Kofi Annan im Visier britischer Spione
Aktualisiert

Kofi Annan im Visier britischer Spione

Der britische Geheimdienst hat laut der ehemaligen Entwicklungsministerin Clare Short vor dem Irak-Krieg UNO-Generalsekretär Kofi Annan abgehört.

Premierminister Tony Blair wollte dies am Donnerstag weder bestätigen noch dementieren.

Short, die aus Protest gegen den Krieg zurückgetreten war, sagte in einem BBC-Radiointerview, Grossbritannien habe vor dem Krieg «Spione auf Kofi Annans Büro angesetzt». Annan sei «eine ganze Zeit lang» abgehört worden. «Ich habe einige Abschriften von Aufzeichnungen seiner Gespräche gelesen», fügte sie hinzu.

Blair bezeichnete Shorts Äusserungen bei seiner monatlichen Pressekonferenz als «völlig unverantwortlich». Er könne zu den Vorwürfen im einzelnen nicht Stellung nehmen, da Premierminister nie öffentlich über Aktionen der Geheimagenten Auskunft gäben.

Er versicherte aber: «Wir handeln in Übereinstimmung mit britischem und internationalem Recht. Verstehen Sie das nicht als Hinweis darauf, dass die von Clare Short erhobenen Vorwürfe wahr sind.»

UNO nicht überrascht

Der stellvertretende Leiter des UNO-Büros in Brüssel, Andreas Nicklisch, bezeichnete eine Bespitzelung als «nicht völlig überraschend, weil wir das schon immer vermutet haben». «Das ist natürlich illegal», fügte er hinzu. Weil die UNO absolut transparent und offen arbeite, sei es auch völlig unnötig.

Der aussenpolitische Sprecher der oppositionellen Liberaldemokraten, Sir Menzies Campbell, sagte: «Wenn diese Vorwürfe stimmen, werden sie den sowieso schon angekratzten Ruf Grossbritanniens bei der UNO nicht gerade verbessern.»

Auch andere belauscht?

Am Mittwoch hatte die Staatsanwaltschaft ein Verfahren gegen eine ehemalige Übersetzerin beim britischen Geheimdienst eingestellt, die geheime Informationen über Abhörmassnahmen einer Zeitung zugespielt hatte. Nach eigenen Worten wollte die 29-jährige Katherine Gun damit den Krieg verhindern.

Sie hatten dem «Observer» eine E-Mail weitergeleite. Aus diesem geht hervor, dass die USA Grossbritannien vor dem Krieg baten, beim Abhören anderer Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats mitzuhelfen.

Gun war dafür zunächst festgenommen und wegen Geheimnisverrats angeklagt worden. Doch die Staatsanwaltschaft gelangte zu der Erkenntnis, dass die Beweise für eine Verurteilung nicht ausreichten.

Nach Presseberichten wollte die Regierung nicht mit den Anklägern kooperieren, weil sie das Bekanntwerden weiterer unangenehmer Informationen über den Krieg befürchtete. Auch der ehemalige UNO-Chefwaffeninspektor Hans Blix hatte kürzlich gesagt, er sei ganz sicher vor dem Irak-Krieg von Agenten abgehört worden.

(sda)

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