«Ich habe nur noch geweint»: Koks-Party, Sex-Hotel, Fast-Amputation – das Drama des Ex-Wunderkinds Pato
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«Ich habe nur noch geweint»Koks-Party, Sex-Hotel, Fast-Amputation – das Drama des Ex-Wunderkinds Pato

Viele dachten einst, dass Alexandre Pato den Ballon d’Or gewinnen würde. Doch er tat es nie. Nun spricht er von seinen Fehlern und menschlichen Abgründen.

von
Nils Hänggi
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Bei der AC Milan wurde Pato nicht glücklich.

Bei der AC Milan wurde Pato nicht glücklich.

imago sportfotodienst
Er hatte irgendwann immer wieder Verletzungen, durfte so nur wenige Male jubeln. 

Er hatte irgendwann immer wieder Verletzungen, durfte so nur wenige Male jubeln. 

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Mittlerweile spielt er bei Orlando City in den USA.

Mittlerweile spielt er bei Orlando City in den USA.

USA TODAY Sports

Darum gehts

«Warum hat Pato den Ballon d'Or nicht gewonnen?» «Warum war Pato immer verletzt?» «Was ist mit Pato passiert?» Mit diesen Fragen startet der Text von Alexandre Pato im «The Players Tribune». Es ist ein eindrücklicher Text des heute 32-jährigen Brasilianers. Ein brutal ehrlicher und auch schockierender. Und einer, der wohl viele Fussball-Fans aufrüttelt und denken lässt: «Ah ja, den gibt es noch?!» 

Denn schliesslich galt Pato einst als das Wunderkind im Weltfussball. Entdeckt wurde er mit zehn Jahren in seiner brasilianischen Heimat. Internacional Porto Alegre wollte ihn, sein Vater fuhr mit ihm über 600 Kilometer für das Probetraining. Er überzeugte. «Gott sei Dank», so Pato. Seine Familie hatte nicht viel Geld, auch weil seine Mutter wegen Rückenschmerzen nicht arbeiten gehen konnte. Pato erzählt: «Mein Papa hat vor Ort realisiert, dass wir uns ein normales Hotel nicht leisten konnten, also hat er uns in ein Sex-Hotel eingecheckt.» 

«Vielleicht hat der Arzt die Stimme von Gott gehört»

Doch der junge Brasilianer überzeugte und fand bei Porto Alegre einen Verein. Schon das eigentlich ein Wunder! Ein Jahr, bevor ihn Inter unter Vertrag nahm, kam es nämlich zum Riesen-Drama. Pato verlor fast seinen linken Arm, Ärzte wollten diesen wegen eines Tumors amputieren. Die einzige Lösung? Eine Operation. Die kostete jedoch eine Stange Geld, das die Familie nicht hatte. Patos Vater flehte den Arzt an, zeigte ihm Videos des fussballspielenden Sohnes. Pato meint im «The Players Tribune»: «Es geschah ein Wunder! Vielleicht hat der Arzt die Stimme von Gott gehört. Er sagte, dass er die Operation übernehmen würde, was er auch tat.» 

Zum Glück. Ansonsten wäre das Leben des Brasilianers noch dramatischer geworden, als es ohnehin schon wurde. Am 17. Dezember 2006 schlug er mit Internacional Porto Alegre im Final der Club-WM die Champions-League-Sieger aus Barcelona mit 1:0. Pato überzeugte, sein Stern ging auf – schlagartig kannte ihn die gesamte Fussballwelt. Ein halbes Jahr später wechselte er für über 27 Millionen Franken zur AC Milan. Er schwamm fortan in Geld, all die Geldsorgen aus der Kindheit waren wie weggeblasen. 

Bei Milan wurde Trainer Carlo Ancelotti rasch zur Vaterfigur. Er kickte mit Stars wie Andrea Pirlo, Clarence Seedorf oder eben Ronaldinho, der ein Jahr nach Pato in die Serie A gewechselt war. Anfangs war alles in Ordnung. Pato erzielte Tore in der Champions League, debütierte in der brasilianischen Nationalmannschaft, war das Wunderkind im Weltfussball. Fans, Spieler und Experten waren sich einig: Irgendwann wird dieser Junge den Ballon d’Or gewinnen! Nun – dazu kam es nicht, das Elend begann.

Pato bereut, dass er nicht redete

Immer wieder war Pato verletzt, sein Körper streikte. Er erzählt, dass er Angst gehabt habe, von seinen Verletzungen zu erzählen. Wenn er ein Leiden hatte, ignorierte er es. Die Folge: Die Verletzungen wurden immer schlimmer. Er reiste zu Ärzten überall auf der Welt – getrieben von der Hoffnung, dass alles wieder gut wird. In dieser Zeit merkte er, wer seine wahren Freunde waren. «Ich fühlte mich so einsam», so Pato. Und: «Ich habe nur noch geweint, geweint und geweint. Ich hatte Angst davor, nie wieder Fussball spielen zu können.» Er sei psychisch ein Wrack gewesen, erzählt der 32-Jährige. «Ich war der grosse Flop, der Junge mit dem vielen Geld, der Typ, den sogar die Fans nicht mehr haben wollten.» 

Pato bereut heute vor allem, dass er immer schwieg, nicht kommunizierte. Der Brasilianer: «Ich habe das nie verstanden. Mir wurde gesagt, dass nur die Ergebnisse auf dem Platz zählen. Das stimmt einfach nicht.» Und so zog er im Januar 2013 die Reissleine und wechselte zurück in seine Heimat zu Corinthians Sao Paulo. Später versuchte er es in Europa nochmals bei Chelsea, Villarreal, schliesslich landete Pato beim China-Club Tianjin Tianha. Er war, wie er erzählt, zu jener Zeit auf einem guten Weg: «Ich habe den Fussball dort wie einen normalen Job gesehen, habe während meiner Zeit dort viel über das Essen und die Kultur gelernt. Ich habe verstanden, dass es mehr als Fussball und das gibt, was auf dem Platz passiert.»

«Wenn das Leben ein Spiel ist, habe ich gewonnen»

Doch dann – wieder ein Tiefpunkt. Wieder wählte Pato die falsche Abzweigung. Nach China war Pato Single, er beschloss, seine Freiheit zu geniessen. «Ich ging nach Los Angeles. Ich wollte das beste Hotel, das beste Auto, die besten Partys», so das Ex-Wunderkind. «Ich bin auf einer Party gelandet, auf der ein Mädchen neben mir Koks konsumiert hat. Ich habe mich nur noch gefragt: ‹Was tust du überhaupt hier?›» Der Brasilianer merkte: Etwas ging gehörig schief in seinem Leben. Wieder zog er die Reissleine, ging zurück nach Brasilien und schrieb einer alten Freundin, Rebeca, eine SMS: «Willst du abhängen?» Sie wollte – heute ist sie seine Ehefrau. 

Mittlerweile kickt Pato in den USA bei Orlando City. Er ist glücklich, wie er im «The Players Tribune» schreibt. Er sei vielleicht nicht der beste Spieler der Welt geworden, so der Fussballer. Aber: «Ich habe eine erstaunliche Beziehung zu meiner Familie. Ich bin mit mir im Reinen. Ich habe eine Frau, die ich liebe.» Den Beitrag schliesst er mit den emotionalen Worten: «So, wie ich das sehe, habe ich viele Ballon d'Ors. Wenn das Leben ein Spiel ist, habe ich gewonnen.» Und was soll man sagen? Diesen Sieg gönnt ihm wohl jeder Mensch auf der Welt. 

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