Konsum auf Höchststand: Kokain avanciert zur deutschen Volksdroge
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Konsum auf HöchststandKokain avanciert zur deutschen Volksdroge

In Deutschland wurde 2015 mehr Kokain als Cannabis beschlagnahmt. Kein Wunder: Das weisse Pulver gelangt über einfache Wege nach Europa.

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Kokain wird in Deutschland heute nicht mehr ausschliesslich von der reichen Oberschicht und Promis konsumiert, sondern auch von der arbeitenden Mittelschicht.

Kokain wird in Deutschland heute nicht mehr ausschliesslich von der reichen Oberschicht und Promis konsumiert, sondern auch von der arbeitenden Mittelschicht.

Keystone/Martin Ruetschi
Die Koka-Pflanzen werden im Andengebiet in Südamerika angepflanzt und dann an die Kartelle verkauft. Um ein Kilo Kokain herzustellen, braucht man 250 Kilo Kokablätter.

Die Koka-Pflanzen werden im Andengebiet in Südamerika angepflanzt und dann an die Kartelle verkauft. Um ein Kilo Kokain herzustellen, braucht man 250 Kilo Kokablätter.

AP/Rodrigo abd
In provisorischen Laboren im Urwald - vor allem in Kolumbien - stellen die Kartelle in einem dreischrittigen Verfahren das Endprodukt Kokainhydroclorid (Kokain) her.

In provisorischen Laboren im Urwald - vor allem in Kolumbien - stellen die Kartelle in einem dreischrittigen Verfahren das Endprodukt Kokainhydroclorid (Kokain) her.

AP/Fernando Vergara

Die Nachfrage nach Kokain ist in Deutschland so hoch wie noch nie. Allein im vergangenen Jahr stellten deutsche Drogenfahnder doppelt so viel Kokain sicher wie im Vorjahr: 3,5 Tonnen – das ist sogar mehr, als von der Massendroge Cannabis beschlagnahmt wurde.

Laut einem Bericht der «Welt am Sonntag» hat das hauptsächlich damit zu tun, dass die Droge nicht mehr nur von der reichen Oberschicht oder Prominenten konsumiert wird, sondern auch von der arbeitenden Mittelschicht. Die Recherche der Journalisten zeigt eine weitere neue Tendenz im Konsum auf: Das weisse Pulver wird haufiger unter der Woche als am Wochenende konsumiert.

• Der Weg nach Europa

90 Prozent der von Südamerika nach Europa geschmuggelten Drogen kommen per Frachtschiff. Besonders beliebt sind Bananenlieferungen. Die Drogenfahnder in den Häfen von Rotterdam, Antwerpen oder Hamburg wissen das, doch sie können nicht viel dagegen tun. Denn mit einem einzigen Frachter kommen 80'000 Bananenkartons, die kontrolliert werden müssten – eine unmogliche Aufgabe, zumal die kontrollierten Bananen danach entsorgt werden müssten.

• Die Fahndungserfolge

Wenn Kokain von den Behörden beschlagnahmt wird, dann steckt eigentlich viel Glück dahinter, so der Bericht. Oftmals werden die Frachter auf der Reise nach Europa umgeleitet und die Drogenladungen kommen an einem Hafen an, wo sie nicht erwartet werden.

Das passierte zum Beispiel im Mai 2015, als Aldi-Angestellte ganze Früchtepaletten entdeckten, die mit Kokainpackchen bestückt waren. Die Polizei stellte dabei 386 Kilogramm Kokain sicher. Offenbar hatte es auf der Überfahrt einen sogenannten COD (Change of Destination) gegeben und die Drogen wurden an einem anderen Ort abgeladen als ursprunglich geplant.

• Die Preise

Ein Kilo reines Kokain kostet im Durchschnitt 38'000 Franken. Der Preis variiert je nach Jahreszeit: Zwischen Weihnachten und Silvester steigt er markant, während er im Sommer ein Tief erreicht. Der durchschnittliche Konsument kauft jeweils ein Pulver, in dem in vielen Fällen nur noch 15 Prozent reines Kokain enthalten ist. Für 0,6 Gramm bezahlt er etwa 65 Franken.

• Der Gewinn

Nachdem das reine Kokain in Europa angekommen ist, wird es von den Zwischenhändlern gestreckt: Zuerst streckt die lokale Drogenorganisation den Stoff im Verhältnis 1:1 und verkauft ihn mit einer Reinheit von 50 Prozent weiter. Sie verdienen also mindestens 100 Prozent an der Ware.

Dann wird der Stoff von den regionalen Zwischenhändlern erneut 1:1 gestreckt und an kleinere Dealer weiterverkauft. Jetzt befinden sich in einer Drogenportion nur noch 25 Prozent Kokain. Dealer mit Stammkunden werden den Stoff nicht mehr strecken, Dealer mit Gelegenheitskaufern hingegen mehrheitlich schon.

• Der Weg der Drogen in die USA

Das Kokain der südamerikanischen Drogenkartelle landet nicht nur in Europa, sondern auch in Nordamerika. Häufig schieben Schmuggler an der Grenze zwischen Mexiko und den USA Drogen in grossem Stil durch lange Tunnels.

Erst am Montag entdeckten mexikanische Ermittler in der Grenzstadt Tijuana einen rund 515 Meter langen unterirdischen Gang, der bis auf US-Boden reichte. Der Tunnel verlief rund sieben Meter unter der Erdoberfläche, war 90 Zentimeter breit und 1,20 Meter hoch. Der Gang war sogar mit einem Lüftungssystem, Beleuchtung sowie Schienen ausgestattet.

Doch die Kartelle lassen sich immer wieder Neues einfallen, um die Drogen zu transportieren. In Mexiko-Stadt machten Fahnder eine aussergewöhnliche Entdeckung: In einem Stück Käse steckte Crystal Meth mit einem Gewicht von 1,9 Kilogramm. Eine Röntgenuntersuchung des Käseblocks habe ein darin verstecktes Paket ans Licht gebracht. Als das Milcherzeugnis aufgeschnitten wurde, stiessen die Beamte auf die synthetische Droge, die in ein Blei- und Kohlepapier eingewickelt war. Durch das Kohlepapier sollte offenbar der Geruch abgemildert werden.

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