Aktualisiert 09.05.2018 07:53

Drogen-UmfrageKokain wird schneller geliefert als eine Pizza

Schweizer Kokser wollen ihren Stoff möglichst rasch. Der Markt reagiert: Jeder dritte Dealer liefert in weniger als einer halben Stunde.

von
P. Michel
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5600 Schweizer nahmen an der weltweit grössten Drogen-Umfrage, der Global Drug Survey, teil. Bei ihnen ist offenbar neben Alkohol, Tabak und Cannabis auch Kokain hoch im Kurs: 15 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten gekokst zu haben.

5600 Schweizer nahmen an der weltweit grössten Drogen-Umfrage, der Global Drug Survey, teil. Bei ihnen ist offenbar neben Alkohol, Tabak und Cannabis auch Kokain hoch im Kurs: 15 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten gekokst zu haben.

Keystone
Um an ihren Stoff zu kommen, mussten sie nicht lange warten, wie eine weitere Auswertung zeigt. Von jenen Schweizern, die im letzten Jahr Kokain und auch Pizza bestellt hatten, gaben 30,3 Prozent an, die Koks-Lieferung sei in weniger als einer halben Stunde eingetroffen.

Um an ihren Stoff zu kommen, mussten sie nicht lange warten, wie eine weitere Auswertung zeigt. Von jenen Schweizern, die im letzten Jahr Kokain und auch Pizza bestellt hatten, gaben 30,3 Prozent an, die Koks-Lieferung sei in weniger als einer halben Stunde eingetroffen.

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Der Pizzabote habe dagegen nur in 16,7 Prozent der Fälle im selben Zeitfenster liefern können.

Der Pizzabote habe dagegen nur in 16,7 Prozent der Fälle im selben Zeitfenster liefern können.

Bloomberg

Für die grösste Drogen-Umfrage der Welt, die Global Drug Survey, wurden 130'000 Personen zu ihrem Konsum befragt. Darunter auch 5600 Schweizer (siehe Box). Die Ergebnisse liegen 20 Minuten vor. Auffallend: Neben Alkohol, Tabak und Cannabis ist auch Kokain hoch im Kurs: 15 Prozent der Befragten gaben an, in den letzten zwölf Monaten gekokst zu haben. Und um an den Stoff zu kommen, mussten sie nicht lange warten, wie eine weitere Auswertung der Umfrage zeigt.

Die Forscher haben nämlich verglichen, wie lange es laut Angaben der Konsumenten, die Koks bestellt hatten, dauerte, bis es bei ihnen eintraf – und wie lange der Pizzabote für seine Lieferung brauchte. Die Befragten gaben an, dass in 30,3 Prozent der Fälle das Koks in unter einer halben Stunde geliefert wurde. Der Pizzabote brauchte dagegen länger: In nur 16,7 Prozent der Fälle schaffte er es im gleichen Zeitfenster. Zudem gaben die befragten Schweizer Kokskonsumenten an, dass in 40,2 Prozent der Bestellungen der Stoff noch am selben Tag eingetroffen sei.

«Kokainmarkt ist sehr businessorientiert»

Dass auch in der Schweiz das Kokain teils schneller als die Pizza geliefert wird, erstaunt Frank Zobel, Vizedirektor von Sucht Schweiz, nicht. «Der Kokainmarkt ist sehr dynamisch. Es ist jener Drogenmarkt, der sich am stärksten auf die Bedürfnisse der Kunden ausrichtet.» Wenn diese also wie bei anderen Konsumgütern wie Kleidern auf eine «Same-Day-Delivery» nach dem Motto «Ich will es jetzt» pochten, schlage sich die Forderung auch im Angebot nieder. «Im Gegensatz zum Heroinmarkt, der sich auf Abhängige stützt und auf der Strasse abgewickelt wird, sind Dealer der Lifestyle-Droge Kokain sehr businessorientiert.»

Die Interpretation der Autoren der Global-Drug-Survey: «Drogen sind zu einem Konsumgut wie jedes andere geworden.» In einem umkämpften Markt würden Anbieter deshalb versuchen, die Lieferketten so zu organisieren, um die Konsumenten möglichst rasch zu beliefern.» Sie hofften so, den Konsum zusätzlich anzukurbeln. Zobel: «Wir stellen fest, dass Dealer zunehmend nur einige hundert Gramm in die Schweiz bringen, um damit ohne zu grosses Risiko just in time liefern zu können.»

Westafrikaner dominieren Kokainhandel

Diese Strategie scheint sich auszuzahlen: Im Kanton Waadt ist der Kokainmarkt mengen- und umsatzmässig grösser als alle anderen «Pills und Powders» (etwa Ecstasy oder Heroin) zusammen. Den Handel dominieren Gruppen aus Westafrika, insbesondere Nigerianer. Das ist das Resultat einer Untersuchung von Sucht Schweiz in Zusammenarbeit mit der Uni Lausanne, die im Sommer veröffentlicht wird.

Die neue Drogen-Umfrage ist da

Jetzt startet die Befragung für den Global Drug Survey 2018.

Auf Anfrage verweist das zuständige Bundesamt für Polizei auf die Kantone. Ein Analyst des Bundes ging 2010 davon aus, dass pro Jahr bis zu 5303 Kilogramm Kokain mit einem Wert von einer halben Milliarde Franken umgesetzt werden. Die Zahl der Personen, die koksen, schätzte er auf 75'824.

Für den Kanton Zürich schreibt die Kantonspolizei: «Der Kokainmarkt basiert seit Jahren auf unveränderten internationalen illegalen Strukturen.» Das Koks werde via Fracht in die grossen Häfen Europas gebracht und danach von kriminellen Gruppen weiter verteilt. Auch der Schmuggel auf dem Luftweg nach Zürich sei etabliert.

Bestellungen erfolgen oft per Telefon

Damit die Ware beim Kunden schnell ankomme, werde der Kokainverkauf oft per Telefon abgewickelt, erklärt Zobel. «Dadurch ist eine schnelle Lieferung möglich, oft kommen die Dealer direkt zu den Kunden nach Hause oder sie treffen sich in einer Bar.» Der Zeitdruck für die Dealer sei auch ein Grund dafür, dass Bestellungen per Darknet in der Schweiz noch wenig verbreitet seien – obwohl sie dort vor der Polizei sicherer sein könnten. Laut Global Drug Survey bestellten im letzten Jahr 4,4 Prozent der Befragten Drogen im Darknet.

Global Drug Survey

Die anonyme Online-Umfrage wird seit 2011 jährlich durchgeführt. Sie ist nicht repräsentativ, junge Männer sind übervertreten. Zudem ist davon auszugehen, dass Drogenkonsumenten eher an der Umfrage teilgenommen haben als Abstinente. Entwickelt wurde die Befragung vom englischen Psychiater Adam R. Winstock mit dem Ziel, weltweit Daten über positive wie negative Seiten des Drogenkonsums zu erheben und zu erforschen.

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