«Unsere Quartiere leiden»: Knatsch um Heizpilze und Zelte für Stadtzürcher Gastro
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«Unsere Quartiere leiden»Knatsch um Heizpilze und Zelte für Stadtzürcher Gastro

Stadtzürcher Restaurants dürfen ohne Bewilligung Zelte aufstellen und öffentlichen Grund nutzen. Auch Heizpilze sind erlaubt. Das kommt nicht bei allen gut an.

von
Monira Djurdjevic
Lynn Sachs
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Der Zürcher Stadtrat ruft die Bevölkerung dazu auf, das lokale Gewerbe zu unterstützen.

Der Zürcher Stadtrat ruft die Bevölkerung dazu auf, das lokale Gewerbe zu unterstützen.

Getty Images / iStockphoto
Am Mittwoch teilte der Zürcher Stadtrat mit: Restaurants dürfen ohne Bewilligung Witterungsschutzbauten erstellen und öffentlichen Grund nutzen. Auch Heizpilze sind erlaubt. 

Am Mittwoch teilte der Zürcher Stadtrat mit: Restaurants dürfen ohne Bewilligung Witterungsschutzbauten erstellen und öffentlichen Grund nutzen. Auch Heizpilze sind erlaubt.

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Bei Gastro Zürich-City ist die Freude gross: «Wir sind über den Entscheid des Stadtrats super happy. Das ist genau das, wofür wir monatelang gekämpft haben», sagt Sprecher Urs Pfäffli. 

Bei Gastro Zürich-City ist die Freude gross: «Wir sind über den Entscheid des Stadtrats super happy. Das ist genau das, wofür wir monatelang gekämpft haben», sagt Sprecher Urs Pfäffli.

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Darum gehts

  • Der Zürcher Stadtrat erlaubt den Gastronomiebetrieben von 15. November bis 15. Februar das bewilligungsfreie Aufstellen von Witterungsschutzbauten auf öffentlichem wie privatem Grund.

  • Die Freude bei den Gastronomen ist gross.

  • Bei den Stadtzürcher Quartiervereinen sorgt das für Widerstand.

Stadtzürcher Gastrobetriebe dürfen im kommenden Corona-Winter Zelte über dem Boulevardbereich aufstellen. Ebenso sind Heizpilze erlaubt. Das hat der Stadtrat am Mittwoch mitgeteilt. Bei Gastro Zürich-City ist die Freude gross: «Wir sind über den Entscheid des Stadtrats super happy. Das ist genau das, wofür wir monatelang gekämpft haben», sagt Sprecher Urs Pfäffli. Denn die Corona-Krise habe der Gastronomie stark zugesetzt.

«Die geltenden Regeln machen das Geschäft schwierig. Tausende Mitarbeitende erleiden seit Monaten massive Lohneinbussen. Viele Gastronomen haben Existenzängste.» Dieser Entscheid gebe nun vielen Gastrobetreibern einen Funken Hoffnung, die Corona-Krise einigermassen glimpflich zu überstehen, so Pfäffli.

«Ich finde es toll, dass die Stadt den Gastronomen so unter die Arme greift. Das wird vielen Betrieben sehr helfen», sagt Gastronom Michel Péclard. Er werde jetzt in seinen Betrieben, wo immer möglich, gedeckte und geheizte Aussenplätze schaffen. «Die Leute wollen nicht drinnen sitzen. Sie sind wegen Corona zu verunsichert und meiden Innenräume», ist Péclard überzeugt.

«Es ist grossartig, dass uns die Stadtbehörden so grosszügig unterstützen und auch nicht selbstverständlich», sagt der Zürcher Gastrounternehmer Rudi Bindella jr. Man möchte sich nun auf die Betriebe konzentrieren, die eine Aussenfläche anbieten und eine Nutzung zulassen.

Entscheid vom Zürcher Stadtrat

Der Zürcher Stadtrat ruft die Bevölkerung dazu auf, das lokale Gewerbe zu unterstützen. Gleichzeit erlaubt er Gastronomiebetrieben, Museen und Theatern vom 15. November bis zum 15. Februar das bewilligungsfreie Aufstellen von Witterungsschutzbauten auf öffentlichem wie privatem Grund. Dies jedoch nur, wenn die Corona-bedingten Abstände zwischen den Besucherinnen und Besuchern respektiert werden könnten, heisst es in einer Mitteilung am Mittwoch.

Anatole Fleck, Sprecher beim Hochbaudepartement der Stadt Zürich, erklärt: «Normalerweise ist ein Witterungsschutz bewilligungspflichtig, und der Prozess dauert relativ lange. Da wir dieses Jahr den Gastronomiebetrieben dies schneller ermöglichen wollen, wird die Baubewilligung für eine Frist ausgesetzt.»

Auch die bisherige Praxis der gesetzeskonformen Beheizung von Aussenflächen auf Privatgrund mit erneuerbaren Energien, wie Heizvorrichtungen mit Pellets oder Holzfeuerungen, wird nun, während des oben erwähnten Zeitraums, auf die Boulevardflächen des öffentlichen Grunds ausgeweitet. Dabei seien die entsprechenden Vorschriften der Luftreinhalte-Verordnung sowie Sicherheitsaspekte zu beachten, heisst es in der Mitteilung weiter.

Es gelten zudem folgende Regelungen:

– Die Bauten müssen den Anforderungen für fliegende Bauten (sichere Aufstellung und sicherer Betrieb) des Amts für Baubewilligungen und den Anforderungen der Feuerpolizei (an Personensicherheit und Brandverhütung) entsprechen. Fluchtwege sind in jedem Fall freizuhalten.

– Für die Benutzung des öffentlichen Grundes gilt: Die Bauten dürfen nur auf der bewilligten Boulevardfläche erstellt werden. Bei Museen und Theatern erfolgt die Zuweisung von Flächen für das bewilligungsfreie Aufstellen von Witterungsschutzbauten durch die Stadtpolizei, Verwaltungspolizei.

– Die Patentinhabenden und die verantwortlichen Personen haften für allfällige Schäden bei Dritten und am öffentlichen Grund.

Weniger begeistert von der Entscheidung des Stadtrats ist man bei der Gruppe Innenstadt als Wohnquartier, zu der mehrere Stadtzürcher Quartiervereine zählen. «Unsere Quartiere leiden. Die Corona-Massnahmen für die Gastrobetriebe dürfen nicht auf unsere Kosten gehen», sagt Sprecher Felix Stocker.

Natürlich habe man auch Verständnis für die durch Corona wirtschaftlich stark getroffene Gastrobranche: «Es geht aber nicht, dass nun ohne Bewilligung Zelte aufgestellt werden. Den Anwohnern darf ihr Recht, sich zu wehren, doch nicht einfach weggenommen werden.» Stocker fügt an: «Die kältere Jahreszeit ist für unsere Quartiere eine wichtige Erholungszeit nach den Sommernächten, die dieses Jahr noch viel belastender waren als sonst.» Laut Stocker prüfe man nun eine Einsprache gegen die beheizten Zelte.

Wie es beim Hochbaudepartement der Stadt Zürich auf Anfrage heisst, habe man vernommen, dass sich die Gruppe Innenstadt als Wohnquartier gegen den Entscheid des Stadtrates stellt. Auf die Frage, ob die Anwohner Einsprache erheben könnten, sagt Sprecher Anatole Fleck: «Wenn ein Baukonstrukt nicht bewilligt werden muss, kann gegen die Baubewilligung auch kein Rekurs erhoben werden. Man kann jedoch Einsprache gegen den Stadtratsbeschluss erheben.»

Fleck fügt an: «Die Witterungsschutzbauten sind nicht gesetzesfrei. Betreiber müssen sich noch immer an Sicherheits-, Lärm- und viele weitere Vorgaben halten.»

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