20.01.2016 19:24

Kannibalen-Zellen

Koks bringt das Hirn dazu, sich selber aufzufressen

Kokain lässt Gehirne schrumpfen. Es bringt die grauen Zellen dazu, sich selbst zu verdauen.

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fee

Kokain gilt als Wachmacher, der die Leistung steigern und für einen Kick sorgen soll. Doch der Preis dafür ist hoch: So macht das weisse Pulver nicht nur schnell abhängig und führt bei einer Überdosis zum Tod, es schädigt auch das Gehirn. Die Folgen sind ein fünffach höheres Risiko für Schlaganfälle, ein schnellerer Schwund der grauen Gehirnmasse (siehe Box 1) und damit verbunden kognitive Ausfälle.

Gehirnzellen vertilgen sich selbst

Was Kokain genau mit dem Gehirn des Konsumenten anstellt, haben nun Forscher der Johns Hopkins University in Versuchen mit Zellkulturen und Mäusen gezeigt: Die Droge bringt die Gehirnzellen dazu, sich selbst zu verdauen, wie das Team um Prasun Guha in den «Proceedings of the National Academy of Science» schreibt.

Der Fachausdruck dafür lautet Autophagie. Er beschreibt den natürlichen Aufräumprozess der Zellen, bei dem sie sich beispielsweise von unerwünschten Ablagerungen befreien. «Eine Zelle ist wie ein Haushalt, der ständig Abfall produziert», erklärt Guha in einer Mitteilung. Und die Autophagie sei der Hauswart, der den Müll herausbringe. «Das ist normalerweise eine gute Sache.»

Kokain lässt Hauswart durchdrehen

Kommt jedoch Kokain ins Spiel, meint es der Hauswart zu gut: Er sorgt dafür, dass auch solche Dinge rausgeschmissen werden, die der Mensch eigentlich braucht. Zunächst schrumpft der Zellkern, dann die Zelle als Ganzes und am Ende stirbt die Nervenzelle.

Die neuen Erkenntnisse könnten laut Guha auch in der Therapie Anwendung finden: Wenn die Zerstörungskraft des Kokains allein auf der Autophagie beruht, dann könnten spezielle Hemmstoffe dieses Signalwegs die gefährliche Wirkung der Droge auf das Gehirn verhindern oder zumindest hemmen. Das könnte beispielsweise Kindern kokainabhängiger Mütter zugutekommen. Denn wenn diese im Mutterleib mit der Droge in Kontakt gekommen sind, werden sie häufig mit Defiziten in der Hirnentwicklung geboren. Ihnen könnte so geholfen werden.

Kokain in der Schweiz

8,8 Kilogramm reines Kokain werden in den 13 grössten Städten der Schweiz konsumiert – pro Tag. Allein in Zürich werden täglich 1,7 Kilogramm reines Kokain konsumiert Dies haben Abwasser-Analysen ergeben, die die Uni Lausanne vorgenommen hat. Berücksichtigt man, dass der Reinheitsgehalt kaum über 40 Prozent liegt, dürften es gar 22 Kilogramm pro Tag sein.

Graue Hirnsubstanz

Die graue Hirnsubstanz nimmt etwa bis zum 12. Lebensjahr zu, bevor sie sich allmählich wieder ausdünnt. Betroffen von dem Verlust sind vor allem der präfrontale Cortex und der Hippocampus, die für exekutive Funktionen und das Langzeitgedächtnis unerlässlich sind.

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