Aktualisiert 05.10.2006 14:29

Köbi Kuhn: «Mir macht keiner etwas vor»

Der Schweizer Nationaltrainer Köbi Kuhn weiss genau was er will und was er von seinem Team erwarten kann. In einem Interview während dem Nati-Zusammenzug stellt er klar: «Mir macht keiner etwas vor.»

Für Köbi Kuhn (63) und die Nationalmannschaft läuft die Vorbereitung auf die Heim-EM. Die Phase der Testspiele ist ein Steigerungslauf bis zum 7. Juni 2008, dem Tag, an dem die Schweiz das Eröffnungsspiel bestreitet. Nächste Wegmarke ist am Mittwoch die Partie in Österreich.

In diese anderthalbjährige Phase sollen Erkenntnisse einfliessen, die Kuhn aus der Analyse der WM 2006 gewonnen hat. «Wir müssen uns noch intensiver um die körperliche Verfassung der Spieler kümmern. Diesen Teil der Vorbereitung kann man optimieren.» Im Interview spricht der Nationalcoach über Bilder von der WM, die Motivation sein sollen für die Zeit ohne Ernstkämpfe, über mögliche neue Gesichter im Team und über die Strukturen in seiner Gruppe.

Herr Kuhn, die Nationalmannschaft steht mitten in einer langen Phase von Testspielen. Blicken Sie wehmütig auf die phantastischen Erlebnisse während der WM zurück?

Es ist jetzt eine andere Zeit. Wir blicken nicht mehr von Spiel zu Spiel, sondern haben einen viel weiteren Horizont. Aber es ist klar, dass man das nicht mehr mit der WM-Euphorie vergleichen kann. Wenn ich an das Bild denke, das wir vom Spiel in Dortmund (gegen Togo - Red.) im Kopf haben: wir fuhren von Bochum zum Stadion, vorbei an einem Meer von rotgekleideten Schweizer Fans. Das war unglaublich. Alles war rot. Die breiten Strassen, die Parkplätze. Das hat jeden von uns bewegt. Ich bekomme jetzt noch Hühnerhaut, wenn ich es erzähle. Dies zu erleben, die Anerkennung der Leute zu spüren, das war genauso viel wert, wie die Qualifikation für die Achtelfinals. Auch wenn das Sportliche letztlich länger in Erinnerung bleibt.

Sie sprechen von diesem Bild, von den Erlebnissen in Dortmund. Damit kann man sicher arbeiten. Ist es das, womit Sie die Spieler während der Phase der Testspiele motivieren?

Ich wäre töricht, wenn ich es nicht machen würde. Aber man muss solche Dinge richtig dosieren. Es bringt nichts, wenn ich Dortmund bei jeder Sitzung erwähne. Aber die Spieler davon zu überzeugen, wie wichtig es ist, dass man den Menschen etwas gibt, und dann auch Anerkennung zurückbekommt, ist ein zentraler Punkt. Wenn man dies verinnerlicht, bleibt man bescheiden genug, um den Erfolg zu haben, den wir anstreben.

An der Heim-EM kann man «Dortmund» mehrmals erleben. Sie haben nun die Erfahrung von zwei grossen Turnieren. Welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen? Was können Sie in zwei Jahren besser machen?

Wir haben die WM nochmals analysiert, nicht nur sportlich. Wir ziehen nicht Erkenntnisse aus einzelnen Spielen, sondern sehen die Kampagne als Ganzes. In der Vorbereitung können wir Dinge anders machen, da können wir uns verbessern. Ein wesentlicher Punkt ist, dass wir uns noch minuziöser mit den einzelnen Spielern beschäftigen und den Kontakt über Ärzte und Physiotherapeuten noch intensiver pflegen. So ist beim einzelnen Spieler dank verbesserter Fitness eine stärkere Leistung möglich. In der Summe müsste die Mannschaft dann noch stabiler sein.

Wie sieht der sportliche Fahrplan aus?

Wir haben mit relativ leichten Gegnern begonnen (Liechtenstein, Venezuela, Costa Rica - Red). Mitte November kommt gegen Brasilien ein erstes Highlight. Das ist ein Kraftakt, weil die nicht für einen Apfel und ein Ei zu uns kommen. Das ist ein siebenstelliger Betrag, den man aufwenden muss. Im Februar spielen wir in Deutschland, und vor der EM gibts ein Duell gegen die Deutschen in der Schweiz. Die Spieler sind bei solchen Gegnern hochmotiviert. Sie können ihren Wert zeigen.

Aber es sind nur Testspiele...

Es geht vordergründig um nichts, und es schaut auch nicht mehr die ganze Welt zu. Aber man muss bedenken, dass alle Testspiele - und jene gegen die grossen Nationen besonders - für jeden Spieler Qualifikationsspiele sind. Die Schweiz steht als Teilnehmer an der EURO fest. Die einzelnen Spieler nicht, weil ich am Schluss nur 23 für das Turnier nominieren kann.

Trotzdem scheint die Gruppe für die EURO 08 mehr oder weniger zu stehen. Die Basis ist da. Wie breit ist das Feld der Kandidaten daneben?

Es gibt in der U21 einige interessante Spieler, die Druck ausüben. Namen, die mir spontan in den Sinn kommen, sind Pirmin Schwegler, Alberto Regazzoni und Julian Esteban. Allerdings haben wir schon jetzt ein sehr junges Team. Die Ältesten sind 27 oder 28 Jahre alt. Italien und Frankreich hatten an der WM ein Durchschnittsalter von fast 30 Jahren. Im Übrigen kommt es auch auf die jeweilige Rolle an. Sind wir auf einer Position doppelt oder sogar dreifach besetzt, hat es ein neuer Spieler schwer, auch wenn er sehr talentiert ist.

Recht schmal ist die Auswahl an guten Stürmern. Sie haben Esteban erwähnt. Ist er eine Variante für die Position neben Alex Frei?

Alex Frei ist tatsächlich der Einzige, der konstant Tore schiesst. Das ist bekannt. Deshalb unternimmt der Verband etwas. Der SFV engagierte Stéphane Chapuisat als Stürmertrainer. Er arbeitet mit jungen Leuten in Payerne. Es ist allerdings schwierig, gute Stürmer zu formen. Das geht nicht nur uns Schweizern so. Ich will die Arbeiten nicht klassieren, aber wenn ein Verteidiger die Spielweise seines Teams verinnerlicht hat, Talent im Zweikampf besitzt und in Form ist, müsste er eine gute Leistung abrufen können. Der Stürmer hingegen ist angewiesen auf seinen Instinkt, auf die Erfahrung. Deshalb sind die guten Angreifer meist auch nicht mehr ganz jung. Ein Messi oder ein Owen vor ein paar Jahren sind Ausnahmen. Es dauert oft lange, bis ein Stürmer international erfolgreich ist.

Das heisst, Sie rechnen damit, dass die Schweiz auch an der EM von den Toren von Alex Frei abhängig ist?

Vielleicht im Sturm, ja. Aber es muss dann von anderen mehr kommen. Wir müssen das Selbstvertrauen haben, auch aus dem Mittelfeld Tore zu schiessen. Es wäre schön, wenn mal einer aus 30 Metern ins Lattenkreuz treffen würde.

Es scheint, dass Alex Frei auch neben dem Platz eine wichtige Rolle einnimmt und ein Leader ist. Wie ist die Struktur im Team. Wer hat das Sagen neben Frei und Captain Johann Vogel?

Grundsätzlich stelle ich fest, dass die Gruppe ausgewogen ist. Es hat keiner das Gefühl, er müsse die Klappe aufreissen. Wenn einer etwas sagt, dann hat er auch etwas zu sagen. Es gibt verschiedene Charaktere. Philippe Senderos ist als 20-Jähriger ins Team gekommen und war sofort ein Leader. Patrick Müller ist ein Führungsspieler, weil er unglaubliches Talent hat. Er ist nicht laut, er ist nicht schnell, er ist nicht kopfballstark. Aber er ist doch immer einen Schritt eher am Ball, weil er das Spiel lesen kann wie kaum ein anderer. Das verlangt den andern Respekt ab. Wichtig ist auch, dass die Spieler die Leader akzeptieren. Wenn das nicht so wäre, hätten wir uns nie und nimmer für die EM und die WM qualifiziert. Es passiert bei uns alles natürlich, keiner spielt etwas vor. Das ginge auch nicht. Ich kann einem Spieler die Captainbinde geben, aber Captain sein, das muss er selber, mit seiner Persönlichkeit.

Und Sie selber haben für das Verhalten der Gruppe den richtigen Riecher...

Es steckt eine Idee dahinter. Ich kann vom Spieler im Match nichts Unerwartetes verlangen, wenn ich ihm unter der Woche ständig sage, was er zu tun hat. Ich bin so aufgewachsen. Meine Eltern haben nicht alles bestimmt. Diese Philosophie gebe ich als Trainer weiter, weil sie mir entspricht. Als Spieler bin ich doch auch nicht mit dem letzten Regen gekommen. Ich war nicht dumm. Und meine Spieler sind es auch nicht. Die würden sofort merken, wenn ich nicht mich selber wäre. Mir macht keiner etwas vor. Was die Spieler jetzt machen, kenne ich schon lange. Dazu muss ich nicht jedes Detail wissen. Das interessiert mich nicht. Aber die wichtigen Dinge, die weiss ich. Nur so funktioniert meine Gruppe. (si)

Schrecksekunde für Diego Benaglio

Schrecksekunde für Diego Benaglio beim Training der Nationalmannschaft in Freienbach: der 23-jährige Torhüter von Nacional Funchal blieb nach einem Zweikampf mit Johan Djourou einige Sekunden liegen und musste den schmerzenden Unterarm pflegen lassen.

Nach einigen Minuten konnte Benaglio das Training fortsetzen. «Es hat mir den Ellbogen durchgedrückt, ab es ist nichts passiert», gab der Torhüter Entwarnung. Beim Üben von Standardsituationen war Benaglio einer Flanke von Hakan Yakin entgegen gesprungen und in der Luft mit Djourou zusammengeprallt.

Einem Einsatz Benaglios im Testspiel am kommenden Mittwoch in Österreich steht nichts im Wege. Gemäss Nationalcoach Köbi Kuhn ist vorgesehen (und mit den Torhütern abgesprochen), dass Benaglio von Beginn weg eingesetzt wird. Damit stünde er erstmals in der Startformation der SFV-Auswahl. In der zweiten Halbzeit soll GC- Keeper Fabio Coltorti zum Zug kommen.

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