunder erwartet, wird enttäuscht: Die Metamorphose vom guten Kumpel zum Donnergott passiert nicht über Nacht. Die Trainings-Einheiten, die sich der Autor zu Beginn seiner Verwandlung von einem Coach empfehlen liess, dürften auch nicht jedem auf den Leib geschneidert sein. «Du musst dich auch körperlich gross und überlegen fühlen», sagt Kihn und erklärt, wie ihn ein Coach auf das Leben als Charakterschwein vorbereitete: Er steckte ihn in ein lächerlich aussehendes Bärenkostüm und setzte ihn den mitleidigen bis erniedrigenden Blicken der Passanten auf dem New Yorker Broadway aus: «Mit dieser Methode wurde mein Selbstbewusstsein attackiert und gleichzeitig gestärkt», erzählt Kihn in einem Interview mit der australischen Presse.

Kihn sieht sich selbst als lebenden Beweis dafür, dass seine Methode funktioniert: Je rücksichtsloser, dominanter und herrschsüchtiger er wurde, desto besser klappte es im Job: Proportional zu seinen Beförderungen verdiente er mehr Geld, viel mehr Geld.

Was sagen Experten zum «Schwein-Wandlungskonzept» Marke Eigenbau?

«Das kann wirklich funktionieren...», erklärt Dr. Reto Volkart, Fachpsychologe am ZEPT - Zentrum für Psychotherapie in Zürich auf Anfrage von 20minunten.ch. Er ergänzt: «Die Methode ist dort wirklich erfolgreich, wo Defizite korrigiert werden, die auf unbewussten Hemmungen und Einschränkungen beruhen.»

Doch Kihns Programm ist laut Volkart nicht uneingeschränkt empfehlenswert. Seiner Meinung nach liegen die Grenzen dort, wo es nicht um eine Veränderung des Selbstbildes geht, sondern um eine starre «Umprogrammierung». Alte Rezepte gegen neue auszutauschen verspreche - so der Psychologe - mehr Erfolg im Berufsleben. Doch jeder Mensch würde auch privat zum menschenenverachtenden «Asshole» mutieren. Und wer will schon zum Hass-Subjekt seines sozialen Umfeldes werden?

Ausserdem ist zu bezweifeln, dass Kihns Anleitung zum «Schwein-Sein» überhaupt zeitgemäss ist: Ohne Networking-Qualitäten und Teamgeist ist der Sprung in die Chefetage heute kaum noch zu schaffen. Besonders erfolgreich ist ein Boss laut vielen Experten dann, wenn er bei seinen Mitarbeitern eine positive Vorbildfunktion einnimmt.

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