Aktualisiert 13.02.2009 18:23

DDRKnast-Erinnerungen eines Ex-Genossen

Der letzte SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, hat in Berlin sein Buch «Gefängnis-Notizen» vorgestellt. Ein alter Mann verteidigt sich — und die DDR.

von
Daniel Huber

Egon Krenz, der ewig-joviale Berufsjugendliche in der sonst so geriatrischen DDR-Führung, war das letzte Gesicht des real existierenden Sozialismus in deutschen Landen. Der Mann mit dem Fernandel-Gebiss beerbte Erich Honecker kurz vor dem Mauerfall, als es schon zu spät war. 1997 wurde er wegen Totschlags in vier Fällen — es ging dabei um den so genannten Schiessbefehl an der innerdeutschen Grenze — zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt, die er im Januar 2000 antrat. Vier Jahre sass Krenz ab, ein Ex-Staatschef unter Mördern und Zuhältern, bis er im Dezember 2003 vorzeitig entlassen wurde.

Heimspiel für den «lieben Egon»

Seine Knast-Erfahrungen hat der «Kronprinz Erich Honeckers» in ein Buch gegossen: «Gefängnis-Notizen». Der Titel lehnt sich an die 15 Jahre zuvor im selben Verlag veröffentlichten «Moabiter Notizen» von Erich Honecker an, die ein Bestseller waren.

Diese Woche präsentierte Krenz sein Werk der Öffentlichkeit; passenderweise im Verlagsgebäude der Zeitung «Neues Deutschland», dem ehemaligen Zentralorgan der SED. Sein Auftritt vor dem rund 400 Köpfe zählenden Publikum war ein Heimspiel, wenn man dem Bericht der deutschen Zeitung «Der Tagesspiegel» vertrauen will: Der «liebe Egon», wie er laut «Tagesspiegel» von Fragestellern angesprochen wurde, erntete beispielsweise viel Applaus mit der Bemerkung, dass Gewalt gegen das eigene Volk in der sozialistischen Ordnung der DDR ja überhaupt nicht vorgesehen gewesen sei. «Dass sie aber praktiziert wurde, sagt er nicht», kommentiert die Zeitung.

«Machen wir doch die DDR nicht schlechter, als sie war, und die Bundesrepublik nicht besser, als sie ist», sagte Krenz ferner — ein Satz, der vielleicht nur dann verdächtig klingt, wenn er aus Tätermund kommt. Krenz allerdings sieht sich in erster Linie als Opfer, und er sieht sich in guter Gesellschaft: «Ganze Gruppen von Menschen werden ausgegrenzt, weil sie sich anders an die DDR erinnern, als ihnen das staatlich vorgegeben ist.»

Sekt statt Blut

So erinnert sich Krenz auch nicht an den Schiessbefehl, wie das deutsche Online-Portal «Welt.de» anmerkt. Einen solchen Befehl habe es an der innerdeutschen Grenze nicht gegeben, lediglich ein «Grenzgesetz».

Und auch der Tag des Mauerfalls, der 9. November 1989, endete nur dank dem besonnen Verhalten der DDR-Führung nicht in einem Blutbad: «Der 9. November hat durch besonnenes Handeln der Grenztruppen Deutschland und vielleicht sogar der Welt den Frieden gerettet.» Nur darum sei «damals kein Blut, sondern Sekt geflossen.»

Das Publikum applaudierte warm, so berichten die deutschen Medien übereinstimmend. Nur ein Kritiker, so der «Tagesspiegel», kam zu Wort: «Herr Krenz, ich wurde 1980 von der Staatssicherheit verhaftet, was glauben Sie, wann ich das erste Mal einen Anwalt gesehen habe?», habe der Mann gefragt, nachdem sich Krenz gerade über die Siegerjustiz beklagt hatte. Krenz — der im Übrigen die Verhältnisse im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen mit keinem Wort erwähnte — räumte ein, es habe auch ungerechte Urteile in der DDR gegeben. Und ging dann laut «Tagesspiegel» zum Angriff über: Man müsse aber schon auch mal fragen, warum jemand im Gefängnis sass. Auch hier, vermerkt die Zeitung, gab es tosenden Applaus.

«Gefängnis-Notizen»

Egon Krenz

ISBN: 336001801X

EAN: 9783360018014

Libri: 8961271

240 Seiten, kartoniert

Edition Ost

€ 14.90

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