Aktualisiert 11.11.2011 15:20

Sanft und knurrig

Köbi Kölliker - ein Berner in Deutschland

Vor dem Debut des neuen Bundestrainers Köbi Kölliker haben die Deutschen ein wenig die Orientierung verloren. Nur die wenigsten kennen das Phantom ander Bande.

von
Klaus Zaugg, München
Köbi Kölliker trifft in seinem ersten Spiel als deutscher Bundestrainer ausgerechnet auf die Schweiz. (Bild: Keystone)

Köbi Kölliker trifft in seinem ersten Spiel als deutscher Bundestrainer ausgerechnet auf die Schweiz. (Bild: Keystone)

Köbi wer? Die Fans können mit dem neuen Bundestrainer noch wenig anfangen. Und auch die Journalistinnen und Journalisten tappen noch im Dunkeln und versuchen herauszufinden, wer sich hinter dem Phantom an der Bande verbirgt. Sie sind es sich nicht gewohnt, dass der Bundestrainer wenig sagt, auf eine sanfte Art knurrig wirkt und nicht von oben herab belehrt. Vor dem ersten Spiel des neuen Bundestrainers aus der Schweiz gemahnt die Deutsche Eishockeygemeinde an eine Herde, die ihr Mutterschaft vermisst: Das Deutsche Eishockey hat die Orientierung ein wenig verloren.

Ein Blick zurück erklärt, warum das so ist: Im Laufe der Jahre haben sich alle daran gewöhnt, dass der Bundestrainer dem Eishockey draussen im Lande ein Gesicht gibt und autoritär die Richtung weist. Zuletzt der temperamentvolle Hans Zach, den sie ehrfurchtsvoll «Alpenvulkan» nannten, dann der kläglich gescheiterte, aber charismatische Selbstdarsteller Greg Poss und zuletzt die NHL-Legende und Hockey-Ikone Uwe «King Kong» Krupp.

Wenig Vorschlusslorbeeren

Im Vergleich zu solchen Lichtgestalten hat der neue Chef aus der Schweiz weniger Charisma als der Assistent des Materialwartes. Ein Berner in Deutschland. Kein Wunder, hat er wenige Vorschusslorbeeren bekommen. Das Hockeyportal «eishockey-info» machte eine Umfrage, Köbi Kölliker der richtige Mann für den Posten sei. Von 944 Teilnehmern möchten 47 Prozent einen anderen Bundestrainer. Dabei sind die Erfolgs-Erwartungen vor dem Debut des Schweizers am Freitag um 20 Uhr beim Deutschland Cup in München ausgerechnet gegen die Schweiz wieder einmal himmelhoch.

Zwar konnte Kölliker vor der Partie bloss vier Trainings absolvieren, und er tritt – ähnlich wie die Schweiz unter Sean Simpson – mehr oder weniger mit einem B-Nationalteam an, aus dem höchstens die Hälfte der Spieler für eine WM-Nomination in Frage kommen. Aber die Deutschen haben unter Krupp zuletzt zweimal hintereinander das Turnier gewonnen.

Staubtrockene Art

Aber vielleicht kann ja Köbi Kölliker gerade deshalb Erfolg haben, weil er seine Vorgänger nicht kopiert und sich selber treu bleibt. Er würde sowieso lächerlich wirken, wenn er toben würde wie Zach. Eher nervt er die Medienleute durch seine staubtrockene Art, hinter der niemand die Bauernschläue und immense Erfahrung eines Mannes sieht, der mehr über das Eishockey vergessen hat, als die Deutschen je gewusst haben. Wenn der Vertreter der «Augsburger Allgemeine Zeitung» nach der Eishockey-Philosophie fragt, dann erklärt Kölliker mit leiser Ironie in der Stimme: «Eishockey bleibt Eishockey. Jeder möchte super defensiv spielen, möglichst kein Tor kassieren und vorne zehn Treffer erzielen.»

Und auf die Frage eines vorwitzigen Schweizer Reporters über die Taktik gegen die Schweiz sagt er mit einer Mischung aus Spott und Selbstironie: «Sie kennen doch die Deutschen. Die kennen nur eine Richtung: Vorwärts marsch und immer Vollgas...» Er ist schlau genug, sich bei der Wahl des Kapitäns nicht auf die Äste hinauszulassen, und erklärt, dass es bis zur WM im Mai keinen festen Kapitän geben werde. Sondern «jeweils einen Kapitän aus der Gruppe von sieben bis acht erfahrenen Spielern.» Von seinem Vorgänger Uwe Krupp hat den Assistenten Harold Kreis übernommen. «Ich kenne ihn schon seit langer Zeit aus der Schweiz und ich weiss, dass er seine Arbeit und keine Politik macht.»

Keine Chance für Polemik

Auf der Suche nach ein bisschen Brisanz wird schliesslich die Frage aufgeworfen, ob er denn vor dem Spiel gegen die Schweiz nicht ein bisschen nervös sei. «Ganz ehrlich, ich bin noch nicht nervös. Vielleicht kommt das, wenn die Nationalhymnen erklingen», wird Köbi von der «Augsburger Allgemeine Zeitung» ztiert. Aber dass es ausgerechnet gegen sein Heimatland geht, lasse ihn kalt. Dabei hat er immerhin 213mal für die Schweiz gespielt und war 15 Jahre lang Assistent unserer Nationaltrainer Simon Schenk und Ralph Krueger.

Der Medientross kann Köllikers Aussagen drehen und wenden wie er will – es gibt keine Chance für eine Polemik. Bauernschlau versteht es der neue Bundestrainer, sich nicht in eine Ecke drängen zu lassen. Und ganz nebenbei sei erwähnt, dass Kölliker zwar in Euro bezahlt wird, sich aber trotzdem nicht um den Wechselkurs schert. «Ich habe im Vertrag einen Eurobetrag festgeschrieben, der einer bestimmten Summe Schweizer Franken zu entsprechen hat.» Der Tauschwert zum Fränkli ist im Einjahreskontrakt also festgesetzt. Kölliker braucht die Hilfe unserer Nationalbank nicht. Das alleine müsste jedem die Augen öffnen, dass dieser eigenwillige Mann aus dem schweizerischen Bernbiet nicht unterschätzt werden sollte.

Kölliker, ein Trainer der neuen Schule

Die Spieler sind neugierig und erleichtert über das Wesen und Wirken des neuen Chefs. Kölliker sei eigentlich ein Trainer der neuen Schule wird Verteidiger Felix Petermann zitiert, der schon unter Zach, Poss und Krupp diente. «Er legt sehr viel Wert auf Stocktechnik, läuferische Stärken und ist sehr kommunikativ. Hans Zach hat nie so viel mit uns gesprochen.» Kölliker ist eben Schweizer, geprägt von einer Kultur der flachen Hierarchien. Wo Trainer die Spieler mit Argumenten überzeugen und sich nicht, wie in Deutschland üblich, auf die gottgegebene Autorität eines Amtes verlassen.

Der «ewige Assistent» von Ralph Krueger hat seinen Lebensmittelpunkt in der Schweiz behalten und fühlt sich als Leitwolf im «Schwabenland» ganz wohl. Erfreut hat er die Vorteile der teutonischen Hierarchiegläubigkeit zur Kenntnis genommen, relativiert indes gegenüber 20 Minuten Online: «Die Spieler hören zu, wenn ich etwas sage. Es sind durch und durch Profis. Aber ich denke, es ist der Respekt vor der Person, nicht vor dem Amt.»

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