Aktualisiert 15.08.2013 10:28

GemischtwarenladenKnatsch um Hörgeräte-Verkauf der Post

Die Post bietet neu Hörverstärker an. Der Organisation für Menschen mit Hörproblemen passt das nicht. Sie fordert einen Verkaufsstopp.

von
S. Spaeth
Vom Mobiltelefon bis zum Hörverstärker: Die Post erreichte mit dem Verkauf von Zweitprodukten im letzten Jahr einen Umsatz von 500 Millionen Franken.

Vom Mobiltelefon bis zum Hörverstärker: Die Post erreichte mit dem Verkauf von Zweitprodukten im letzten Jahr einen Umsatz von 500 Millionen Franken.

Die Post ist ein Gemischtwarenlanden: Weil mit Diensten wie Einzahlungen und Paketen die Kassen nicht genug klingeln, setzt der gelbe Riese in seinen Filialen immer stärker auf den Detailhandel: Zum Sortiment gehören seit Anfang August auch Hörgeräte.

Der Organisation für Menschen mit Hörproblemen, Pro Audito, stösst das sauer auf. Sie fordert den umgehenden Verkaufsstopp. «Es ist befremdlich, dass ein Unternehmen, das dem Bund gehört, nun in den Hörgerätemarkt einsteigt», schreibt Präsident Georg Simmen in einem Brief an die Konzernleitung der Post. Die von den Pöstlern verkauften Hörhilfen würden sich optisch nicht von medizinischen Hörgeräten unterschieden.

Fachliche Abklärung ist zwingend

Laut Pro Audito sollte ein Hörgerät aber zwingend erst nach einer fachlichen Abklärung gekauft werden. «Nur so kann die Qualität und Art der Hörminderung beurteilt werden», sagt Simmen. Eine seriöse Beratung könnten Postmitarbeitende nicht erfüllen. An die Adresse der Post-Konzernleitung schreibt der Pro-Audito-Präsident weiter: «Sie erweisen Menschen mit beginnender Hörminderung keinen guten Dienst, nur einen kostspieligen.» Die Geräte kosten zwischen 350 und 700 Franken.

Bei der Post spricht man von einem möglichen Missverständnis seitens Pro Audito: «Wir verkaufen Hörhilfen. Sie sind nicht mit den medizinischen Geräten der Hörgeräteakustiker vergleichbar», sagt Post-Sprecher Oliver Flüeler. Es handle sich um standardisierte Produkte, die keine individuelle Anpassung bräuchten. Die Hörverstärker sollen laut Flüeler Leute ansprechen, die Probleme haben, Gesprächen in geräuschvoller Umgebung zu folgen, aber noch kein Hörgerät wollen. Er vergleicht die Hörhilfe mit einer Lesebrille.

No-Risk-Deal für Post

Beim Hörverstärker-Lieferanten der Post, Claratone, ist man mit den Verkäufen in den ersten zwei Wochen sehr zufrieden. Dies sagt CEO Christoph Umbricht. In der Schweiz ist die Post der erste grosse Verkaufspartner der Firma aus Meilen. Man werde in Kürze einen weiteren grossen Abnehmer kommunizieren können. Derzeit laufen auch Verkäufe bei Elektronikhändlern und Apotheken.

Für die Post ist der Vertrag mit Claratone ein guter Deal. Sie stellt die Verkaufsfläche zu Verfügung, ist im Gegenzug am Umsatz beteiligt: «Die Post trägt kein Risiko. Nicht verkaufte Geräte können einfach retour gegeben werden», sagt Christoph Umbricht von Claratone. Details zum Vertrag will Post-Sprecher Flüeler nicht bekannt geben, hält aber fest: «Wir sind interessiert daran, die Verkaufsflächen in den Poststellen nicht nur abzustauben, sondern zu nutzen». Es sei ein Beitrag ans defizitäre Poststellennetz. Im letzten Jahr erreichte die Post mit Zweitprodukten einen Umsatz von 500 Millionen Franken.

Was die Post mit den Hörverstärkern macht, haben Tankstellen und Grossverteiler mit den Lesebrillen vorgemacht. Die Optiker hingegen verschliefen das Geschäft mit den günstigen Seehilfen. Sie verkauften lieber die teuren, individuell angepassten Brillen. Wenn die Post den Verkauf der Hörhilfen mit dem Verkauf von Lesebrillen gleichsetzt, zeige das, dass sie gar nichts von Hörgeräten verstehe, heisst es bei Pro Audito.

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