Auszeichnung für Altkanzler: Kohl braucht Hilfe beim Umblättern
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Auszeichnung für AltkanzlerKohl braucht Hilfe beim Umblättern

Als Helmut Kohl am Abend in den Weissen Saal des Stuttgarter Neuen Schlosses im Rollstuhl hereingeschoben wird, brandet Beifall von den 450 geladenen Gästen auf. Es ist der erste öffentliche Auftritt des 79-Jährigen nach seinem schweren Sturz vor über einem Jahr.

Der Altkanzler wirkt gebrechlich. Fast ohne Regung nimmt er den Hanns-Martin-Schleyer-Preis der gleichnamigen Stiftung entgegen. Begleitet wird er von seiner zweiten Frau Maike.

Die nach dem 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten benannte Stiftung zeichnete Kohl für seine Verdienste um die deutsche Einheit und den europäischen Einigungsprozess aus.

Genesungsurlaub unterbrochen

Für die Preisverleihung unterbrach Kohl seinen Genesungsurlaub. «Ich habe mir das lange überlegt», sagt der Altkanzler und geht in seiner nur fünf Minuten dauernden Rede, die nur schwer zu verstehen ist, auf seine besondere Beziehung zu Schleyer ein: «Ich habe einen Freund verloren.»

Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger hilft seinem Parteifreund beim Umblättern des Redemanuskripts. Der 79-Jährige beschreibt das Leid, das die Terroristen im Deutschen Herbst 1977 angerichtet hätten. Es seien furchtbare Jahre gewesen, für die Familien der Opfer. «Dieses gehört für mich dazu, wenn wir über 60 Jahre Bundesrepublik reden», sagt der Altkanzler. Die Preisverleihung sei eine Gelegenheit, sich an das Thema zu erinnern.

Juncker hält Lobrede

Der 79-Jährige sagt: «Es ist soviel gesagt, aber das Wichtigste ist das Wort des Dankes.» Eine sehr persönliche Laudatio auf Kohl hält der Ministerpräsident von Luxemburg, Jean-Claude Juncker: «Kohl ist das Gesicht Europas für viele Menschen in der Welt.» Ohne ihn gäbe es den Euro nicht. Er habe den Euro gegen den Widerstand in Deutschland durchgesetzt. Kohl habe nicht das grosse Deutschland in Europa zelebriert. «Er hat sehr früh gewusst, dass man die kleinen Nachbarn so beachten muss wie die grossen. Er hat sich nie selbst überhöht.»

«Leitfahrzeug im europäischen Einigungsprozess»

Juncker lobt Kohl als «Leitfahrzeug im europäischen Einigungsprozess.» Der damalige Kanzler habe die deutsche Einheit mitgestaltet, die der grösste Glücksfall im 20. Jahrhundert gewesen sei. Kohl sei für die deutsche Einheit in Europa eingetreten. Als er als Bundeskanzler «richtig voll im Saft war», sei die Präsenz schon manchmal störend gewesen, meint Juncker. Kohl habe eine herzhafte, humorvolle und direkte Art gehabt. Das massivste Fehlurteil sei, wenn man sage, dass Kohl störrisch gewesen sei.

Kohl von Sturz gezeichnet

Die Nachwehen seiner schweren Krankheit merkt man Kohl an, vor allem bei seiner Rede. Er hatte sich bei einem Sturz vor Jahresfrist ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen und verbrachte eine längere Zeit in einer Rehabilitationsklinik. Der Altkanzler war zuletzt öffentlich aufgetreten, als er den dritten Teil seiner Memoiren vorstellte. Während er sich von seinem Unfall erholte, heiratete er im vergangenen Jahr im engsten Kreis. (dapd)

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