Drogenschmuggel: Kokain im Feriengepäck
Aktualisiert

DrogenschmuggelKokain im Feriengepäck

Die Schweiz wird derzeit von Kokain überschwemmt. Ins Land kommt der Stoff immer öfter mit Touristen, die auf eigene Faust agieren und sich schnellen Reichtum versprechen.

von
Thomas Pressmann

Zurück aus den Ferien, das Kokain mit im Gepäck: Unter den Schmugglern stellt die Polizei vermehrt ganz normale Touristen fest. Der Kokainhandel in der Schweiz werde zurzeit zwar klar von Personen aus Westafrika dominiert, aber: «Von alteingesessenen südamerikanischen Kartellen im Hintergrund bis zum einzelnen Schweizer Tourist ist alles dabei», sagt Roger Flury von der Bundeskriminalpolizei (BKP).

Touristen als Drogenschmuggler – gerade im Flughafen Zürich ein häufiges Bild. Selbst Senioren transportieren in Koffern mit doppelten Böden und Wänden Kokain um die halbe Welt, wie Stefan Oberlin von der Kantonspolizei Zürich bestätigt. «Die Reisenden denken, sie können damit schnell viel Geld machen.» Einige versuchten auf eigene Faust, mit den Verkäufern ins Geschäft zu kommen, andere würden von Drogenhändlern angegangen und witterten das schnelle Geld.

Teure Fracht in der Velohose

Hergestellt wird das Kokain in Südamerika aus der Cocapflanze. Von dort gelangt es entweder direkt oder via Spanien, Portugal oder die Niederlande in die Schweiz. «Geschmuggelt wird das Kokain mit den unglaublichsten Methoden», sagt BKP-Sprecher Flury. Professionelle Drogenkuriere arbeiten das Kokain in Textilien ein, verstecken es im Reisegepäck oder transportieren es mittels Bodypacker. Dabei schlucken die Schmuggler das in Kondome verpackte Kokain und scheiden es später wieder aus – eine lebensgefährliche Praxis.

Am Flughafen Zürich wurden letzthin gleich mehrere Frauen erwischt, die jeweils 2,5 Kilo Kokain in Velohosen versteckt am Körper trugen. Aber auch ausgehöhlte und mit Kokain gefüllte Schuhsohlen, Kleiderbügel oder Holzmörser stellen die Behörden am Flughafen Zürich immer wieder sicher. Oder Konservendosen, die statt Bohnen Kokain enthalten.

Viel Geld mit billigem Kokain

Die Preise von Kokain sind in den letzten Jahren deutlich gefallen, auf noch rund 80 Franken pro Gramm. Trotzdem ist es immer noch ein sehr lohnendes Geschäft. Die Zollbehörden schätzen die Gewinne aus dem Kokainhandel in der Schweiz auf einen mehrstelligen Millionenbetrag. 100 000 Personen konsumieren gemäss Bundesamt für Gesundheit hierzulande regelmässig Kokain. Europaweit werden geschätzte 150 Tonnen jährlich verbraucht. Die aktuellste Kriminalstatistik des Bundes weist fürs Jahr 2007 404 Kilogramm beschlagnahmtes Kokain aus – mehr als je zuvor. Die beschlagnahmten Mengen anderer weit verbreiteter Betäubungsmittel blieben in den letzten Jahren dagegen stabil.

Auf dem Land angekommen

Immer breitere Bevölkerungskreise konsumieren Kokain. Die Droge der Schönen und Reichen in den Städten ist längst auch auf dem Land angekommen. Und der günstige Gramm-Preis macht eine Linie auch für Jugendliche erschwinglich, wie Suchtanlaufstellen besorgt feststellen. Das Bundesamt für Gesundheit warnt vor den negative Auswirkungen auf die Gesundheit und das soziale Umfeld der Konsumenten. Für den Bund ist der Kokainhandel denn auch das dringendste Problem im Drogenbereich.

Zudem gebe es Hinweise, dass die Schweiz speziell für Kokain zu einem Umschlagplatz geworden sei, wie Andreas Trachsel von der Fachstelle für Betäubungsmittel bei der Zollverwaltung sagt. So stellen die Grenzwächter nicht nur die Einfuhr von Kokain in die Schweiz fest, der Stoff wird zunehmend von hier wieder ins Ausland geschmuggelt. «Die Schmuggler profitieren von unserem gut ausgebauten Verkehrsnetz», sagt Bundeskriminalist Flury.

Lieferengpässe gibt es nicht

Die Bekämpfung des Kokainhandels scheint zudem relativ schwierig zu sein. «Es fällt auf, wie gut organisiert manche Banden sind», sagt Stefan Lanzrain von der Kantonspolizei Bern. «Auch wenn wir grössere Mengen Kokain sicherstellen, wird noch am gleichen Tag weiter gedealt, zu Lieferengpässen kommt es allem Anschein nach nicht.»

Sechs Kilo Kokain wurden im letzten Jahr im Kanton Bern beschlagnahmt. Was nach wenig klingt, wertet Lanzrain als Erfolg. Aber: «Wir stellen fest, dass enorme Mengen an Kokain im Umlauf sind, so viel wie wohl noch nie.» Beim Zoll ist man angesichts der grossen Mengen ebenfalls ratlos. Grenzwächter, Zoll und die Polizeistellen arbeiten auch mit dem Ausland zusammen – mit mässigem Erfolg. «Gegen die Übermacht der Händler können wir eigentlich gar nicht viel ausrichten», sagt Drogenfachmann Trachsel von der Zollverwaltung. «Es tobt ein Krieg – ein Drogenkrieg.»

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