Fair-fish fordert: Köche sollen auf lebende Hummer verzichten
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Fair-fish fordertKöche sollen auf lebende Hummer verzichten

Hummer werden monatelang auf qualvolle Art und Weise gelagert, um schliesslich lebendig im Kochtopf zu landen. Fair-fish fordert jetzt die Gastrobetriebe auf, dem ein Ende zu setzen.

von
V. Fehlmann
Tiefgefroren oder lebendig? Bei der Zubereitung von Hummer gehen die Meinungen auseinander.

Tiefgefroren oder lebendig? Bei der Zubereitung von Hummer gehen die Meinungen auseinander.

Kein Anbieter/Getty Images

Der eine schwört darauf, der andere sieht keinen Unterschied: Wenn es darum geht, ob ein Hummer tiefgefroren oder noch lebendig in den Kochtopf kommt, scheiden sich die Geister der Gourmets. Tatsache ist, dass lebende Tiere ein schmerzhaftes Ende durchstehen, bevor sie beim Gast auf dem Teller landen. Bianca Miglioretto, Co-Geschäftsleiterin vom Verein fair-fish Schweiz, schildert den Ablauf: «Die Hummer werden im Spätsommer gefangen und dann in Süsswasser-Tümpeln gehalten, obwohl sie Salzwasser benötigen. Dann werden die Tiere wie Weinflaschen in Kartons gepackt.»

Doch der Albtraum endet für die Tiere noch lange nicht. «Einige der Hummer werden in den Auslagen in der Schweiz auf Süsswasser-Eis gelagert», ergänzt Miglioretto. «Dies verursacht den Tieren Schmerzen.» In Aquarien werden sie oft auf engstem Raum eingepfercht. «Sind viele von ihnen so dicht beieinander, bedeutet das für die einzelgängerisch lebenden Tiere grossen Stress.» Schliesslich würden die Hummer noch lebendig in den Kochtopf gesteckt. «Da dauert es dann ein paar Minuten, bis sie tot sind», sagt Miglioretto.

Restaurants streichen lebende Hummer vom Speiseplan

Zwar konnte bisher nicht einwandfrei nachgewiesen werden, dass Hummer und Langusten schmerzempfindlich sind, eine Studie der Efsa (European Food Safety Authority) aus dem Jahr 2005 zeigt jedoch, dass sie zumindest über höhere kognitive Fähigkeiten verfügen. Susanne Hagen, Biologin bei fair-fish, ist davon überzeugt, dass Hummer Schmerzen empfinden.

Für Hagen und Miglioretto ist deshalb nicht nachvollziehbar, warum die Tiere für die Gastronomie so lange am Leben bleiben müssen. Trotzdem schwören noch viele, insbesondere edle Restaurants, auf lebende Ware. Fair-fish will dagegen vorgehen. Mit Erfolg: Zwei Restaurants haben bereits eingelenkt und die lebenden Tiere aus dem Sortiment gestrichen.

Eines davon ist das Zürcher Restaurant Frascati. Dort hat man auf die Bitte von fair-fish reagiert. Statt lebende Hummer gibt es Tiefkühlware. «In unseren Restaurants verwenden wir aus Tierschutzgründen sowie aus transport- und lagertechnischen Überlegungen ausschliesslich gefrorene Hummerschwänze», schreibt Nicole Thurnherr, Mitglied der Geschäftsleitung der Ospena Group AG, zu der auch das Frascati gehört.

Manche Gäste wollen lebende Hummer

Eine Topadresse für Hummer ist die Zürcher Hummer- & Austernbar. Schon Arnold Schwarzenegger und Prinz Charles haben hier gegessen. Das Restaurant hat auch lebende Hummer aus der Bretagne im Sortiment, wie Restaurantleiter Leon Prezelj bestätigt. Dass es den Tieren schlechter ergeht, wenn sie erst kurz vor dem Kochen getötet werden, glaubt er nicht. «Der einzige Unterschied liegt beim Zeitpunkt. Tiefkühl-Hummer werden direkt nach dem Fang getötet, die lebenden vor dem Kochen.» Die Art sei dieselbe: «Der Kopf des Hummers wird in kochend heisses Wasser getaucht, die Tiere sind dann sofort tot und können weiterverarbeitet werden.»

Prezelj hält fest, dass lebende Hummer frischer seien als tiefgekühlte. Es sei durchaus möglich, dass manche Gäste gerade deswegen in die Hummerbar kommen. Trotzdem erhält das Restaurant hin und wieder Briefe von Bürgern, die sich um das Wohl der Tiere sorgen. Auf Tiefkühlware umsteigen werde man allerdings trotzdem nicht.

Lebende Hummer in der Politik

Die Diskussion um lebende Hummer als Speise brodelt schon seit längerem. Im September 2015 reichte Grünen-Nationalrätin Maya Graf eine Motion für ein Importverbot für lebende Hummer zu Speisezwecken ein. Graf kritisiert, dass die Tiere monatelang leiden und schliesslich qualvoll getötet werden. Sie stützt sich auf eine Studie der Vereinigung Schweizer Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzte (VSKT), die aufzeige, dass der Umgang mit lebenden Hummern gegen das Gesetz verstosse. Laut Graf garantiere nur eine Tiefkühlung einen einwandfreien hygienischen Zustand des Fleisches. In einer Stellungnahme vom November erklärte der Bundesrat, dass der Umgang mit lebenden Hummern zwar problematisch sei, ein Importverbot jedoch nicht mit dem bilateralen Veterinärabkommen mit der EU vereinbar sei. Er beantragte deshalb eine Ablehnung der Motion. Fair-fish gibt sich damit nicht zufrieden und hat auf seiner Internetseite einen Brief aufgeschaltet, den man direkt an Bundesrat Alain Berset schicken kann. Darin wird das Importverbot erneut gefordert. Bisher wurde der Brief rund 500 Mal verschickt.

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